Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

27.04.08, Pfarrer Jens Burgschweiger

Dorothee Sölle

Heutzutage wäre sie mit den Nokia Arbeitern in Bochum auf die Straße gegangen. Hätte mit ihnen demonstriert. Gerechtigkeit eingeklagt.

Gesellschaftliche Solidarität gefordert: Dorothee Sölle. Theologische Vordenkerin und politische Aktionistin in einem. Gläubig und engagiert. Oftmals polarisierend in ihrem Denken und Handeln. Religion war für sie niemals Selbstzweck:

Sprecherin: „Die Religion hat bekanntlich in Industriegesellschaften zwei mögliche Funktionen: sie kann stabilisieren..., trösten und erträglich machen, was nicht zu ertragen ist. Oder sie kann mobilisieren, befreien und unerträglich machen, was man uns als erträglich einreden will. Der Glaube kann Schmieröl sein für die bestehende Gesellschaft, aber ist er dann noch der Glaube des armen Mannes aus Nazareth?“ -

Autor: So fragte Dorothee Sölle 1973. Und beschrieb damit zugleich, welche Aufgabe sie der Religion zudachte: Wie Christus sollten Christen für Arme, Verfolgte und Benachteiligte eintreten. Die Welt von unten verändern. Hin zu mehr Gerechtigkeit.

Verabschieden sollten sich die Leute vom Bild des allmächtigen Vatergottes. Dem „Papa-wird's-schon-richten-Gott“, wie sie ihn nannte.
Denn nach Auschwitz, nach dem unsäglichen Massenmord an den Juden, konnte es diesen allmächtigen Beschützergott, der „alles so herrlich regieret“, für Dorothee Sölle nicht mehr geben. Sie sprach gar vom „Tode Gottes“, was die Gemüter erhitzte – dabei wollte sie ja nicht Gott an sich verabschieden, sondern jenes Bild des allmächtigen Übervaters, der den Christen fromm, aber inaktiv sein läßt. 

Sprecherin: „So kann man sagen, dass Gott... in Auschwitz am Galgen hängt und darauf wartet, dass von der Welt aus die angefangene Bewegung auf Erlösung geschehe. Nicht von außen oder von oben kommt die Erlösung den Menschen zu. Gott will den Menschen brauchen, um an der Vollendung seiner Schöpfung zu arbeiten.“

Autor: Immer wieder trieb es die zierliche Theologin und Mutter von vier  Kindern vom Schreibtisch und aus der Küche fort zur politischen Aktion. Sie demonstrierte gegen den Vietnam-Krieg, nahm an Sitzblockaden gegen den NATO Doppelbeschluß zur Nachrüstung teil, sie ging in die Slums amerikanischer Vorstädte, in Schulen und Krankenhäuser Lateinamerikas.

Christliche Hoffnung war für Dorothee Sölle immer konkret: Kein billiger Jenseitstrost, sondern die handfeste Hoffnung auf Veränderung in dieser Welt. Das Eintreten für die Opfer, der Kampf gegen Unrechtsstrukturen, der Einsatz für Gleichheit und Gerechtigkeit.

Sprecherin: „...müssen nicht immer mehr Christen lernen zu hören, wo die subversiven Sätze des Evangeliums heute gesagt werden? Ist es so absurd zu erwarten, dass Christen die Augen aufmachen und Christus sehen, wie er da ist, redend, handelnd, mitten unter uns?“

Autor: Was mich an Dorothee Sölle bis heute fasziniert: Wie diese  kleine Frau ihren Glauben wirklich gelebt hat - mit welcher Kraft, mit welcher Energie und mit welcher Glaubwürdigkeit. Bei aller Zeitbezogenheit ihres Denkens: Ich lasse mich von Dorothee Sölle immer wieder nachdrücklich daran erinnern, wie Glaube und Handeln zusammengehören. Als Christ soll ich die Hoffnung auf eine bessere Welt nicht nur hegen – ich muß sie auch leben.
 
Dorothee Sölle starb heute vor  fünf Jahren.

Audiobeitrag Dorothee Sölle


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