Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

23.05.08, Pastor Wolfram Krebs

"Vater unser ... und führe uns nicht in Versuchung"

Liebe Hörerinnen und Hörer. „Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen“, so heißt die letzte Bitte des Vater unsers.

Vielleicht denken Sie jetzt an das leckere, leider ungeheuer kalorienreiche Menü, das ihnen versuchlich ins Ohr zu flüstern scheint: „Iss mich, iss mich“? Oder an die Millionen Euro, die irrtümlich und unbemerkt auf ihrem Konto gelandet sind? Vielleicht taucht da ja auch in der Phantasie der Märchenprinz oder die Traumfrau auf, genau ins eigene Beuteschema passend und ungeheuer interessiert, ausgerechnet an meiner Person. Wahrscheinlich gibt es so viele Versuchungen, wie es Menschen gibt. „Und führe uns nicht in Versuchung...“

Wirklich überraschend finde ich, dass Gott mit dieser Bitte angesprochen wird. Wieso soll uns eigentlich Gott nicht in Versuchung führen? Ist dafür nicht der Teufel zuständig? Der Böse oder das Böse? Auch wer sich hier von altertümlichen Vorstellungen gelöst hat, wird das Vorhandensein des Bösen nicht leugnen können. Jeder Blick in x-beliebige Nachrichten beweist seine Existenz. Und für die Hoffnung, dass sich die Menschen Schritt für Schritt zu edleren Wesen entwickeln, fehlt mir persönlich schlicht der Glaube. Die Menschen, die mir so begegnen, ähneln jedenfalls denen sehr, die schon in dem uralten Bibelbuch beschrieben sind. Ich finde mich da auch wieder. Dass unser Vater im Himmel mit dieser Bitte angesprochen wird, hat Gründe.

Die Bibel sieht den Menschen nicht als willenlosen Spielball zwischen zwei mehr oder weniger gleichberechtigten Mächten. Diese Vorstellung gibt es zwar, sie stammt aber nicht aus der Bibel, sondern aus dem Manichäismus persischen Ursprungs. Das muss man nicht wissen. Aber mit dem Hinweis auf die Macht des Bösen kann sich vor Gott niemand aus seiner Verantwortung für sein Leben herausreden. Auf Gottes Barmherzigkeit und Bewahrung aber darf jeder hoffen, der sich seinem Vater im Himmel anvertraut. Und auch die Sehnsucht nach Erlösung verstehe ich sehr gut. Simul justus et peccator beschreibt Martin Luther die Existenz des Christen vor Gott, gerechtfertigt und doch zugleich jemand, dem es nicht gelingen kann durchs Leben zu gehen, ohne immer wieder neue Schuld auf sich zu laden.

Das sind ja nicht die ganz großen Dinge, viel eher die kleinen, die vielen, nicht selten faulen Kompromisse, die mein Leben zerfasern lassen. „Du bist dann nicht mehr jung, wenn du deinen ersten Kompromiss gemacht hat.“ sagte mal jemand. Ich finde, er hat Recht. Den großen Lebenskrisen kann man eher ausweichen als den kleinen alltäglichen Dingen, die für sich gesehen so harmlos wirken. Ich bin jedenfalls froh, dass die Verkehrsteilnehmer, die vor mir herschleichen wenn ich durch Köln fahre, meine Kommentare nicht hören können. Alltagskram? Kleinigkeiten? Ich weiß, dass nur die wenigsten Beziehungen am ganz großen Krach zerbrechen. Die kleinen Lieblosigkeiten und Missachtungen, die Spitzen, die man für einen Scherz halten könnte: Tausend kleine Tropfen, die das Fass zum Überlaufen bringen und auch die glühendste Liebe nachhaltig auslöschen. Aus der Bitte nach Erlösung spricht die Hoffnung auf das Kommende, das Reich Gottes, das da verwirklicht ist, wo tatsächlich Gottes Wille regiert. Und das dann ausschließlich, wie jetzt schon im Himmel.

Am Ende des Vater unsers richtet sich der Blick des Beters wieder auf Gott selbst. Auch wenn das noch nicht vollendete Wirklichkeit in unserem Leben geworden ist: Sein Sieg steht fest. Das ist noch mehr als lebendige Hoffnung, es ist die Gewissheit des Beters vor unserem Vater im Himmel.

Audiobeitrag "Vater unser ... und führe uns nicht in Versuchung"


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