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Hoffen auf das Wunder
Autor: Man kann nicht elektrisches Licht benutzen, moderne medizinische Mittel in Anspruch nehmen und gleichzeitig an die Wunder der Bibel glauben,
urteilte vor 60 Jahren der Theologe Rudolf Bultmann. Darüber denken wir heute anders. Warum sollen wir bezweifeln, dass Jesus, wie in der Bibel berichtet wird, tatsächlich auf wunderbare Weise Menschen von ihrer Krankheit geheilt hat? Und wer selber von Krankheit betroffen ist, wird gerne alle medizinischen Mittel ausschöpfen und gleichzeitig auf ein Wunder hoffen.
Ich bin Dietmar Silbersiepe, evangelischer Pfarrer in Düsseldorf.
Alle Zeitungen und Nachrichtenmagazine haben über Armin Schütz berichtet, ehemaliger Patient einer alternativen Krebsklinik in Bad Mergentheim. Die Ärzte hatten ihm geraten, er solle sein Testament machen. Sie könnten nichts mehr für ihn tun, sein Hautkrebs sei unheilbar. Doch plötzlich wurde der Familienvater gesund, einfach so, ohne jede weitere Therapie. Das, was ihm das Leben rettete, nennen Mediziner Spontanheilung. Ein Phänomen, das bisher wenig beachtet und erforscht wurde. Was nicht zuletzt daran liegt, dass Spontanheilungen einfach nicht in das Weltbild der Schulmedizin passen. Maren Petzold ist das ziemlich egal. Die 47jährige Mutter von zwei Kindern ist aus schulmedizinischer Sicht austherapiert.
O-Ton Maren Petzold: Ich hab sehr viele Tiefschläge einstecken müssen. Ich war krebsfrei, wurde wieder krebskrank, metastasiert. Dann machte ich die Chemo, hatte kurzfristigen Erfolg und langfristig die Depression. Und das zwei dreimal hintereinander.
Autor: Nach 5 Chemos und 3 Bestrahlungen fragt sich Maren, wie es für sie weiter gehen kann.
O-Ton Maren Petzold: Jetzt wäre wieder dran Chemo, und so weiter und so weiter. Zum ersten Mal sage ich, nee, das hat ja alles keinen Sinn mehr, - erst mal geht die Chemo nicht mehr, die würde mich wahrscheinlich eher umbringen -, jetzt musst du, du musst einfach jetzt einen anderen Weg finden, weil auch diese Schulmedizin ausgeschöpft ist.
Autor: Zu den anderen neuen Wegen gehört eine Therapie bei einem Alternativmediziner und vor allem die Beschäftigung mit dem Thema Spontanheilung. Sie liest Bücher und Erfahrungsberichte von Menschen, die auf wunderbare Weise geheilt wurden. Ein Ergebnis ist
O-Ton Maren Petzold:
dass das immer wieder auf den Punkt komm, dass Angst und Verzweiflung die Spontanheilung so gut wie unmöglich machen, und dass Hoffnung und Zuversicht weiter helfen. Und das ist natürlich genau der Punkt, der schwierig ist, vor allen Dingen für mich, wo ich eigentlich Realist bin.
Autor: Der Realist sagt: Metastasen können sich nicht von alleine zurückbilden. Der Hoffende sagt: Dennoch! Dennoch hoffe ich auf das Unmögliche. Ich will gesund werden und hoffe auf das Wunder.
O-Ton Maren Petzold: Manche sagen, ein Wunder, das passiert gegen die Gesetze der Natur, und nur Gott, der Schöpfer kann das beeinflussen. Ich glaub, ein Wunder passiert mit der Natur. Nur, wir kennen die Natur in diesem Punkt noch nicht.
Autor: Ob gegen die Natur oder auf unerklärliche Weise mit der Natur, ein unglaubliches Wunder wäre es allemal, wenn Maren Petzold die Diagnose bekäme: geheilt. Sie setzt dabei neben der alternativen medizinischen Therapie vor allem auf ihre innere Einstellung, ihre Kampfbereitschaft und ihre Zuversicht, die ihr keiner nehmen kann und keiner nehmen soll. Vielleicht stärkt das ja meine inneren Selbstheilungskräfte, sagt Maren. Aber sie weiß auch, herbeiführen lässt sich das Wunder dadurch nicht.
O-Ton Maren Petzold: Du kannst dir das wünschen. Alles, was du machen kannst, du kannst sagen: es ist zu jedem Zeitpunkt und in jedem Krankheitsstadium möglich, aber du kannst es nicht erzwingen. Du kannst nicht mit deinem Geist sagen, bei mir wird es jetzt auch passieren. Ich kann das nur hoffen.
