Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

26.04.08, Pfarrer Eko Alberts (Choralandacht)

"Wer nur den lieben Gott lässt walten" (eg 369)

Autor: Liebe Hörerinnen, liebe Hörer! Diese Stimme und dieser fromme Text, nein, das kann nicht sein! Und doch war es so: Wolf Biermann, der von sich selber sagt:

Sprecher: „Ich kann an keinen Gott glauben“, (Wolf Biermann, Ich hatte viel Bekümmernis, TVZ, Zürich 1991, S. 10)

Autor: zitierte aus einem barocken Glaubenslied, das er in einer Bachkantate hört:

Sprecherin: “Wir machen unser Kreuz und Leid nur größer durch die Traurigkeit.“

Autor: Wolf Biermann erzählt, er sei oft zu traurig, so traurig, dass nicht er eine Traurigkeit habe, sondern die Traurigkeit habe ihn.

Sprecher: „Wer humpelt, sucht eine Krücke. Und meine Seelenkrücke fand ich in Bachs Kantate.“

Sprecherin: “Wir machen unser Kreuz und Leid nur größer durch die Traurigkeit.“

Autor: Was Biermann aus der Kantate zitiert, ist einem Choral entnommen, den wir im heutigen Evangelischen Gesangbuch unter der Nummer 369 finden. Es ist das bekannteste und meist gesungene Lied von Georg Neumark. Als er es schreibt und komponiert, ist er 21 Jahre alt.

Musik, (1):
“Wer nur den lieben Gott lässt walten
und hoffet auf ihn allezeit,
den wird er wunderbar erhalten
in aller Not und Traurigkeit.
Wer Gott, dem Allerhöchsten, traut,
der hat auf keinen Sand gebaut.“  

Autor: Ein solches Gottvertrauen – ist das arglose, jugendliche Frömmigkeit? Die Umstände widersprechen: Es ist die Zeit des Dreißigjährigen Krieges. Georg Neumark muss sich kriegsbedingt in Kiel als Hauslehrer durchschlagen bis er sein Studium in Königsberg abschließen kann. In jenen unsicheren Jahren schreibt er sein Lied. Nicht als theologisches Lehrgedicht, sondern wohl auch so, wie Wolf Biermann es 350 Jahre später erfährt: als „Seelenkrücke“. Denn Not und Traurigkeit sind unabweislich. Aber wie damit umgehen? Was tun, wenn ich nicht nur eine Traurigkeit habe, sondern die Traurigkeit mich haben will? Mich dem Treibsand der Traurigkeit, der Melancholie überlassen? Mich – Bonjour tristessse! – der süßen Schwermut ergeben? Was bringt das, fragt sich der junge Georg Neumark. Und er fragt uns:

Musik (1):
“Was helfen uns die schweren Sorgen,
was hilft uns unser Weh und Ach?
Was hilft es, dass wir alle Morgen
beseufzen unser Ungemach?“ 

Autor: Der Student und Dichter erweist sich hier als Seelsorger. Es hilft nichts, wenn wir nur die schweren Sorgen anschauen und über sie lamentieren. Jeden Morgen wieder sich selbst beklagen und bemitleiden? Das macht keine Sorge, keine Belastung geringer. Im Gegenteil: Was wirklich höchst belastend ist, was unser Kreuz ist, unser tiefstes Leid, das wird dadurch  noch schwerer:

Musik (1):
“Wir machen unser Kreuz und Leid
nur größer durch die Traurigkeit.“

Autor: Wolf Biermann sagt dazu:

Sprecher: „.. diese zwei Zeilen trafen mich wie ein Blitz, sie erschütterten mein Herz wie eine Erleuchtung, wie die endlich gefundene Lösung meines Lebensrätsels... Ich genoss jene gelassen dahingesungene Buchstabenreihe wie die Heilung von einer Krankheit in meinem Gemüt.“ (a.a.O., S. 21,22)

Autor: Was im Lied nun folgt, könnte moralisierend anmuten und ist doch eher klug, lebensklug. Da wird zur Geduld geraten – und es klingt doch nicht nach bitterem Verzicht. Da singt nicht freudloser Missmut, sondern vergnügte Hoffnung.

Orgel-Musik 

Sprecherin:
„Man halte nur ein wenig stille
und sei doch in sich selbst vergnügt,
wie unsers Gottes Gnadenwille,
wie sein Allwissenheit es fügt;
Gott, der uns sich hat auserwählt,
der weiß auch sehr wohl, was uns fehlt.

