Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

10.05.08, Pfarrerin Annette Bassler

Geschwister im Glauben

Wozu sind Geschwister da? Zum Streiten natürlich, würden meine Kinder sagen. Denn Geschwister sind die einzigen, die man nicht so schnell verliert.

Sind sie klein, können sie nicht weglaufen. Denn sie brauchen ja noch Mutter und Vater. Sind sie groß, wird man sie auch nicht los. Spätestens bei der Beerdigung der Lieblingstante trifft man sie wieder.

An Geschwistern kann man deshalb erfahren, was passiert, wenn man seine Launen auslebt. Denn in einer Familie wird oft erst geredet und dann nachgedacht, da geht es schon mal auch fies und gemein zu. Aber es ist ja nicht so schlimm. Geschwister wird man nicht so schnell los, also kriegt man auch immer wieder mal eine Chance zur Versöhnung. Und muss sich mit seinem eigenen Anteil, mit seiner Schuld beschäftigen. Ob man will oder nicht. Freunde kommen und gehen. Geschwister bleiben. Weil es zu viel gibt, das verbindet: dieselbe Mutter, derselbe Vater oder diese störrischen Haare, das gleiche Lachen.

Ich kenne Geschwister, die sich über Jahrzehnte bekämpft haben und sich nicht ausstehen konnten. Und bei der Beerdigung des alten Vaters kommen sie – widerwillig natürlich - miteinander ins Gespräch und erkennen: Der hat sich verändert- die ist ja ganz anders geworden, mit der kann man ja reden. Und dann gibt es eine Versöhnung, nach 20, 30 Jahren. Weil das, was die Geschwister verbunden hat, sie immer wieder zusammengeführt hat.

An diese Seite der Geschwisterlichkeit muss ich immer denken, wenn in der christlichen Gemeinde von Bruder oder Schwester die Rede ist. Bruder oder Schwester im Glauben. „Schwester Bassler- so hat mich bei einer Diskussionsrunde mal ein älterer Pfarrer  angesprochen. Schwester Bassler, da bin ich absolut nicht Ihrer Meinung.“ Das hat mich berührt. Nicht, weil ich als Schwester locker seine Tochter hätte sein können. Wir kannten uns nicht. Aber dieses „Schwester Bassler“ hatte etwas sehr Verbindliches. Das war so viel wie: „ Du gehst mir zwar fürchterlich auf die Nerven, aber weil du zur Familie gehörst, will ich dich mal aushalten.“

Dass Christinnen und Christen sich Bruder und Schwester nennen, hat Jesus so gewollt. Es gab eine Zeit, da konnte Jesus mit seiner Familie überhaupt nichts anfangen. Familienbande waren für ihn wahrlich eine Familienbande. Blutsverwandtschaft hat gar nichts zu sagen, meinte er. Nur wer an denselben Vater im Himmel glaubt, ist mir Bruder oder Schwester. Nur wer den Willen dieses Vaters im Himmel tut, gehört zu meiner Familie.“ Sagte er. Wir wissen, dass Jesus sich später wieder mit seiner Familie versöhnt hat. Da aber hat er bereits seine neue Familie gefunden. Und eine Familie gegründet. Brüder und Schwestern im Glauben. Die genauso und noch mehr zueinander halten wie leibliche Geschwister. Die jedes mal, wenn sie miteinander beten, sich an denselben Vater im Himmel wenden.

Geschwisterlichkeit- das ist für mich die große Hoffnung für die Zukunft. Ihre weltliche Schwester- die Solidarität- hat es nicht leicht in diesen Tagen. Am Pfingstfest, das morgen beginnt, können wir dieser Geschwisterlichkeit vor Gott wieder nachspüren: Auch wenn wir uns streiten bis die Fetzen fliegen, vor Gott sind wir Bruder und Schwester. Weil wir einen gemeinsamen Vater im Himmel haben. Und dieser Vater im Himmel wird uns niemals fallen lassen. Deshalb dürfen wir einander auch nicht fallen lassen. Sondern müssen noch ein bisschen weiter unsere Kontroversen aushalten und durchkämpfen. Aber: Geschwister können sich auch verändern. Sogar ich kann mich verändern.

Audiobeitrag Geschwister im Glauben


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