Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

22.05.08, Pastor Wolfram Krebs

"Vater unser ... und vergib uns unsere Schuld"

Liebe Hörerinnen und Hörer. „Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.“

So heißt es im Vater unser, das buchstäblich seit Jahrtausenden von Abermillionen Christen aller Konfessionen gebetet wird. Mir fällt das überhaupt nicht leicht, andere um Vergebung zu bitten. Mir sind sogar diese sogenannten „klärenden Gespräche“ eher unangenehm. Wenn es ein Missverständnis gab, ist die Lösung natürlich schnell gefunden. Bei echten Meinungsverschiedenheiten verhärten sich die Fronten oft nur noch und die Gegensätze vertiefen sich.

Einen Anderen ehrlich um Vergebung bitten, scheint mir noch komplizierter zu sein. Es kommt  auch nicht so oft vor, dass mich mal jemand um Vergebung bittet, aber meist geht es dann so: „Tut mir leid Wolfram, dass dich das verletzt hat, das wollte ich nicht. Aber du hast ja auch dies und das und und und. Fazit: Eigentlich bist du ja selbst schuld.“ Wenn er doch nur rechtzeitig aufgehört hätte! So werde ich den Verdacht nicht los: seine angebliche Entschuldigung hat er nur missbraucht, mir noch einmal all das an den Kopf zu werfen, was mir damals schon weh getan hat. Was uns trennt, ist nicht weg, obwohl ich ihm mit leicht säuerlicher Miene vergeben habe. Seine Entschuldigung war nicht echt, meine Vergebung war es auch nicht.

„Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.“ Diese Bitte des Vater unsers ist mir einmal ganz buchstäblich im Halse stecken geblieben. Wie vergebe ich denn denen, die an mir schuldig geworden sind? „Lieber Vater im Himmel, genauso kleinkariert, nachtragend und ehrpusselig wie ich mit anderen umgehe, geh du auch mit meiner Schuld um“? Bloß das nicht! Moment. Ist denn nicht Schuld vor Gott etwas ganz anderes als das, was uns Menschen voneinander trennen kann? Im Verständnis der Bibel ist sich das ziemlich dasselbe. Schuld trennt von Gott und damit vom Leben und vergiftet das Miteinander nachhaltig.

Die Zeit heilt hier übrigens keine Wunden. Als das ehemalige Jugoslawien auseinanderbrach, begann zwischen den Völkerstämmen ein Morden, das seine Ursachen auch in den Untaten hatte, die den zweiten Weltkrieg begleiteten. Christen untereinander sind da übrigens auch nicht besser: Vor ein paar Jahren wurde ich in einem orthodoxen Kloster am Singen gehindert mit dem Hinweis auf die Trennung von Ost- und Westkirche und die liegt immerhin mehr als 950 Jahre zurück.

Es gibt aber auch Beispiele, die mich ermutigen und das ausgerechnet bei der unvergleichlichen Schuld, die im Namen des deutschen Volkes den Juden angetan worden ist. Wer soll da wem vergeben können? Natürlich gibt es auch hier immer wieder Stimmen, die das als vergangen abhaken möchten oder von der angeblichen Gnade einer späten Geburt faseln. Aber schon das eher hilflose Bemühen angesichts unüberwindlicher Schuld hat zu einem Verhältnis zwischen Juden und Deutschen geführt, das deutlich mehr ist, als alles in der Geschichte davor. Gottes Weg mit unserer Lebensschuld umzugehen ist für viele heute schwer nachzuvollziehen. Sein Sohn stirbt am Kreuz für die Schuld und Sünde der Menschen. Das ist kein göttlicher Federstrich, Gott nimmt Schuld so todernst, wie sie ja auch wirklich ist.

Wer das als für sich geschehen annimmt, der gerät nicht in einen neutralen Zustand, der wird dadurch Gottes Kind. Und wenn echte Vergebung unter uns Menschen geschieht, dann bleiben nicht zwei Neutrale zurück, sondern Freunde. Vielleicht sogar Schwestern und Brüder, die sich nun nicht mehr an die Schuld erinnern, die sie mal trennte, sondern an das Wunder der Vergebung, das sie vereint.

Audiobeitrag "Vater unser ... und vergib uns unsere Schuld"


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