Musik: I trust you, Joakim Arenius & Praise Unit
Autor: Die Hoffnung stirbt zuletzt, sagt Maren Petzold. Die 47jährige ist an Krebs erkrankt und hofft auf ein Wunder. Ob sie einen der so genannten Wunderheiler aufsuchen soll, darüber denkt sie gerade nach.
O-Ton Maren Petzold: Früher habe ich mich über so was amüsiert oder hab ich das belächelt. Ich hab, als ich noch in Meschede war in dem Krankenhaus, Patienten kennen gelernt, die so was versucht haben. Ich würde das jetzt gar nicht mehr ausschließen. Aber ich muss mich da nochn bisschen mit beschäftigen.
Autor: Was ihr hilft, die Hoffnung auf das Wunder nicht aufzugeben, sind Erfahrungen, die sie als spirituell bezeichnet, zum Beispiel wenn sie Gospellieder singt, die sie als Mitsängerin in einem Gospelchor kennen gelernt hat.
O-Ton Maren Petzold: Ich kann nicht so gut da in den Gottesdienst gehen, ich singe die Gospels, die sind bei mir so tief drin. Manchmal wach ich nachts auf, und dann kommt so ne Zeile, die wir geübt haben, the only way is to trust you. Ich weiß ja auch nicht weiter, und dann kommt plötzlich so ne Zeile, der einzige Weg ist, dass du einfach vertraust, denk nicht drüber nach, vertrau einfach. Und dann machts hier oben klick, und dann steh ich da und denk: super, danke, dann bin ich total froh, und dann bin ich richtig dankbar.
Autor: Auch das Gebet gehört zu ihrem spirituellen Weg.
O-Ton Maren Petzold: Manchmal bete ich. Ich glaub, ich mach von jedem etwas: Dann bete ich, bitte ich um Beistand, dann fühle ich mich selber stark und nehm die Dinge in die Hand, alles, von jedem etwas. Darfst nur eins nicht machen, darfst nicht dich ausliefern und nur den Ärzten glauben.
Autor: Dabei gibt es allerdings auch Ärzte, die eben nicht nur die Leitlinien und Regeln der Schulmedizin im Blick haben.
O-Ton Martin Wöller: Wenn wir uns auf so was zurückziehen, dann sind wir nur Mediziner.
Autor: Sagt Martin Wöller, Facharzt für Innere Medizin in Düsseldorf. Er möchte für sich unterscheiden zwischen seinem Beruf als Mediziner und seiner Berufung als Arzt.
O-Ton Martin Wöller: Der Mediziner ist halt derjenige, der Forschungsergebnisse auswertet, finde ich, der sagt: So und so ist der Stand der Dinge, so und so ist die Prognose, so und so ist die Behandlung. Der Arzt ist derjenige, der sagt, nein, wir machen das hier mal ganz anders, wir entfernen uns hier mal von der Leitlinie, dieser Patient kriegt mal ein ganz anderes Medikament, oder dieser Mensch ist so zufrieden mit seinem Leben, den lassen wir einfach mal so weiter leben, auch wenn ein Tumorleiden in der Progression ist.
Autor: Martin Wöller und seine Ehefrau, Marianne Ey-Wöller, die ebenfalls als Ärztin arbeitet, haben keine Probleme damit, wenn Patienten neben der schulmedizinischen Behandlung nach anderen Therapiemöglichkeiten Ausschau halten. Beide wissen um die Grenzen der Medizin und halten auch Spontanheilungen für möglich.
O-Ton Marianne Ey-Wöller: Wenn alle Befunde so sind, dass man wirklich Metastasen überall hat, und dass die plötzlich verschwunden sind, wie soll das sein? Wie soll das irgendwie medizinisch überhaupt erklärbar sein? Das ist ein Wunder.
Autor: In ihrer eigenen Nachbarschaft haben sie eine Heilungsgeschichte erlebt, für die es keine Erklärungen gibt: Ein Patient mit einer nichttherapierbaren Viruserkrankung, der monatelang im Wachkoma lag, geht heute wieder seiner beruflichen Tätigkeit nach. Und die beiden engagierten Ärzte kennen auch Patienten, die ihre Genesungsgeschichten mit Gott in Verbindung bringen.
O-Ton Marianne Ey-Wöller: Wenn ein Mensch von einer schweren Krankheit wieder gesund geworden ist, und dieser Mensch sagt hinterher: Da hat mir Gott geholfen, dann ist das gut so, das ist, finde ich, okay.
Autor: Und wenn das Wunder ausbleibt, hat Gott dann nicht geholfen?
