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Er hatte keine Wahl
Er war Journalist, Chefredakteur des französischen Hochglanzmagazins Elle, ein Mann der schnellen Entscheidungen, geistreich, aufbrausend, erfolgreich.
Mit 43 begann er von einem Tag auf den anderen ein neues Leben so nannte er es. Jean-Dominique Bauby hatte es nicht selbst gewählt. Er hatte gar keine Wahl. Er fand sich plötzlich als eine Figur aus dem Buch Der Graf von Monte Christo wieder. Aber er war nicht der Graf, nicht der Held, von dem man träumt, er war Großpapa Noirtier. Er sagt: »Ich war diese traurige Figur, die zu drei Vierteln dem Grab geweiht war. Dieser vollständig Behinderte bringt einen nicht zum Träumen, sondern zum Erschauern.« Wie bei Großpapa Noirtier floss dem Mann der Pariser Szene jetzt der Speichel aus dem geschlossenen Mund, Arme und Beine hingen leblos von ihm herab, der Kopf schaukelte unkontrolliert hin und her. Jean-Dominique Bauby hatte einen Hirnschlag erlitten und war danach komplett bewegungsunfähig, eingesperrt wie in eine Taucherglocke, ohne Sprache, er konnte nur noch mit einem Auge blinzeln und er war bei glasklarem Verstand.
Vor elf Jahren starb Jean-Do Bauby, 15 Monate nach seinem Hirnschlag, ein paar Tage nach Erscheinen seines Buches: "Schmetterling und Taucherglocke", das jetzt auch als Film in den Kinos läuft. Der Journalist Bauby, der früher der Meister der Worte war, hatte für sein Buch seine Sätze per Augenblinzeln diktiert, Buchstaben für Buchstaben. Er schreibt: »Mein Zustand ist für mich ein Wechselbad der Gefühle. Mit 43 Jahren gewindelt zu werden wie ein Baby, gebadet zu werden manchmal habe ich eine gewisse Lust daran. Am nächsten Tag kommt mir das alles erschütternd vor.«
»Warum? Warum ich? Warum hat Gott das zugelassen?«, diese Fragen stellt Jean-Do Bauby nicht, jedenfalls nicht in seinem Buch. Anderes ist ihm wichtiger. Zum Beispiel sein Erstaunen über bisher unbeachtete Schätze. Er schreibt: "Ich bekomme bemerkenswerte Briefe. Sie sprechen vom Sinn des Lebens, vom Mysterium jeder einzelnen Existenz, und in einer seltsamen Umkehrung behandeln die, mit denen ich die oberflächlichsten Beziehungen hatte, die Grundfragen am ausführlichsten. Ihre Unbekümmertheit verbarg Tiefen. War ich blind und taub, oder bedarf es unbedingt der Beleuchtung durch ein Unglück, um einen Menschen in seinem wahren Licht zu zeigen?"
Ich glaube, Jean-Do Bauby hat sein Buch geschrieben, damit auch wir anderen ein neues Leben beginnen auch ohne, dass uns ein Unglück widerfährt. Ein Leben, das die kleinen Herrlichkeiten schätzt: seinem Sohn über den Kopf streicheln zu können, ein weich gekochtes Ei den Gaumen herabfließen zu lassen, an einem Frühlingsmorgen das Glück zu empfinden, neben einem geliebten Menschen aufzuwachen.
Jean-Dominique Baubys mühsam geblinzelte Worte ähneln den uralten Worten eines biblischen Weisen: »Iss dein Brot, trink deinen Wein, und sei fröhlich dabei! Denn schon lange gefällt Gott dein Tun! Genieße das Leben mit der Frau, die du liebst, solange du dein vergängliches Leben führst, das Gott dir gegeben hat. Genieße jeden flüchtigen Tag. Alles, was du tun kannst, wozu deine Kraft ausreicht, das tu.«
Jean-Dominique Bauby in seiner Taucherglocke waren diese kleinen Glücke des Lebens mittlerweile unerreichbar. Nur noch in seiner Phantasie konnte er glückstaumeln wie ein Schmetterling. Er hatte keine Wahl. Wir schon.
Er hatte keine Wahl
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