Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

20.05.08, Jost Klausmeier-Saß

Das Gute sehen

Über schreckliche Kriminalfälle liest man ja jeden Tag was in der Zeitung oder hört was in den Nachrichten.

Aber für mich war der Fall aus Österreich, wo ein Vater über Jahre seine Tochter einsperrt und missbraucht überhaupt nichts Alltägliches mehr. In den letzten Wochen hab ich ständig darüber nachdenken müssen, was da passiert ist. Wie jemand so etwas tun kann. Unglaublich, finde ich, dass über all die lange Zeit niemand was bemerkt haben soll. Oder will. Unvorstellbar, wie die Kinder, die ihr ganzes Leben im Keller verbracht haben, jetzt ihr Leben draußen organisiert kriegen sollen. Ein Fall, finde ich, der einem den Glauben an das Gute im Menschen kaputtmachen kann.

Und das glaube ich, ist auch das, was für mich persönlich das Wichtigte nach allem ist: Zuerst: Augen aufhalten und nicht wegsehen, wenn ich das Gefühl habe, in meiner Nachbarschaft leiden Menschen. Aber für mich genauso wichtig: Dass ich nicht anfange, jedem Menschen zu misstrauen. Dass ich nicht nur negativ über uns Menschen denke. Dass ich die guten Seiten des Menschen nicht aus den Augen verliere: Menschen können sich helfen. Sich unterstützen. Sich mögen. Können zärtlich miteinander umgehen. Sich lieben. Menschen können wunderbare Dinge erfinden. Gestalten. Komponieren.

In der Bibel steht: „Gott hat den Menschen nur wenig niedriger gemacht als sich.“ Das will ich nicht vergessen, wenn die Nachrichten voller menschlicher Schuld und Schattenseiten sind. Wenn ich das Gefühl kriege, das Böse gewinne am Ende. Man muss das Gute im Menschen sehen, sonst macht uns das Böse verrückt.

Sprecher: Michael Birgden

 

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