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Alles in allem
Tiziano Terzani war Journalist, der Asienkorrespondent des Nachrichtenmagazins Der Spiegel. Er sagt über sich: »Ich wollte Journalist werden,
weil ich die Welt verändern wollte. Ich wollte nach Asien, denn ich hatte den Eindruck, dort besteht eine Gesellschaft, in der die Menschen besser überleben können als bei uns in Europa. Davon wollte ich schreiben.« Der Italiener lebte rund 30 Jahre in Asien. Seine letzten Lebensmonate aber verbrachte er in Europa, in dem toskanischen Dörfchen Orsigna. Schon als Kind war dieses Dorf für ihn eine Zuflucht aus dem beengten Leben in Florenz. Er sagt: Ich wollte mich aus diesen beengten Verhältnissen befreien. »Nicht durch Geld oder Macht, sondern indem ich versucht habe, jemand zu werden, der die Welt verändert
Natürlich habe ich nichts verändert.« Bei Tiziano Terzani klingt das nicht resigniert. Sondern er sagt: »Ich hatte das Glück, zwei große Geschenke zu bekommen: meinen Krebs und meine Pensionierung. Dadurch bekam ich Zeit, über das Leben nachzudenken. Und wusste immer deutlicher: Man verändert nur etwas, indem man sich selbst ändert.«
Als Tiziano Terzani Ende 50 war, hatte man bei ihm Krebs diagnostiziert. Er ließ sich operieren, chemotherapieren, strahlenbehandeln. Zwischendurch verließ er die Klinik immer wieder und ging in die Einsamkeit, in den Himalaja. Dort lernte er von der Natur und einem alten, weisen Mann loszulassen, alles loszulassen: den Beruf, die Familie, sich selbst, seine Pläne. Als der Krebs zurückkam, Tiziano war inzwischen Mitte 60, wollte er keine Chemotherapie mehr. Er, der die Freiheit geliebt hat, sagt: »Eines der wenigen Dinge, die ich in der Einsamkeit meiner Hütte im Himalaja wirklich verinnerlicht habe, ist, auf jeden Wunsch zu verzichten. Das ist die wahre, die letzte große Form von Freiheit. Ich wünsche mir nichts mehr. Bestimmt kein längeres Leben.«
Er geht nach Italien. Dort im Frühling in Orsigna geht es ihm körperlich immer miserabler. Aber er ist glücklich. In seinem letzten Buch Das Ende ist mein Anfang sagt er: »Ich spüre, wie mein Leben entweicht und doch nicht entweicht, denn es ist Teil des Lebens all dieser Bäume, des Lebens an sich. Wunderbar, sich im Leben dieses Kosmos aufzulösen. Ich fühle mich immer mehr eins mit der großen Kraft des Lebens, die manche mit einem Bart versehen haben und Gott nennen.« Tiziano erlebt etwas von dem, was die asiatischen Weisen ihn lehrten und was die Bibel so beschreibt: »Am Ende wird Gott sein alles in allem. Der letzte Feind, der vernichtet wird, ist der Tod. Jesus Christus hat den Tod als Erster überwunden. Danach überwinden die ihn, die zu ihm gehören.«
Mir gefällt diese Aussicht: Gott wird alles in allem sein. Und mich beeindruckt das gelöste Loslassen Können am Ende eines Lebens. Aber ich bin noch lange nicht so weit. Ich möchte so vieles festhalten: Menschen, Glücksmomente, das Leben selbst. Es macht mich traurig, dass ich einmal alles loslassen muss. Ein Mensch wie Tiziano Terzani tröstet mich, der eine Ahnung davon bekommen hat, dass Gott auch dann noch da ist. Dass der Schöpfer allen Lebens die große Lebenskraft bleibt, auch wenn ich nicht mehr lebe. Welche Geschenke Gott mir wohl schenkt, damit ich lerne loszulassen!? Ich hoffe, ich werde auch einmal sagen können: »Am Ende ist Gott alles in allem und ich fühle mich immer mehr eins mit der großen Kraft des Lebens.«
Buchtipp: »Das Ende ist mein Anfang«. Über das Leben Tiziano Terzanis. Herausgegeben von Folco Terzani.
Alles in allem
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