Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

06.05.08, Pfarrer Jönk Schnitzius

Beten

Dann gab es nur noch einen Knall. Der Wagen vor ihnen war ausgeschert. Sie waren mit dem Auto unterwegs. Die Tochter. Die Eltern. Die ganze Familie.

 „Als wir dann ausgestiegen sind, habe ich nur noch mein Kind festgehalten und habe erst einmal gebetet. Das war das erste, was ich getan habe. Mich bei Gott bedankt“, erzählt mir eine gar nicht so fromme Freundin. Klar, dachte ich. Kann man doch verstehen, daß man sich bei Gott bedankt, weil es noch mal so eben gut gegangen ist.

Es ist merkwürdig mit dem Beten. Die meisten Menschen haben in ihrem Leben schon mal gebetet, oder würden mit hoher Wahrscheinlichkeit in Notsituationen beten. Die Wenigsten reden darüber. Dass sie noch mit Gott rechnen. Keine Ahnung, was da so genau passiert. Aber Eines ist klar: wer betet hört auf, sein eigener Gott zu sein. Hört auf alles aus sich selbst beantworten, regeln, tragen zu müssen.Wer betet, gibt zu nicht alles im Griff  haben zu können.Wer betet gibt zu, dass er oder sie ein Mensch ist – und nicht Gott. Wer betet, kann über Gott mindestens zwei Dinge sagen: Es gibt ihn und ich bin es nicht.

Manchmal besteht die Kompetenzerweiterung, die allenthalben gefordert wird, gerade darin, seine Grenzen zuzugeben. Vor sich selbst. Bei Gott. Im Alltag. In Not. Zum Beispiel mit einem alten Gebet:

Gott, gebe mir die Gelassenheit
Die Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann.
Den Mut, die Dinge zu ändern, die ich ändern kann.
Und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.

Die Freundin mit dem glimpflichen Unfall, konnte Gott danken. Und wenn es nicht gut geht? Wenn alle Schutzengel scheinbar schlafen, wenn das Schlimmste passiert? Ich glaube, dann heißt beten, Gott anzuklagen: Was soll das? Wo warst du? Warum ich? Warum? Beten heißt, nicht allein bleiben.Denn Gott hört zu. Hört Dir zu.

 

Audiobeitrag Beten


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