Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

08.05.08, Pfarrerin Annette Bassler

Der Geist als Tröster

„Seit ich Enkel habe, weiss ich, wie der Mensch funktioniert.“ Die alte Dame erstaunte mich. Ihr ganzes Leben hat sie als Ärztin in einer Psychiatrie gearbeitet.

War viel mit seelisch Kranken zusammen und hat über die Abgründe der menschlichen Seele geforscht- und dann im Alter dieser Satz:
„Seit ich Enkel habe, weiss ich, wie der Mensch funktioniert.“ –

„Und? Frage ich – wie „funktioniert“ der Mensch?“ „Es geht immer ums Trösten, sagt sie. Krabbeln, Laufen lernen, die Welt entdecken, andere Anlachen- das können wir ganz alleine. Das steckt in uns drin. Neugier, Lebenslust, Gestaltungswille, das steckt in uns drin. Aber dass Kinder sich das bewahren können ins Erwachsenenleben, dazu brauch es nur eins: Ganz viel Trost. „Du bist hingefallen? Steh wieder auf, ich helf dir dabei. Du hast dir den Kopf angestoßen? Komm, ich blase dein Aua weg. Du hast eine Fünf in der Schule geschrieben? Aber ich hab dich trotzdem lieb. Du hast die Prüfung vermasselt? Ich glaub aber an dich.“ Das ist Trost. Und den braucht nicht nur das Kind. Den braucht ein Mensch sein Leben lang. Trost.

In der Bibel geht es an über 130  Stellen ums Trösten. Und immer sind Erwachsene gemeint. „Tröstet, tröstet mein Volk!“ fordert Gott seine Propheten auf. Und verspricht ihnen: „Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet.“ Damals musste sich das Volk Israel nach einem harten Schicksalsschlag wieder hochrappeln. Eine Kultur des Tröstens für ein ganzes Volk.

Das Leben, das wahre, erfüllte Leben, das scheint sich dort zu entscheiden, wo etwas nicht so funktioniert wie erwartet. Wenn man auf die Nase fällt, wenn man scheitert. Da vor allem entscheidet sich unser Menschsein und unsere Menschlichkeit. Nicht im Erfolg.

Und das Scheitern, der Verlust, das Versagen begleitet uns von Anfang an. Immer wieder kommt man seine Grenze. Die Grenze der Leistungsfähigkeit, der körperlichen Belastbarkeit, die Grenze dessen, was anständig und sozial erlaubt ist.

Darf diese Grenze sein? Oder werden alle, die dort angelangt sind, aussortiert? Die Kranken, die Älteren, die, die straffällig geworden sind.

Seit ich Enkel habe, weiß ich, wie der Mensch funktioniert, sagte die alte Ärztin. Es geht immer ums Trösten. Wir brauchen einen Geist des Trostes. Als Einzelne und als Gesellschaft. Ohne Trost gibt es kein Wachstum. Ohne Trost gibt es keine Menschlichkeit. Ohne Trost wird die Angst in unserer Gesellschaft ins Unermessliche steigen. Die Angst, auch einmal aussortiert zu werden, wenn man an seine Grenzen kommt.

Gottes Geist ist ein Geist des Trostes. Jesus hat ihn uns versprochen. Das ist keine Gefühlsduselei. Es ist der einzige Weg, mit unseren Grenzen, mit unserem Versagen und Scheitern, ja mit dem Tod zu leben. Indem wir ihn annehmen und sein lassen.

Seit ich Enkel habe, weiß ich wie der Mensch funktioniert, sagt die alte Ärztin. Es geht immer ums Trösten.

Audiobeitrag Der Geist als Tröster


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