Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

27.04.08, Pastor Wolfram Krebs

Gesundheit ist nicht alles...

„Tut uns leid, Herr Krebs, sie sind zuckerkrank. Das ist leider unheilbar, richten Sie sich darauf ein, den Rest ihres Lebens damit zu tun zu haben.“

Wenn einem die Ärzte mit diesen oder auch etwas einfühlsameren Worten so eine Hiobsbotschaft übermitteln, kann man sehr unterschiedlich reagieren. Manche machen ihre Leiden zum zentralen Lebensthema: Messwerte, Therapien und neueste Forschungserfolge werden detailliert in Blick genommen. Da wird die nähere Umgebung schnell mit zum Krankheitsexperten, auch wenn das Interesse daran eher gering sein sollte. Andere verdrängen so eine Wahrheit auch und versuchen weiterzuleben, wie bisher. Ich persönlich habe das eher locker gesehen, mehr als technisches Problem, das angemessen zu lösen ist.

Als Pastor einer Evangelisch – Freikirchlichen Gemeinde in Köln kommt man öfter zu Besuch. „Den Kaffee mit Milch und Zucker?“ hör ich da häufiger. „Nur Milch bitte, Zucker hab ich selber.“ antworte ich meist, aber den Witz haben nicht viele auf Anhieb verstanden. Überhaupt finde ich es schwierig sich angemessen über seine Gefühle als chronisch Kranker mitzuteilen. Entweder klingt das alles zu dramatisch oder viel zu flach. Die eigentliche Befindlichkeit ist nur sehr schwer zu vermitteln und ich hab da oft eine gewisse Einsamkeit empfunden. Am ehesten verstehen einen wohl noch die, die ähnliches zu ertragen haben. Natürlich bleibt eine kleine Hoffnung auf Heilung bestehen, aber im Laufe der Jahre oder Jahrzehnte tritt das doch hinter eine gewisse Gewöhnung an die bestehenden Zustände zurück.

Und man kann mit etlichen chronischen Krankheiten ja auch mehr oder weniger normal weiter leben. Doch was muss das für eine Revolution sein, wenn man nach jahrelangem Leiden plötzlich geheilt wird? Der Mann, von dem unser Bibeltext heute morgen berichtet, war nicht nur gesundheitlich beeinträchtigt, er war vom normalen Leben völlig abgeschnitten und das 38 Jahre lang.

Sprecherin
(Johannes 5, 1 – 9a) Sprecher(in) (Übersetzung: Luther 1984)
Danach war ein Fest der Juden, und Jesus zog hinauf nach Jerusalem. Es ist aber in Jerusalem beim Schaftor ein Teich, der heißt auf hebräisch Betesda. Dort sind 5 Hallen; in denen lagen viele Kranke, Blinde, Lahme, Ausgezehrte. Sie warteten darauf, dass sich das Wasser bewegte. Denn der Engel des Herrn fuhr von Zeit zu Zeit herab in den Teich und bewegte das Wasser. Wer nun zuerst hineinstieg, nachdem sich das Wasser bewegt hatte, der wurde gesund, an welcher Krankheit er auch litt. Es war aber dort ein Mensch, der lag achtunddreißig Jahre krank. Als Jesus den liegen sah und vernahm, dass er schon so lange gelegen hatte, spricht er zu ihm: Willst du gesund werden? Der Kranke antwortete ihm: Herr, ich habe keinen Menschen, der mich in den Teich bringt, wenn das Wasser sich bewegt; wenn ich aber hinkomme, so steigt ein anderer vor mir hinein. Jesus spricht zu ihm: Steh auf, nimm dein Bett und geh hin! Und sogleich wurde der Mann gesund und nahm sein Bett und ging hin. Es war aber an dem Tag Sabbat.

38 Jahre lang krank, 38 Jahre lang Hoffen auf ein Wunder, jahrelang auch immer wieder die Enttäuschung, wenn andere schneller waren und eher an der Quelle. Die Legende vom herabsteigenden Engel, die diese Kranken hier hoffen lässt ist übrigens erst in spätere Texte als Erklärung eingefügt worden und in manchen Bibeln nicht zu finden. Aber wie kann man so einen Menschen nur fragen: „Willst du gesund werden?“ Ja, was denn sonst, was für eine Frage, natürlich, am besten doch gleich! Von diesem scheinbar so Selbstverständlichen hören wir allerdings nichts. Wir hören die Klage über Einsamkeit, über die Ungerechtigkeit des Lebens und die Rücksichtslosigkeit derer, die sich jedes mal vordrängeln. Überraschend? Nicht für die, die sich mit Menschen etwas auskennen.

