Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

24.05.08, Pastor Wolfram Krebs

"Vater unser .... denn dein ist das Reich"

Liebe Hörerinnen und Hörer. Das Vater unser schließt mit den Worten: „Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen.“

Begonnen hat das Gebet, das Jesus selbst seine Jünger lehrte, mit dem gemeinsamen Blick auf Gott, unseren Vater im Himmel. Sein Wille soll geschehen, sein Reich kommen. Elementare Bitten sind vor sein Ohr gekommen, damit unser Leben gelingen kann. Und nun erhebt der Beter wieder den Blick von seinem eigenen Leben auf Gottes Wirklichkeit. Ein wenig erinnert mich dieser Verlauf an die Weise, wie Christen ihren Lebenslauf grundsätzlich verstehen können. In der Taufe beginnt dieses neue Leben zeichenhaft. „Von neuem, von oben herab geboren aus Wasser und Geist.“ So versucht es Jesus Christus in einem berühmten Nachtgespräch dem Ratsherrn Nikodemus zu erklären. Dieses Leben wird im Vertrauen auf Gott in den Niederungen unserer Existenz geführt und endet für den, der glauben kann, nicht im Tode, sondern in Gottes Ewigkeit.

So kann man auch den Lebensweg Jesu beschreiben: Von Gott, aus seiner Gegenwart gesandt lebt und wirkt er auf Erden und kehrt durch den Tod hindurch in Gottes Reich zurück. Diesen Lebensweg zeichnet auch das Vater unser nach. Für mich ist das viel mehr als ein Gebet von vielen. Ich finde hier Maßstäbe und Gewichtungen wieder, die helfen, mein Leben gelingen zu lassen.

Ein sehr bekannter Prediger des vorigen Jahrhunderts hat mal gesagt: „Viele Beter gleichen Menschen, die in den Thronsaal Gottes stürmen, einen Sack voller Sorgen und Bitten vor ihm ausschütten und danach gleich wieder weglaufen.“ Das Vater unser zeigt uns einen anderen Weg. Ich vermute, dass die meisten wohl deshalb beten, weil sie Sorgen, Wünsche oder Hoffnungen haben und sich von Gott Beistand und Hilfe erhoffen. Sie sind damit in guter Gesellschaft. Die Beter der Psalmen etwa, der Lieder und Gebete Israels, verfahren nicht anders. Aber die erleben ganz häufig etwas, das vielen Betern sonst verwehrt bleibt. Sie treten in die Gegenwart Gottes mit all ihren Nöten und in dieser Gegenwart verändern sie sich selbst und es verändert sich der Blickwinkel, mit dem sie ihre Sorgen besehen. An den Umständen hat sich bisher noch gar nichts geändert, aber sie sehen nun von Gott her auf ihr Leben und all seine Gefährdungen und sie selbst verändern sich in dieser Gegenwart Gottes.

Ich weiß:  das ist eine spirituelle Erfahrung, die vielen fremd ist. Aber sie steht jedem offen, der sich vertrauensvoll in die Gegenwart unseres Vaters im Himmel begibt. Die Worte, die wir da sagen, sind hier oft weniger bedeutend als das, was wir da hören können. Auch wenn das mehr ein Hören mit dem Herzen ist, als mit den Ohren. Das kann man üben und das kann man sogar dann schon erleben, wenn man sich selbst noch gar nicht als Glaubenden bezeichnen würde. Oder, um es mit den Worten des Vater unsers selbst auszudrücken: Im Gebet vor unseren Vater im Himmel treten dürfen auch die, die in ihm noch nicht ihren Vater im Himmel kennen gelernt haben. In dieses Unser Vater sind alle Menschen mit eingeschlossen, denn die Liebe dieses Vaters im Himmel gilt allen Menschen. Und hier sehe ich den Kern des Evangeliums, der frohen Botschaft. Das Vater unser, altbekannt, oft genug formelhaft dahergesagt: für den, der es bewusst spricht, kann es zum Beginn eines Lebens im Vertrauen auf Gott werden, das kein Ende hat. Denn sein ist das Reich, und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen.

Audiobeitrag "Vater unser .... denn dein ist das Reich"


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