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Zweihundert Jahre Johann Hinrich Wichern
An Johann Hinrich Wichern zu erinnern, liebe Hörerinnen und Hörer, ist eine Aufgabe, die sich nicht so sehr aus der Tatsache ergibt,
dass sich sein Geburtstag heute zum zweihundertsten Mal jährt, sondern daraus, dass seine ziemlich unorthodoxen Gedanken über Kirche und Gesellschaft auch über die geschichtlichen Veränderungen von Jahrzehnten und Jahrhunderten hinweg eine erstaunliche Aktualität bewahren. Wichern bleibt wichtig. Nicht nur an runden Jubiläumstagen.
Der am 21. April 1808 geborene Hamburger, aus gut bürgerlichen Verhältnissen stammend, gilt üblicherweise als einer der, wenn nicht überhaupt als der Begründer der modernen Diakonie. Ins Gedächtnis gerufen wird immer mal wieder seine berühmte Programmrede zur Er-richtung der so genannten Inneren Mission auf dem evangelischen Kirchentag 1848 in Wittenberg. Bekannter noch ist das von ihm ins Leben gerufene Raue Haus, eine, wie er formulierte, Anstalt zur Rettung verwahrloster und schwer erziehbarer Kinder. Schon an solchen Formulierungen wird deutlich: Innerhalb der heftigen sozialen Spannungen seiner Zeit war Wichern alles andere als ein Revolutionär. Er glaubte an das Positive im Menschen und setzte auf guten Willen. Kein Wunder, dass ihm noch vor zwanzig, dreißig Jahren eine ganz Theologengeneration, ich selbst eingeschlossen, seinen mangelnden Blick für die wirtschaftlichen Ursachen von Armut und seinen scheinbar unpolitischen, auf die einzelne Kinderseele gerichteten pädagogischen Ansatz zum Vorwurf gemacht hat.
Aber solche Kritik kann nicht das letzte Wort sein. Wie kaum jemand vor und nach ihm hat Wichern unermüdlich gelehrt und gelebt, dass der christliche Glaube und die praktizierte Nächstenliebe, dass Mission und Diakonie, dass die Erneuerung der Kirche und die Erneuerung der Gesellschaft immer zwei Seiten ein und derselben Medaille sind. Für ihn gab es keine innerkirchliche Arbeitsteilung zwischen Hörern und Tätern des Wortes Gottes. Und auch keine getrennten Ressorts für Gemeindediakonie und Sozialpolitik. Selbst der allerrichtigste Katalog von Glaubenswahrheiten macht wenig Sinn, wenn er keine Taten der rettenden Liebe freisetzt - das stand für Wichern außer Frage. Und genauso das Umgekehrte: dass eine noch so engagierte Nächstenliebe als fruchtloser Aktionismus verpufft, wenn sie ihren Antrieb und ihr Motiv nicht im Glauben an Gott, seine Liebe, seine Vergebung hat.
Eine Kirche, die sich nicht bloß mit sich selbst und dem Erhalt ihrer Strukturen beschäftigt, sondern sich den aktuellen gesellschaftlichen Herausforderungen stellt, ist gut beraten, Wicherns ganzheitliche Sichtweise zu pflegen. Gerade heute, wo die Gegensätze zwischen Arm und Reich, privilegiert und benachteiligt wieder viel gravierender werden als man noch zum Ende des 20. Jahrhunderts für möglich gehalten hat, ist es die große Aufgabe und vielleicht die große Chance der Kirche, für soziale Gerechtigkeit zu arbeiten, ohne irgendwelchen parteipolitischen Fahnen nachzulaufen und umgekehrt: sich im Konzert der Meinungen und Patentrezepte auf den eigenen Glauben zu besinnen, ohne vermeiden zu wollen, sich ganz praktisch die Finger schmutzig zu machen und auch mal Zoff zu riskieren. Wie beides zu-sammen geht das kann man immer noch bei Wichern lernen
Zweihundert Jahre Johann Hinrich Wichern
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