Die Frage: „Willst du gesund werden?“ muss am Beginn jeder Behandlung oder Therapie stehen, sonst ist das weitere eher sinnlos. Und ein klares: „Ja“ ist hier durchaus nicht selbstverständlich. Denn auch dieser Mann hier muss ja etwas aufgeben und das ist aus seiner Perspektive vielleicht gar nicht so wenig. Das Leben als Kranker im Lager der Leidensgenossen ist zwar kein Leben, wie wir es uns wünschen würden, aber es ist sein Leben. Und das hat durchaus auch seine Vorteile. Das Almosengeben war für die Juden immer schon eine Herzensangelegenheit, 38 Jahre lang hat dieser Mann damit überleben können, ohne eine Hand zur Arbeit zu rühren. Steuern zahlen, Familie gründen und Kinder großziehen, Kriegsdienst, Verantwortung für das Gemeinwesen, das Leben in die eigenen Hände nehmen und verantwortlich gestalten: Das hat dieser Mann hier nie gebraucht. Natürlich muss man auch die Hoffnungslosigkeit dieses Mannes sehen. Nach 38 Jahren Enttäuschung erwartet er vielleicht nicht mehr, als nur eine graduelle Verbesserung seiner Lage.

Die Hoffnung auf Heilung mag längst geschwunden sein. Vielleicht will er aber auch gar nicht gesund werden? Doch zunächst geschieht das Wunder, wie immer im Neuen Testament mit überraschend kargen Worten beschrieben: „Steh auf, nimm dein Bett und geh hin.“ Und sogleich wurde der Mann gesund und nahm sein Bett und ging hin. „Das Wunder ist des Glaubens liebstes Kind“ so legt es Johann Wolfgang von Goethe zwar dem Mephistopheles in den Mund, die Bibel schildert diese Dinge aber sehr zurückhaltend, fast schon beiläufig.

Prima, kann man jetzt sagen, das Wunder ist vollbracht, der Mann ist heil geworden und Jesus Christus hat selbst die Hoffnungslosigkeit dieses Menschen überwinden können. Ein weiterer Kranker hat die Hoffnung, die Gesundheit, ja das Leben wieder gefunden. Wunderbar, im wahrsten Sinne des Wortes eben. Etliche Betrachtungen unseres Textes enden hier. Die Geschichte selbst geht allerdings weiter, leider möchte man fast sagen.

Sprecherin:
Lesung: Johannes 5, 9b bis 15
Es war aber an dem Tag Sabbat. Da sprachen die Juden zu dem, der gesund geworden war: Es ist heute Sabbat; du darfst dein Bett nicht tragen. Er antwortete ihnen: Der mich gesund gemacht hat, sprach zu mir: Nimm dein Bett und geh hin.
Da fragten sie ihn: Wer ist der Mensch, der zu dir gesagt hat: Nimm dein Bett und geh hin? Der aber gesund geworden war, wußte nicht, wer es war; denn Jesus war entwichen, da so viel Volk an dem Ort war. Danach fand ihn Jesus im Tempel und sprach zu ihm: Siehe, du bist gesund geworden; sündige hinfort nicht mehr, daß dir nicht etwas Schlimmeres widerfahre. Der Mensch ging hin und berichtete den Juden, es sei Jesus, der ihn gesund gemacht habe.

Die Haltung der Religionswächter hier kann uns kleinkariert vorkommen. Zur damaligen Zeit war daran in Israel aber nichts besonderes. Gerade die Einhaltung des Sabbats wurde streng beobachtet, da durfte keine Arbeit getan werden. Und sein Bett tragen galt eindeutig als Arbeit, selbst wenn es sich bei diesem Bett um nicht mehr als eine klägliche Matte gehandelt haben dürfte, die dieser Genesene hier mit sich führt. Ich finde ganz andere Details viel auffälliger. Alles das nämlich, was eigentlich zu erwarten gewesen wäre, aber mit keinem Wort erwähnt wird. Jubel etwa über die Heilung, Freude über das neugewonnene Leben, Lob Gottes. Oder wenigstens Dankbarkeit dem gegenüber, der einen endlich, endlich vom Krankenlager erlöst hat. Kein Wort davon, nichts, nicht einmal eine Andeutung. Der Mann hier hat sich offenbar nicht einmal danach erkundigt, wie sein Wohltäter denn heißt. Dem wäre ich doch nachgelaufen, auch wenn der sich vor der Volksmenge zurückgezogen hätte. Zumindest hätte ich jeden Umstehenden nach dem Namen meines Heilers gefragt. Das scheint diesen Mann hier nicht wirklich interessiert zu haben. Und als er den Namen dann doch erfahren hat, verrät er ihn umgehend den Widersachern seines Wohltäters. Vom Dank ist übrigens auch bei der Wiederbegegnung mit Jesus im Tempel keine Rede.

