Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

09.05.08, Pfarrerin Annette Bassler

Schafe hüten und Leitkultur

Schafe hüten ist was Tolles. Das mein‘ ich jetzt nicht nur als Pfarrerin. Da gibt es ja auch Schäfchen, die zu hüten sind. Nein. Das meine ich ganz real.

Ein Bekannter fährt über Pfingsten immer nach Spanien. Dort macht er für drei Wochen Urlaub und begleitet einen Hirten beim Schafe hüten.

„Beim Schafe Hüten musst du ganz früh aufstehen.“ Erzählt er mir. „Am Anfang ist das schon ziemlich hart. So früh am Morgen wach sein. Aber Schafe ziehen früh los. Und wenn du mitgehst, kannst du den Tau riechen. Du schaust übers Feld und hörst den Wind, wie er über das Gras streicht und spürst ihn auf der Haut. Das ist unbeschreiblich. Du denkst nichts, bist einfach nur da. Und die Schafe, die merken das. Und dann laufen sie voraus. Schafe laufen immer voraus und du als Schäfer läufst hinterher.

Das ist ja wie im wirklichen Leben, dachte ich. Zum Beispiel beim Familienausflug am Sonntag mit dem Fahrrad. Da fährt der gute Hirte, also der Chef, auch immer ganz hinten. In den meisten Familien ist das die Mutter. Vorneweg die Kleinen, die Schäfchen und Papa, sozusagen der Hütehund. Der aufpasst, dass keins den Abhang hinunterrollt oder an der Kreuzung falsch abbiegt. Wer Chef ist in der Familienherde, fährt immer hinten. Sammelt verlorene Brillen und Jacken ein,  Klebt ein Pflaster aufs aufgeschlagene Knie, hat einen Schluck Saft für das Schäfchen, das schlapp gemacht hat und mahnt die Anderen, auf das Tempo der Kleinen Rücksicht zu nehmen. Der Chef sorgt dafür, dass alle ankommen.

In einer Mannschaft beim Fußballspielen kann man übrigens dasselbe Prinzip beobachten. Der Kapitän einer Mannschaft baut sein Spiel immer von hinten auf. Ein Fußballspiel entscheidet sich nicht aus der Sturmspitze. Der Sieg entsteht von hinten, aus einer guten Abwehr heraus. Wenn der Chef hinten ist, bei den Letzten, dann ist die ganze Mannschaft stark.

Das kann man vom Schafe hüten lernen. Deshalb hat Jesus auch gesagt: Ich bin ein guter Hirte. Jesus ist auch nicht voraus gelaufen. Jesus war immer bei den Letzten. Bei denen, die nicht mitkommen können, weil sie lahm sind oder blind oder aus der Spur geraten. Das scheint in so einer Herde nicht von allein drin zu stecken, dass sie auf die acht gibt, die nicht recht mitkommen. Dazu braucht es einen Hirten. Einen guten Hirten. Für ihn gilt nicht: je mehr Masse, desto besser. Jesus erzählt das Gleichnis von dem Hirten, der schon mal so verrückt ist, seine ganze Herde allein vor sich hingrasen zu lassen, um dem einen Schaf nachzugehen. Das sich verirrt hat, das irgendwo hängen und auf der Strecke geblieben ist. Eine Herde allein zu lassen nur für ein einzelnes verirrtes Schaf, das ist nicht gerade wirtschaftlich gedacht.

Und doch kann sich nur am Einzelnen entscheiden, ob das Ganze richtig ist. Ob der Führungsstil stimmt und die ganze Leitkultur. „Ich bin der gute Hirte. Und der gute Hirte gibt sein Leben für seine Schafe.“ Damit setzt Jesus Maßstäbe. Für alle, die sich im Schafe hüten üben. Für alle, die sich anbieten, dass man sich ihnen anvertraut. Der gute Hirte gibt- wenn es zum Schwur kommt- sogar sein Leben für die Schafe. Jesus hat sein Leben hingegeben, damit wir einen haben, dem wir uns anvertrauen können. Und uns nicht verirren im Dickicht oder in der Masse. Bei so einem Hirten bin ich gerne ein Schaf.

 

Audiobeitrag Schafe hüten und Leitkultur


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