Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

01.05.08, 10.00 Uhr, Pfarrer Tobias Treseler

Christi Himmelfahrt

Wie überschwänglich groß ist Gottes Kraft an uns, die wir glauben, weil die Macht seiner Stärke bei uns wirksam wurde, mit der er in Christus gewirkt hat.

Durch sie hat Gott ihn, nämlich Christus, von den Toten auferweckt und eingesetzt zu seiner Rechten im Himmel über alle Reiche, Gewalt, Macht, Herrschaft und alles, was sonst einen Namen hat, nicht allein in dieser Welt, sondern auch in der zukünftigen.
Und alles hat er unter seine Füße getan und hat ihn gesetzt der Gemeinde zum Haupt über alles, welche sein Leib ist, nämlich die Fülle dessen, der alles in allem erfüllt.

Liebe Gemeinde,

ein beeindruckendes, machtvolles Bild heute an Christi Himmelfahrt. Im Glaubensbekenntnis sagen wir von Christus: er sei „aufgefahren in den Himmel, er sitzt zur Rechten Gottes des Vaters“. Der heutige Predigttext malt dies Bild in kühnen Worten weiter aus: „Gott hat Christus auferweckt und eingesetzt zu seiner Rechten im Himmel über alle Reiche, Gewalt, Macht, Herrschaft und alles, was sonst einen Namen hat,…“.

Alles, wirklich alles ist der Macht Jesu unterworfen. Nichts entgeht seinem Einfluss. Nichts und niemand steht über ihm. An ihm muss sich alles und jeder messen lassen. Jeder Bereich des Lebens steht unter seiner Obhut. Was sich hier in Detmold ereignet oder in Berlin, in Neu-Delhi oder Peking, was im Privaten passiert oder auf der öffentlichen Bühne: Christus beherrscht die Szene. Nichts ist seinem Zugang entzogen: weder die liebevolle Umarmung zweier Menschen in Düsseldorf noch die Abholzung des brasilianischen Regenwaldes, weder das Auf und Ab der Frankfurter Börsenkurse noch die Entwicklung der Arbeitslosenzahlen im Monat Mai, weder die Risiken der globalen Erwärmung noch die Korruptionsaffären in der deutschen Wirtschaft. Der Macht Jesu soll sich alles fügen.

Das, liebe Gemeinde, ist kaum zu begreifen und schwer zu glauben. Denn unsere Erfahrung zeigt uns anderes: liebevoll begonnene Beziehungen zerbrechen, der Regenwald stirbt Stunde für Stunde weiter, die Polkappen schmelzen weiter und die undurchschaubaren Finanztransaktionen im globalen Ausmaß lassen die Schere zwischen Arm und Reich auf dieser Welt immer weiter auseinander klaffen. Von der Macht Christi sehen wir nichts. Allenfalls haben wir noch Kraft zum Beten: „Mach End o Herr, mach Ende mit aller unsrer Not!“ ---

Das Fest Christi Himmelfahrt ist eines der ältesten Feste der Christenheit. Vierzig Tage, so erzählt der Evangelist Lukas, ist Jesus nach Ostern, nach der Auferstehung bei seinen Jüngern. Jesus lebt mit ihnen, er unterrichtet, er feiert das Abendmahl. Der Gottessohn verliert sich nicht im bloß Geistigen und Unkonkreten. Er fasst mit an. Er lebt den Alltag mit seinen Jüngern zusammen. Und dann kommt doch der Zeitpunkt, als er sie verlässt: Himmelfahrt, so heißt das Wortbild dafür, dass sie auf sich allein gestellt sind.  Allein, aber mit neuer Kraft. Denn vor seinem Abschied  segnet Jesus seine Jünger. Er sagt ihnen Beistand und Kraft zu. Das Wunderbare passiert: Die Jünger verharren nicht in Lähmung und Apathie, sondern setzen sich in Bewegung. Unter seinem Segen setzen sie sein Werk fort. Sie beten, sie gestalten neue lebendige Beziehungen. Sie werden Zeugen seiner Gerechtigkeit. Sie entdecken: Im Geist Jesu können sie ihr Leben verändern und die Welt gestalten.

Wenn wir in den Himmel blicken und warten, dass von dort die Hand Gottes kommt oder der machtvolle Richterspruch Christi laut wird, so warten wir vergeblich. Der Himmel, der über uns ist – und sei es der wunderbare Himmel, unter dem heute viele ihre Wanderung am 1. Mai absolvieren – ist nicht der Himmel, von dem die Bibel spricht. Das ist nicht der Himmel, in dem wir Christus glauben und auf den wir warten, nicht der Himmel, der sich über uns wölbt: manchmal schön, manchmal beunruhigend, Wind und Wetter verkündend, aber immer auch unerreichbar und unzugänglich für uns.
 