Musik: Will the circle be unbroken, Gene Harris
Autor: Ich will glauben, dass Gott auf wunderbare Weise heilend eingreifen kann, so wie es in der Bibel mehrfach erzählt wird, zum Beispiel von Jesus, der Leprakranke, Blinde oder Gelähmte von ihrer Krankheit geheilt hat. Warum sollten wir uns von unserem Verstand oder der Schulmedizin vorschreiben lassen, was möglich ist und was nicht? Ich will Gott zutrauen, dass seine großartigen Möglichkeiten unseren kleinen menschlichen Horizont weit übersteigen. Aber was ist, wenn das Wunder, die Spontanheilung, ausbleibt? Was ja leider der Normalfall ist. Anne Schneider hatte mit ihrer leukämiekranken Tochter Meike auf ein Wunder gehofft. Vergeblich. Meike starb vor drei Jahren im Alter von 22.
O-Ton Anne Schneider: Wir sind eigentlich nicht in diese Krankheit reingegangen mit dem Gefühl, wir bereiten das Sterben vor, sondern wir brauchen nur Geduld, und sie wird wieder gesund. Und diese Hoffnung hat uns mit einigen Brüchen dann fast zwei Jahre lang getragen.
Autor: Hoffnung auch dann noch, als die Ärzte Meike aufgegeben hatten. Unbändig, ja, fast trotzig haben sie auf ein Wunder von Gott gehofft, Mutter, Tochter und der Vater, Nikolaus Schneider, Präses der Ev. Kirche im Rheinland.
O-Ton Anne Schneider: Da war ich mit Meike, waren wir uns auch ganz einig, dass wir Gott das zutrauen, dass es für Gott noch möglich wäre, die Leukämiezellen zu killen.
Autor: Gehofft haben sie und gebetet, unablässig gebetet und sich getragen gefühlt von vielen anderen Menschen, die mitgebetet haben.
O-Ton Anne Schneider: Da hatte ich schon eigentlich, ja, fast 2 Jahre so das Gefühl, ich versuche Gott das Leben meiner Tochter abzuringen oder abzutrotzen. Insofern war mein Beten nicht einfach nur so: Gott mach sie bitte gesund, sondern schon auch so: Gott erweise dich als die Macht in meinem Leben, lass mich jetzt nicht hängen.
Autor: Das Wunder ist ausgeblieben trotz unbändigen Glaubens und der vielen Gebete.
O-Ton Anne Schneider: Ich habe darauf gehofft bis, sagen wir mal, 14 Tage etwa vor Meikes Sterben. Dann hatte ich einfach für mich so das Gefühl, Gott will das nicht tun, nicht: Gott kann das nicht, sondern: Gott will das nicht.
Autor: So lautet die schwerste aller Fragen: Warum will Gott nicht, dass eine 22jährige, die ihr Leben vor sich hat, leben darf, leben kann?
O-Ton Anne Schneider: Das ist die offene Frage, die ich ihm als erstes stellen werde, wenn ich Gott von Angesicht zu Angesicht sehe. Ich suche nicht eine theoretische Antwort darauf. Ich stelle die Frage ganz persönlich: Warum zum Donner hat Gott Meike nicht das irdische Leben gelassen, an dem sie so hing? Mit dieser offenen Frage gehe ich dann in den Tod.
Autor: Vielleicht ist das die größte Herausforderung, die wir als Christen bestehen können: Fragen, auf die es keine Antwort gibt, aushalten und dennoch am Vertrauen auf Gott festhalten! Genau darin ist Meike Schneider denen, die sie gekannt haben, ein Vorbild gewesen. In ihrem Tagebuch findet sich ein Gebet, das den Eltern und Freunden Trost gibt, vielleicht auch Menschen, die aktuell auf ein Wunder hoffen. Damit verabschiedet sich von Ihnen Dietmar Silbersiepe von der Evangelischen Kirche in Düsseldorf.
Musik: Near the cross, Gene Harris
Sprecherin: Gott, ich würde so gerne glauben, dass du immer bei mir bist. Doch an manchen Tagen ist es schwer, dich zwischen Medikamenten und Schmerzen zu finden. Es kommt vor, dass mein Verstand sich wehrt. Wo sind Güte und Gerechtigkeit? Nicht in dieser Welt? Und doch, ich bitte und bete und lasse mich immer wieder neu fallen in deine Arme.
Musik: CD Joakim Arenius & Praise Unit, whole, BMP 101 (Bubblejam Music Productions), Track 5 I trust you CD Gene Harris, In His hands, CCD-4758-2 (Concord Jazz), Track 3 Will the circle be unbroken CD Gene Harris, In His hands, CCD-4758-2 (Concord Jazz), Track 7 Near the cross
Hoffen auf das Wunder
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