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Ein Gott für schlechte Zeiten
Mein Freund Andi, den ich schon ewig kenne, hat eine Menge mit mir gemeinsam: die Begeisterung für alte Hollywood-Schinken, für Musik, fürs Lesen und für Schalke.
Nur mit Glauben und Kirche hat er gar nichts am Hut. Nee, nee, mit meinem Leben muss ich schon alleine zu Recht kommen, pflegt er zu sagen, wenn ich von Erfahrungen mit Gottes Schutz und Beistand anfange.
Vor zwei Wochen, ich hatte ihn länger nicht gesehen, rief Andi mitten im Champions-League-Spiel an und erzählte, er habe gebetet. Der Hintergrund war schlicht und schlecht, nicht mal besonders sensationell: Andis Chef hatte ihm mitgeteilt, dass die Firma im Zuge von notwendigen Umstrukturierungen auf seine Dienste nach 20-jähriger Betriebszugehörigkeit verzichten müsse. Zu diskutieren gebe es da nichts.
Und Andi? Der war davongeschlichen, hatte erst geflucht, dann gesoffen, dann wieder geflucht und schließlich in dunkler Nacht gedacht: Mensch, Gott, wenn nix mehr hilft, dann hilf wenigstens du. Und weißt du was, brüllte er in die Muschel, gestern haben sie gesagt, der Stellenabbau falle geringer aus als gedacht. Ich kann bleiben.
Nun glaube ich ja nicht, dass der Gott, zu dem Andi in seiner Not gerufen hat, andere Leute in die Arbeitslosigkeit schickt, damit Andi dafür seinen Job behalten kann. Und das wollte ich ihm gestern, als wir uns wieder sahen, zu bedenken geben. Aber dazu kam ich gar nicht. Andi erzählte mir nämlich voller Stolz, dass er für die Firma einen dicken Auftrag an Land gezogen habe. Weißt du, grinste er mich an, die wissen eben, wer was kann und wer die big points macht.
Dieses Volk kehrt mir den Rücken zu, sagt im Alten Testament der Prophet Jeremia im Namen Gottes, und nicht das Angesicht. Aber wenn die Not über sie kommt, sprechen sie: Auf und hilf uns! Gott ist aber nicht der gute Briefkastenonkel, bei dem man im Notfall eine Beschwerde einwirft und damit patentierte Rettungsaktionen buchen kann. Andi hat nämlich ganz Recht: Auch der Glaube an Gottes Schutz und Beistand entbindet mich keineswegs davon, die volle Verantwortung für mein Leben zu übernehmen. Aber eines werde ich Andi beim nächsten Mal noch fragen: Nämlich ob er, den die Not beten gelehrt hat, wirklich glaubt, dass er seine big points so ganz aus eigener Kraft geschafft habe.
Ein Gott für schlechte Zeiten
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