Der Himmel, von dem die Bibel spricht, ist die himmlische Nähe Gottes in allen Räumen und zu allen Zeiten. Gott ist nicht fern von uns. Der Himmel auf Erden ist möglich. Es gibt keinen Bereich, in dem Gottes Wille nicht gelten soll. „Weißt du, wo der Himmel ist, außen oder innen?“ heißt es in einem Lied. Und die Antwort lautet: „Eine Handbreit rechts und links. Du bist mitten drinnen. Du bist mitten drinnen.“ Die Himmelfahrt Jesu, so verstehe ich es, ist seine Reise mitten in unser Leben, in die Orte, an denen wir lieben und arbeiten, uns freuen und leiden.

Musik

Wir begehen heute nicht nur Christi Himmelfahrt, sondern auch den Maifeiertag. Er hat seinen Ursprung in Nordamerika. Im Jahr 1886 rief die Arbeiterbewegung dort zur Durchsetzung des Achtstundentages zum Generalstreik am 1. Mai auf. In Chicago endeten dabei Auseinandersetzungen mit der Polizei für vier Arbeiter tödlich. Im Jahr 1889 auf dem Gründungskongress der Zweiten Internationalen Arbeiterbewegung wurde zum Gedenken der Opfer des Haymarket Aufstands der 1. Mai als Kampftag der Arbeiterbewegung ausgerufen. Bei uns in Nordrhein-Westfalen ist der 1. Mai offiziell als „Tag des Bekenntnisses zu Freiheit und Frieden, sozialer Gerechtigkeit, Völkerversöhnung und Menschenwürde“ festgelegt.

Es ist sehr selten, dass dieser weltliche Feiertag einmal mit Christi Himmelfahrt zusammenfällt. Und doch gibt es wichtige Berührungspunkte. Am heutigen Tag, an dem unsere Gesellschaft sich zu Freiheit, Frieden, sozialer Gerechtigkeit, Versöhnung und Menschenwürde bekennt, erinnern wir Christen uns daran, dass das auch wesentliche Elemente des christlichen Zeugnisses sind.

Denn wenn wir uns zur Macht Gottes bekennen, ja, selbst an ihr teilhaben, dann sind wir als Christen aufgerufen an gerechten Verhältnissen mitzuwirken Gottes Wille wird auch daran sichtbar, dass jeder Mensch ein Recht auf fair bezahlte Arbeit hat, dass der Wert und die Würde menschlicher Arbeit jedem zuteil werden muss und dass wir als Christen dafür einstehen, dass das nicht in Vergessenheit gerät. Und genauso ist es an uns, jenen, die von Arbeitslosigkeit betroffen sind, zur Seite zu stehen. Auch so – wenn Christen ihre Stimme erheben für die Schwachen und Ausgegrenzten – kann deutlich werden: Wir trauen der Macht Gottes, die die Mächte und Mächtigen dieser Welt in ihre Schranken weist.

Wie ist es aber dann mit der Macht, die von diesem Jesus ausgeht? Diesem Jesus, der nach dem biblischen Zeugnis sagt: „Mir ist gegeben alle Macht im Himmel und auf Erden“? Mir fällt es, offen gesagt, schwer, immer an diese Macht zu glauben. Zu oft erlebe ich, wie die Macht des Todes den Lauf der Welt bestimmt. Wie das, was uns trennt und belastet unser Leben beherrscht. Mit der Macht Jesu verhält es sich offenbar ganz anders als mit jenen Mächten, die in unser Leben eingreifen, in unser persönliches, politisches oder wirtschaftliches.

Letztlich muss uns dies nicht wundern. Denn aus der Bibel kennen wir einen Jesus, der Zeit seines Wirkens an der Seite der Bedrückten und Armen stand, sie stärkte und ermutigte. Er gab ihnen Kraft, in ihren Verhältnissen zu bestehen und selbstbewusst zu werden. Doch Gewalt war seine Sache nicht. Schon damals warfen ihm das manche vor. Jesus aber setzte auf Sinneswandel und Umkehr und nicht auf das Schwert und Manipulation. Der Machthaber Gottes: Eine leichte Beute für die Mächtigen seiner Tage.