Liebe Hörerinnen und Hörer. Was ist das hier? Ein besonders bizarres Beispiel für Undankbarkeit? Das Bild eines tragisch Behinderten, der die Heilung seiner Gebrechen gar nicht wirklich begreifen kann? Ich glaube, die Lösung liegt in den rätselhaft scheinenden Worten Jesu: „Siehe, du bist gesund geworden; sündige hinfort nicht mehr, dass dir nicht etwas Schlimmeres widerfahre.“ Und das hat mit uns Menschen, gesund oder krank, viel mehr zu tun, als der erste Blick offenbart.


Musik

Ja, was kann denn noch schlimmer sein, als 38 Jahre lang vom Leben abgeschnitten und krank zu sein? „Gesundheit ist das höchste Gut“, „Hauptsache: gesund“ oder „Gesundheit ist nicht alles, aber ohne Gesundheit ist alles nichts“. So kann man es in den Postwurfsendungen lesen, mit denen die Krankenkassen die regelmäßige Erhöhung ihrer Beiträge mitteilen. Das entspricht der Meinung vieler und ich will hier nicht die Belastungen klein reden, die jahrelange Leiden mit sich bringen. Aber das Eigentliche hat dieser Mann vom Teich Betesda ganz offenbar verpasst. Die Chance nämlich, das Leben selbst zu ergreifen. Die Chance mehr von Jesus zu erfahren. Die Chance, über das Heilwerden seines Körpers vielleicht noch ein viel weitergehende Heilwerden zu erleben. Gesund ist er ja jetzt, laufen kann er wieder, aber sonst scheint sich nicht viel geändert zu haben. Die Verantwortung für sich selbst etwa hat er nicht angenommen.

Was würden Sie denn wohl in seiner Lage antworten? Wenn man sie etwa nach 38 Jahren aus dem Pflegeheim überraschend gesund entlässt und dann kommt jemand, der sie wegen eines bürokratischen Formfehlers zur Verantwortung ziehen möchte? „Stellen sie sich vor, ich bin geheilt! Ist das nicht wunderbar? Vergesst doch den Kleinkram, mein Leben beginnt ganz neu, freut euch mit mir.“ So wäre es doch wohl zu erwarten gewesen. Dieser Mann hier ist anders, sein Leben beginnt eben nicht voller Freude neu. Eben noch hat er sich bitter beklagt über die, die sich immer vordrängelten, als ob die schuld an seiner Lage wären. Und jetzt schiebt er die Verantwortung für seine Handlung auf Jesus ab. Mit keinem Wort verteidigt er seinen Heiler, ja man kann fast den Verdacht bekommen, dass er sich durch diese unerwartete Heilung eher belästigt fühlt.

Ich glaube, das ist noch schlimmer als körperliches Leiden: Das Heil nicht zu ergreifen, wenn es mir begegnet, das Leben nicht verantwortlich in meine Hände zu nehmen und die Chancen vertun, die mir aus der Begegnung mit Jesus Christus erwachsen. Gesund ist dieser Mann geworden, das umfassende Heil für sein Leben hat er anscheinend nicht ergriffen und mit ein wenig Phantasie kann man sich sehr gut vorstellen, dass er nach einiger Zeit in sein gewohntes Leben am Teich Betesda zurückgekehrt ist. Und das wäre tatsächlich viel schlimmer, als sein Zustand vorher. Denn nun ist ja niemand mehr da, dem ich die Schuld an meiner Misere zuweisen kann und an die Stelle des letzten Fünkchens Hoffnung tritt die bittere Erkenntnis: Ich habe die Chance meines Lebens, ja das Leben selbst vorüber gehen lassen. Das alte Leben kann ich so nicht wieder aufnehmen und das neue Leben habe ich nicht ergriffen. Was für ein Elend.

Ich persönlich schlage mich nun seit mehr als 32 Jahren mit Spritzen, Diäten und allerlei unangenehmen und schmerzhaften Spätwirkungen herum. Wie es sich anfühlt, ganz gesund zu sein, weiß ich gar nicht mehr. Ich weiß aber, wie ein Leben aussieht, dass man im Vertrauen auf Jesus Christus führt, ich weiß, wem ich mein Leben zu verdanken habe. Und ich weiß, dass das alles viel mehr ist, als das tadellose Funktionieren meines Körpers. Freude oder Lebenserfüllung hat damit jedenfalls nur am Rande zu tun. Und manchmal scheint es mir sogar, als ob die Lasten meines Lebens so etwas wie der Ballast ist, der Schiffe stabil über stürmische Meere fahren lässt. Auch dafür kann ich dem Gott dankbar sein, der mir Lasten auferlegt und mich mit diesen Lasten trägt.

Musik

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