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Heiliger Kuss
Küssen geboten! Ja, so war das früher unter Christenmenschen. Küssen geboten! Grüßt einander mit dem Heiligen Kuss! schreibt der Apostel Paulus seinen Gemeinden.
Na und? Heute küsst sich doch auch jeder. Auf der Bühne sogar, vor laufender Kamera, Thomas Gottschalk mit Kylie Minogue oder auf dem roten Politteppich Frau Merkel mit Herrn Sarkozy. Einmal links, einmal rechts. Die Lippen zum Kuss gespitzt.
Grüßt euch untereinander mit dem heiligen Kuss! Schreibt der Apostel Paulus am Ende seiner Briefe immer wieder. Christenmenschen sollen sich küssen. Dort, wo man sich heute die Hand gibt und einander Friede sei mit dir sagt. Meint Paulus: grüßt euch mit heiligem Kuss! Und das hieß: ein Kuss auf den Mund.
Und da wird es aber dann doch sehr speziell. Ehrlich gesagt würde ich nur ungern in einem Gottesdienst oder zur Begrüßung alle Leute auf den Mund küssen..
Was mir auffällt: während bei uns beim Küssen alle Alarmglocken angehen können über der Frage: hab ich auch einen frischen Atem? Ging es den ersten Christen um etwas ganz anderes. Und das fasziniert mich. Dieser Moment von Intimität. Unter Brüder und Schwestern im Glauben. Nur ein kurzer Moment sollte es sein. Ein dahin gehauchter Kuss auf den Mund- ein Moment, in dem man untereinander den Atem austauscht. Und Atem, das war für unsere Vorfahren dasselbe wie Lebenskraft und geistige Gesinnung. Das, was mich im innersten zusammenhält.
Am Anfang, so steht in der Bibel, hat Gott dem Menschen seinen Atem eingehaucht und diesen Atem nimmt er ihm auch wieder, wenn der Mensch stirbt. In diesem Atem ist Gott gegenwärtig. Diesen Zusammenhang von Atem und Gottes Geist haben wir weniger im Blick. Aber unsere Sprache verrät noch den Zusammenhang. Wir reden von dem, was uns aufatmen lässt, wir wollen uns Luft verschaffen, wenn der Ärger oder die Angst zu groß wird. Unser Atem ist unsre Lebenskraft. Und unsre Lebenskraft ist der Geist, die Gesinnung, die uns voranbringt.
Als die ersten Christen zusammen waren nach dem Tod Jesu und nicht wussten, wie es weitergehen sollte, da kam ein Wind, erzählt die Bibel, ein Brausen. Und sie bekamen auf einmal alle wieder Luft. Der Geist, die Kraft, die sie in Jesu Nähe gespürt hatten, war wieder da. Es war, als ob sie ihm ganz nah wären, mit ihm den Atem austauschen würden. Und sie begriffen, dass sie eine Gemeinschaft sind. Eine kleine, verschworene, intime Gemeinschaft. Menschen, die sich Bruder und Schwester sind. Weil sie alle von derselben Lebenskraft beseelt sind: Vom Geist Jesu.
Und das feiern wir heute noch an Pfingsten. Diesen Geist, der uns leben und lieben lässt. Und dass es eine Gemeinschaft gibt von Menschen, die daran glauben, dass Gott sie aus der Enge der Lebensangst herausholt und ihnen Luft verschafft, Räume zum Atmen.
Daran erinnert uns der heilige Kuss der ersten Christen. Den würde ich persönlich nicht nachmachen. Aber die Idee, die finde ich zum küssen gut.
Heiliger Kuss
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