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Wegschaugesellschaft
Schon wieder Österreich titelten die Zeitungen vor drei Wochen, als die unfassbare Horrorgeschichte aus Amstetten bekannt wurde.
Schon wieder die Alpenrepublik, wo der Horizont der Menschen klein und der Abgrund der Seelen tief ist, hieß es in einem Zeitungsartikel, in dem dann weiter fabuliert wurde über das geheimnisvoll dunkle Potential der Menschen zwischen Salzburg und den Südtiroler Bergen.
Schon wieder Österreich? Und was ist mit all den anderen Tätern: mit Dutroux in Belgien, dem Mann in Ungarn, der seine Tochter 13 Jahre lang gefangen hielt, oder der deutschen Mutter, die neun ihrer Babys umbrachte?! Bitter, die Statistik, die uns das Bundeskrimininalamt vorgelegt hat: In den letzten zehn Jahren ist die Zahl der Kindesmisshandlungen in Deutschland um 50 Prozent gestiegen. 20.000 Kinder werden jährlich bei uns misshandelt, viele davon mit Todesfolge.
Schon wieder Österreich? Vorsicht! In der Hand mit dem ausgestreckten Zeigefinger weisen zugleich drei Finger auf Dich selbst zurück, hat der frühere deutsche Bundespräsident Gustav Heinemann einmal gesagt. Er kannte das von Jesus: Was siehst du den Splitter im Auge deines Bruders, doch den Balken in deinem eigenen Auge nimmst du nicht wahr. Ja, wir haben genug zu tun mit unseren eigenen Grausamkeiten, den Grausamkeiten auf deutschen Straßen und Schulhöfen, in unseren Wohnvierteln und Nachbarschaften. Das dunkle Potential, das, was aus Menschen kleine oder große Bestien machen kann, liegt nicht zwischen den Tiroler Bergen, sondern in uns selber.
Sind wir eine Wegschaugesellschaft? Fragten sich die Österreicher, als bekannt wurde, wie lange Josef Fritzl seine Tochter und die Kinder im hauseigenen Kellerverlies versteckt hatte. Unglaublich, dass niemals herauskam, was er im Keller eigentlich trieb. Dass die Nachbarn nie Verdacht geschöpft haben wollen. Die Österreicher eine Wegschaugesellschaft? Nicht anders, nicht mehr und nicht weniger als die Belgier, die Deutschen, wir alle. Wir alle verstehen uns gut darauf wegzuschauen.
Keine große Kunst für uns. Man nennt sie auch die Kunst des Verdrängens, des Wegschiebens, des Nichtwahrhabenwollens. Sie fängt ganz bei uns selbst im privaten Bereich an: Das kann doch nicht sein, nein, mein Mann macht so was nicht, und dann doch: hunderte von Kinderpornos auf seinem PC! Das kann nicht sein, nein, unser Sohn nicht, niemals würde er Drogen konsumieren, das muss ein Missverständnis sein. War es aber nicht, weil die Eltern nie wirklich hingeschaut und nachgefragt haben: Was ist eigentlich los mit dir?
Vielleicht hätte diese Frage bei der Ehefrau von Josef Fritzl ja schon gereicht, um sie aus der Reserve zu locken. Was ist los mit Dir, können wir dir helfen? Ein Jammer, dass diese Frage so selten gestellt wird. Sie ist unbequem, vor allem dann, wenn sie mich herausfordert, der Wahrheit ins Auge zu sehen bei Menschen, die mir nahe stehen. Unbequem auch, weil sie mich aus der Rolle des unbeteiligten Zuschauers herausholt. Hinschauen, Hinhören, Handeln, so lautet das Motto des österreichischen Hilfswerks, einer großen sozialen Organisation in unserem Nachbarland. Genau so hat es auch Jesus gemeint, als er die Geschichte von dem Mann erzählte, der von unbekannten Tätern ausgeraubt wurde und verletzt am Straßenrand lag. Zwei Herren, die des Wegs kamen, schauten lieber weg, nur einer half, der dann später der barmherzige Samariter genannt wurde. Hinschauen, Hinhören, Handeln. Darauf kommt es an. Nicht nur in Österreich.
Wegschaugesellschaft
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