Er kennt die rechten Freudenstunden,
er weiß wohl, wann es nützlich sei;
wenn er uns nur hat treu erfunden
und merket keine Heuchelei,
so kommt Gott, eh wir´s uns versehn,
und lässet uns viel Guts geschehn.“   (Str. 3+4)

Autor: Ach, was wissen wir eigentlich? Was fehlt uns? Was weist die Macht der Traurigkeit in die Schranken? Wann kommt Hilfe zur rechten Zeit? So viele Wünsche sind unausgegoren, so viele Träume vordergründig. Wie Sandburgen am Strand sind sie bald weggespült. Aber Gott weiß, sagt das Lied. Der Glaube lädt ein, sich selbst und Gott nichts vorzumachen. Ehrlich vor Gott zu werden, das vergnügt; es öffnet die Augen und lässt überraschende Wendungen sehen.

Aber alles nur dem lieben Gott überlassen?  Viele gebrannte Kinder mögen solchem Frieden nicht trauen. Tummelten sich hinter dieser großen himmlischen Herrschaft nicht oft ganz irdische Herrschaften? Denen war es nur recht, wenn fromme Lieder alle Gedanken an Umsturz und Änderung der Verhältnisse verscheuchten. Aber das provozierte eine Antwort. Kein Wunder, dass auch Georg Neumarks Lied sich gehörige Umdichtungen gefallen lassen musste. Im Arbeiterliederbuch von 1894 heißt die dritte Strophe dann so:
 
Sprecher: 
„Man bleibe nur in Ehrfurcht stille
und rüge keinen Übelstand,
wenn man auch deren eine Fülle
im heil´gen deutschen Reiche fand.
Er, der die Steuersummen zählt,
der weiß, wie viel dem Volke fehlt.“

(Max Kegel in: Arbeiter-Liederbuch. Eine Sammlung sozialdemokratische Lieder und Deklamationen. 21. Aufl. New York 1894, S. 64f. DVA: V 7/2939)

Autor: Das mag hier und da auch heute eine unvermutete Aktualität haben. Aber Georg Neumark geht weiter und rät: Glaub nicht, dass die, die es „dicke haben“, immer die Glücklicheren sind und bleiben. Mach dich nicht geringer als du bist und wirf deine Hoffnung nicht weg, Es geht um mehr als Rendite und Vorzugsaktien. Verschmitzt sägt er schon am Stuhl derer, die ganz oben sein wollen:

Musik:
„Denk nicht in deiner Drangsalshitze,
dass du von Gott verlassen seist
und dass ihm der im Schoße sitze,
der sich mit stetem Glücke speist.
Die Folgezeit verändert viel
uns setzet jeglichem sein Ziel.“

Autor: Und dann ruft er alte Lieder des Umsturzes in Erinnerung. Sie entstanden schon weit vor den revolutionären Gesängen der Neuzeit. Sie werden von Frauen in der Bibel angestimmt. Von einer verachteten Hannah im Alten Testament. Und nach ihr von der schwangeren Maria:

Sprecherin: 
„Meine Seele erhebt den Herrn,
und mein Geist freuet sich Gottes, meines Heilandes;
Er stößt die Gewaltigen vom Thron
Und erhebt die Niedrigen.
Die Hungrigen füllt er mit Gütern
Und lässt die Reichen leer ausgehen...“ (Lukas 1, 46 ff.)

Autor: Bei Georg Neumark klingt das 1641 so:

Orgel-Musik

Sprecherin:
„Es sind ja Gott sehr leichte Sachen
und ist dem Höchsten alles gleich:
den Reichen klein und arm zu machen,
den Armen aber groß und reich.
Gott ist der rechte Wundermann,
der bald erhöhn, bald stürzen kann. (Str. 6)

Autor: Und was ist das Ende vom Lied? Das Ende heißt: Lass dir das Singen nicht verbieten, durch wen und was auch immer. Und das Beten auch nicht. Halte Kurs auf Gott und tu, was dir vor Händen ist. Nimm deine Aufgabe mit deinem Leben an. Dann kannst du gewiss sein: du bleibst nicht ohne Segen. Erfolg? Immer das große Glück? Vielleicht nicht. Aber: nicht verlassen und nicht vergessen. Ein Mensch mit einer starken Seelenkrücke. Sogar manche Traurigkeit lässt sich damit vertreiben. So waltet Gott.

Musik:
„Sing, bet und geh auf Gottes Wegen,
verricht das Deine nur getreu
und trau des Himmels reichem Segen,
so wird er bei dir werden neu.
Denn welcher seine Zuversicht
Auf Gott setzt, den verlässt er nicht.“ 

Das war Kirche in WDR 3 mit Pfarrer Eko Alberts aus Detmold über den Choral “ Wer nur den lieben Gott lässt walten“ Es sang das Wilhelmshavener Vokalenselmble unter der Leitung von Ralf Popken.

Audiobeitrag "Wer nur den lieben Gott lässt walten" (eg 369)


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