Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

09.05.08, Pastorin Beate Raguse

Lass mich hier nicht sterben

Sprecher: „Mein Sohn Jack sagt, ich bin schwierig. Es ist Abendessenzeit. Es ist höllisch heiß. Die kleinen Mischlinge - meine Enkel - treten einander unter dem Tisch,

japsen und kichern ohne Sinn und Verstand. Die Frau geht mich mit Löffeln voll kaltem, klumpigen Porridge an. Jedes mal, wenn der Löffel kurz vor meinem Gesicht hängt, macht meine ausländische Schwiegertochter den Mund auf, als wollte sie mich durch ihr Beispiel belehren. Ich hasse das, es ist erniedrigend.“

Autorin: Nach einem Schlaganfall halbseitig gelähmt hat Perry sein Zuhause in Baltimore aufgegeben und lebt seit kurzem bei seinem Sohn und dessen Familie in Bangkok. Menschen und Kultur sind ihm fremd, das Klima ist unerträglich. Wehmütig blickt er zurück: seine Frau Alice ist seit Jahren tot. Der Kontakt zu seinem dementen Freund Mac ist abgebrochen. Perry ist wütend, daran lässt er keinen Zweifel. Auch die Szene am Esstisch wird in einem Streit enden.

Perry ist die Hauptfigur der Erzählung „Lass mich nicht hier sterben“  von Rattawut Lapcharoensap. Von Kritikern hoch gelobt wegen der Schärfe seiner Beobachtung und seines  unverbrauchten  Stils . Er entführe an Orte, die exotisch und vertraut zugleich sind. Und weckt beim Leser das Gefühl „genauso ist es“, „das kenne ich“.Dennoch – und das hat mich beim Lesen am   meisten  fasziniert  wirkt  seine Geschichte nie bedrückend. Denn: der junge Autor hat seine Personen mit Eigenschaften und mit einer Haltung ausgestattet, mit denen sie die Schwierigkeiten der neuen Lebenssituation meistern. Er erzählt von Menschen, die die Würde des anderen respektieren und die eigene schützen, die Verständnis zeigen, aber auch Erwartungen haben. Kurz: Lapcharoensap skizziert Menschen, die lieben,  die den anderen lieben - und sich selbst.. So wie Tida, die Schwiegertochter, die sich für ihr Verhalten entschuldigen, aber gleichzeitig von Perry mehr Respekt fordern kann. Oder auch Perry selbst. Er kämpft darum, trotz seiner Lähmung nicht wie ein Kleinkind behandelt  zu werden. Hat aber gleichzeitig auch seinen Enkel im Blick. Als  der sich von seiner älteren Schwester zu sehr gängeln lässt, bedauert der alte Mann:

Sprecher: „Ich würde ihn gerne ein bisschen Selbstachtung lehren, aber so wie es im Moment aussieht, kann ich ihm kaum die Uhrzeit mitteilen.“

Autorin: Lapcharoensaps Figuren fühlen mit. Aber sie verteidigen immer auch ihr Recht auf ihre Sicht, ihre Gefühle und Grenzen. Sie machen Fehler, sind manchmal unflätig und sie erlauben sich, impulsiv zu handeln.

Sprecher: „Die Frau hilft mir aus dem Wagen. Als sie mich festgeschnallt hat, nimmt sie die Finger meiner toten Hand und kratzt sich damit das Gesicht. Das finden alle wahnsinnig komisch. Die Kinder lachen. Jack lacht, die Frau findet den Witz so lustig, dass ihr die Tränen übers Gesicht laufen. Sie hält noch immer meine gelähmte Hand, und ich spüre beinahe, wie sie von ihrer Heiterkeit erzittert. Haha, sage ich. Sehr witzig. Und jetzt gib mir meine Hand wieder, verdammt.

Autorin: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst. Lapcharoensap erzählt eine Geschichte von wunderbar normalen Menschen, die das versuchen. Sie endet wie sie begonnen hat; mit einem Wortgefecht. Und lässt den Leser doch zurück mit dem sicheren Gefühl;  Perry, Jack und Tida hätten noch manche Hürde gemeistert

Titel: Sightseeing, Autor: Rattawut Lapcharoensap, Übersetzer: Ingo Herzke, Verlag: Kiwi in Köln.

Audiobeitrag Lass mich hier nicht sterben


Druckversion

Suche

Sendungen der Woche

Sendungen am Sonntag

Sendungen im Fernsehen