Gott hat seine Macht also jenem übertragen, der selbst ein Opfer der Mächtigen seiner Zeit wurde. In seiner Leidenschaft für das Leben starb er am Ende völlig machtlos. Und diesen machtlos Getöteten hat Gott erhöht. Das feiern wir zu Ostern: Den Sieg des Lebens über den Tod, die Entmachtung jener Mächte, die Menschen zu anonymen Zahlen degradieren und die Einmaligkeit eines jeden als Geschöpf Gottes leugnen. Den rechtlos gestorbenen Christus setzt Gott ins Recht. So lässt er dem Opfer Gerechtigkeit widerfahren. Hier zeigt sich eine Macht, die sich auf die Seite der Schwachen, Leidenden und Rechtlosen stellt und gelten soll „wie im Himmel so auf Erden“.

Was haben Christen denn nun  mit dieser Macht zu tun? Der Predigttext aus dem Epheserbrief rückt auch die Glaubenden ins Blickfeld. Sie sind, so heißt es, „von dieser Kraft Gottes erfüllt“. Wiederum mit einem kühnen Bild werden sie als Leib des Christus bezeichnet: Seine Arme und Beine, Hände und Füße. Durch Menschen kommt die Macht Gottes zur Welt. Und es ist eine eigenartige Form der Machtausübung, die hier geschieht. Der Apostel Paulus hörte seinerzeit ein Wort Christi, und das hieß: „Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig“. Also gerade mit denen, die im täglichen Auf und Ab von Glaube und Zweifel ihr Leben leben, manchmal voller Hoffnung, manchmal niedergeschlagen - gerade mit diesen Menschen teilt Gott seine Macht. Eine Macht jedoch, die keinen niederringt, sondern aufhilft. Keine Macht, die über andere triumphiert, sondern eine, die Solidarität ermöglicht. Eine Macht, die es schafft, die Ahnung vom Himmel auf die Erde zu bringen.

Es ist keine Macht, die uns in Stand versetzt, alles zu tun. Der Tod bleibt in unserer Mitte. Leiden bleiben in unserer Mitte. Hass bleibt in unserer Mitte. Und doch hat das, was so schicksalhaft über uns hereinbrechen kann, seine alles beherrschende Kraft eingebüßt. Christen können von dieser Hoffnung leben: Gott gibt niemanden verloren, auch dort nicht, wo wir keine Lösung mehr sehen.
Mit dieser Macht, liebe Gemeinde, werden Menschen aufeinander gewiesen, Leben gemeinsam zu gestalten. So, dass jedem das zukommt, was er zum Leben braucht.

Die folgende kleine Geschichte erklärt, was ich meine. Eine fromme Frau bittet Gott, den Himmel und die Hölle sehen zu dürfen. Gott erlaubt es ihr und führt sie in einen großen Raum. In seiner Mitte steht auf dem Feuer ein Topf mit einem köstlichen Gericht. Rundherum sitzen Leute mit langen Löffeln, alle stochern in dem Topf, aber sie sehen blass aus, mager und elend. So sehr sie sich auch bemühen, die Stiele der Löffel sind zu lang. Sie können das herrliche Essen nicht in den Mund bringen. Was für ein seltsamer Ort, sagt die Frau. „Das“, antwortet Gott, „ist die Hölle.“ Sie gehen in einen zweiten Raum, der genauso aussieht wie der erste. Auch hier brennt ein Feuer, und darüber kocht ein köstliches Essen. Leute sitzen rundherum, auch sie haben Löffel mit langen Stielen, aber sie sind alle gut genährt, lachen und scherzen. Einer gibt dem anderen mit seinem langen Löffel zu essen. „Und dies“, sagt Gott, „ist der Himmel.“

Soweit die kleine Geschichte. Der Himmel, also der Ort, wo Gottes Macht besonders deutlich ist,  wird dort sichtbar, wo wir selbst gefragt sind, mit unseren „langen Löffeln“.

Und wenn es schwer fällt, dieser sanften Macht zu trauen, dann hilft vielleicht die erwachende Natur, das Aufbrechen der Blüten und Knospen. Neues Leben entsteht mit Macht, wo vorher keins zu sehen war, bunte Farben entfalten sich, wo vorher eintöniges grau in grau herrschte. So kann es sein, so wird es sein: Die Macht Gottes bringt ein Stück vom Himmel auf die Erde. Amen

Der nächste Evangelische Hörfunkgottesdienst aus Nordrhein-Westfalen, wird am 18.05.2008 von 10 Uhr bis 11 Uhr auf WDR 5, aus der Salvatorkirche in Duisburg übertragen. Die Predigt hält Pfarrer Stephan Blank.


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