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Johann Hinrich Wichern
Liebe Hörerin, lieber Hörer, wie erkläre ich Kindern die Welt? Das ist die große Frage für alle Eltern. Aber nicht nur für sie. Jeder Mensch möchte die Welt erklärt haben.
Über Gott und die Welt ein wenig klarer sehen damit der eigene Platz auf der Erde nicht verloren geht... damit Vertrauen möglich wird... damit man einfach überleben kann... damit die Welt anders werden kann.
Heute vor 200 Jahren wurde ein Mann geboren, der sich dieser Lebensaufgabe in besonderer Weise gestellt hat. Johann Hinrich Wichern, so sein Name, wird Helfer in einer christlichen Erziehungsanstalt. Hier wird sein Christ-sein geprägt und wächst der Wille, mit Menschen zu arbeiten. Er kann doch noch Theologie studieren und wird vorerst Leiter einer Sonntagsschule. Hier werden etwa vierhundert Kinder unterrichtet, die wegen der Armut ihrer Familien die Schule wochentags nicht besuchen können. Welch eine Aufgabe, so vielen Kindern unter solchen Umständen die Welt zu erklären! Hier aber wird Johann Hinrich Wichern zu einem Menschen, bei dem das Erklären zugleich ein Handeln ist. Er führt in der Sonntagsschule Klassenstufen ein, sucht nach individueller Förderung der Schüler und besucht ihre Familien. Er sieht: diese Eltern sind nicht in der Lage, ihren Kindern die Welt so zu erklären, dass sie dort einen guten Platz erwerben können. Armut, Alkoholismus, Prostitution, Zerrüttung sind an der Tagesordnung.
Wie sollen Kinder in dieser Welt eine Zukunft finden, Vertrauen sammeln, zum Lernen geschweige denn zur Liebe fähig werden? In dem jungen Wichern reift ein Plan: er wird es machen, wie es in den Urgeschichten aus dem Anfang der Bibel erzählt ist. Er wird eine Arche bauen, damit das Chaos nicht alle frisst. Er plant und baut eine Rettungsanstalt. Der Name klingt heute altmodisch; aber in Vielem bleibt beispielhaft, was der damals 25-jährige anfängt in einer Hamburger Bauernkate, die man das Rauhe Haus nennt: Kein gnadenloses Erziehungscamp, aber wohl konsequente und helfende Lebensschule; keine Straferziehung, wie damals üblich; aber jedem und jeder einen eigenen Platz und individuelle Beachtung geben; keine Riesenanstalt, sondern leben in familienähnlichen Strukturen... Und der Grundton des Lebens soll für jedes Kind ein Willkommen auf dieser Erde sein. Wird es in das Rauhe Haus aufgenommen, wird es zunächst gewaschen und neu eingekleidet: Dann wird ihm gesagt: Mein Kind, dir ist alles vergeben!... hier ist keine Mauer, kein Graben, kein Riegel; nur mit einer schweren Kette binden wir dich hier ... diese heißt Liebe und ihr Maß ist Geduld.
Johann Hinrich Wichern hat bei seiner Arbeit mit den Kindern die Welt, in der sie leben mussten, nicht vergessen. Er wollte auch seine evangelische Kirche befähigen, so von Gott und der Welt zu reden, dass alle einen menschenwürdigen Platz bekommen. Es ist ein Vater der Mission im eigenen Land und vor der eigenen Haustür geworden. Innere Mission und später das Diakonisches Werk der Evangelischen Kirche in Deutschland sind ohne ihn kaum denkbar. Und es bleibt die Aufgabe: So die Welt erklären, dass Menschen über Gott und die Welt ein wenig klarer sehen, einen eigenen Platz erhalten, vertrauen können, überleben und dass die Welt gerechter wird.
Johann Hinrich Wichern
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