Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

10.05.08, Andreas Duderstedt

"Nun bitten wir den Heilgen Geist" (eg 124)

Choral: Nun bitten wir den Heiligen Geistum den rechten Glauben allermeist, dass er uns behüte an unserm Ende, wenn wir heimfahrn aus diesem Elende. Kyrieleis.

Im Evangelischen Gesangbuch eröffnet dieses Lied die Reihe der Pfingstchoräle. Dabei war es zunächst gar kein Pfingstlied. Die Bitte an den Heiligen Geist, die hier ausgesprochen wird, ist rund 800 Jahre alt. Das Lied hatte ursprünglich nur diese eine Strophe. Es stammt aus einer mittelalterlichen Predigt und war ein Sterbelied. Angesichts des Todes bekommt die Bitte um den rechten Glauben ein besonderes Gewicht:

Sprecherin: dass er uns behüte an unserm Ende, wenn wir heimfahrn aus diesem Elende.

Elend: Das althochdeutsche Wort elilenti bedeutet: im fremden Land. Wer im Elend lebt, das ist der, der keine Heimat, kein Zuhause mehr hat. Dessen Hoffnung auf ein friedliches Leben brüchig geworden ist, weil ihm die Rechtssicherheit seiner Gemeinschaft fehlt. Er ist verbannt. Der Tod ist ein Übergang vom Elend, vom fremden Land, in die Heimat.

Sprecherin: Unser Bürgerrecht aber ist im Himmel

Phil 3,20 schreibt der Apostel Paulus an die christliche Gemeinde in Philippi. Die Bewohner der Stadt in Mazedonien besaßen das römische Bürgerrecht. Das brachte viele Privilegien mit sich. Lohnte sich also. Es ist dennoch ein Provisorium, sagt ihnen Paulus, ebenfalls römischer Bürger: Wir sind nämlich jetzt schon Bürger der himmlischen Welt. Darauf kommt es an, auch wenn wir noch fern davon leben.

Im Übergang vom Leben zum Tod, vom Vorläufigen zum Ewigen, vom Elend in die himmlische Heimat ist der Glaube entscheidend. Aber nicht verfügbar: Eine Garantie, eine unumstößliche Sicherheit im Glauben gibt es nicht. Die Bitte um den Glauben umfasst beides: Zweifel und Gewissheit.

Sprecherin: Ich glaube; hilf meinem Unglauben!

Mk 9,24 schreit der Vater eines kranken Kindes, als Jesus vor ihm steht. Das Kind wird geheilt. Aber die Spannung bleibt: das Widersprüchliche, das Paradoxe, das sich in der Bitte um Glauben äußert, muss weiterhin ausgehalten werden.

Choral: Du wertes Licht, gib uns deinen Schein,
lehr uns Jesus Christ kennen allein,
dass wir an ihm bleiben, dem treuen Heiland,
der uns bracht hat zum rechten Vaterland.
Kyrieleis.

Martin Luther hat das alte Sterbelied aufgegriffen und ergänzt. Die singende Gemeinde ruft nun in drei Strophen zum Heiligen Geist, spricht ihn direkt an, als Du, als Gegenüber. Und bezeichnet ihn auf dreifache Weise: als Licht, als Liebe, als Tröster.

Zunächst also: das Licht. Es ist das helle Licht des Glaubens, dessen Fokus ganz auf einen gerichtet ist: auf Jesus Christus. Er hat uns zum rechten Vaterland gebracht – das Elend, die Fremde, ist schon überwunden. Auch in diesem vergänglichen Leben, auch im Provisorium wissen wir: Jesus hat uns ohne unser Zutun zu Bürgern der himmlischen Welt gemacht.
Dann: die Liebe.

Choral: Du süße Lieb, schenk uns deine Gunst,
lass uns empfinden der Liebe Brunst,
dass wir uns von Herzen einander lieben
und im Frieden auf einem Sinn bleiben.
Kyrieleis.

Einiges wird ihm zugetraut, dem Heiligen Geist: Nicht nur Glauben, auch Liebe kann er wecken – Liebe als starkes Gefühl, sinnlich empfunden. der Liebe Brunst dichtete Luther ursprünglich: Brunst meinte körperliche Erregung. Und von Herzen soll sie kommen, die Liebe. --- Ob ich mir das so uneingeschränkt bei allen Zeitgenossen wünsche? Schon unter Mitchristinnen und -christen dürfte es schwer fallen. Da beruhigt es mich, dass die letzte Zeile den hohen emotionalen Anspruch etwas auf den Boden der Wirklichkeit zurückholt:

Sprecherin: und im Frieden auf einem Sinn bleiben.

Wenigstens friedlich und mit gleicher Grundüberzeugung, vielleicht sogar auf einer Wellenlänge – das ist schon viel. Da muss die Liebe nicht gleich inbrünstig von Herzen kommen – oder doch? Beim Heiligen Geist weiß man nie...

Und schließlich: die Hoffnung.

Choral: Du höchster Tröster in aller Not,
hilf, dass wir nicht fürchten Schand noch Tod,
dass in uns die Sinne nicht verzagen,
wenn der Feind wird das Leben verklagen.
Kyrieleis.

Es ist die Hoffnung auf Hilfe in Not. Der Trost, auf den ich hoffe, zaubert das Unglück und Leid nicht weg. Aber er hilft es zu ertragen. Das gilt ganz besonders und entscheidend am Ende. Der Feind, das personifizierte Böse, der Teufel: Wenn er „das Leben verklagen wird“ im Sinne von melden, denunzieren, verpetzen, wenn also das Böse in mir offenbar wird, wenn sich meine Abgründe auftun und zutage treten – dann hätte ich bestimmt allen Grund zum Verzagen. Dann brauche ich ihn dringend, den Tröster, der mir die Furcht nimmt und Hoffnung gibt.

Damit schließt sich der Kreis zur alten ersten Strophe. Gott, der Heilige Geist, schenkt mir Trost im Leben und im Sterben. Er begegnet mir als Liebe, Glaube, Hoffnung. Ich kann ihn nicht sehen und nicht anfassen. Aber wenn ich mich an ihn wende, muss ich zunächst schon einmal glauben, dass es ihn gibt. Ich bitte um Glauben wie um ein Geschenk. Und in dem Moment, wo ich den Wunsch und die Bitte ausspreche, habe ich es schon.

Choral: Nun bitten wir den Heiligen Geist
um den rechten Glauben allermeist,
dass er uns behüte an unserm Ende,
wenn wir heimfahrn aus diesem Elende.
Kyrieleis.

Das war Kirche in WDR 3 mit Andreas Duderstedt aus Bielefeld über den Choral “Nun bitten wir den Heiligen Geist“ Es sang der Chor Capella Vocale unter der Leitung von Sabine Horstmann.

 

Audiobeitrag "Nun bitten wir den Heilgen Geist" (eg 124)


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