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Fromm sein
Jetzt habe ich es schwarz auf weiß, ganz aktuell: Ich interessiere mich überdurchschnittlich für religiöse Themen und Fragen.
Außerdem bete ich sehr häufig und der rote Balken, der anzeigt, die sehr ich an Gott glaube, durchbricht fast den Rahmen der Grafik. Meine religiösen Kerndimensionen sind echt stark. Nun ja, das dürfte bei einem Pastor ja doch auch zu erwarten sein.
Aber es ist nicht alles Gold, was glänzt: Zu einem meditativ ausgerichteten Leben bin ich offensichtlich nicht geeignet. Und sogenannte All-Erfahrungen tendieren bei mir hoffnungslos gegen Null. Ich habe noch nicht mitbekommen, wie sich das anfühlt, mit Allem Eins zu sein, was immer das auch heißen mag.
Anscheinend sind viele andere in Deutschland da schon weiter als ich. Ich heiße Rüdiger Schnurr und bin Pfarrer in einer reformierten Gemeinde im Siegerland. Meine Erkenntnisse über meinen religiösen Ist-Zustand habe ich dem Religionsmonitor der Bertelsmann-Stiftung übernommen. Jeder kann sich dort im Internet bescheinigen lassen, wie es um seine Frömmigkeit bestellt ist.
MUSIK
Früher war das so: Wenn man sich als Student in einem theologischen Seminar vorstellte und sagte, man stamme aus dem Siegerland, dann verdrehten mindestens 70 Prozent aller Kommilitonen die Augen. Aha, ein Frommer. Die anderen 30 Prozent kamen wahrscheinlich auch aus der gleichen Gegend wie man selbst.
Der Ruf, ein frommes Pflaster zu sein, haftete dem Siegerland an. Es kursierte eine Anekdote, wonach bei einem christlichen Kongress ein eifriger junger Mann an ein Mikrofon trat und seine Rede so anfing: Der Apostel Paulus hat geschrieben
Dann fiel ihm gerade noch ein, dass jeder Redner sich kurz vorstellen sollte, vor allem, aus welcher Gegend in Deutschland er kam. Und so setzte er den angefangenen Satz fort: Ich komme aus dem Siegerland. Schallendes Gelächter aus dem Auditorium war die Antwort. Der Leiter des Kongresses meinte: Lieber Bruder, das fehlte uns grade noch, dass der Apostel Paulus auch noch aus dem Siegerland kommt.
Das war ja nur als humorvolle Fopperei gemeint. Aber deutlich ist im Grunde, dass Frommsein als eine Eigenschaft zählt, über die man wenns nachsichtig - wohlwollend gemeint ist eine humorige Bemerkung macht. Oder über die man die Augen verdreht und sich bissige Kommentare erlaubt.
Aber was ist ein frommes Leben? Was zeichnet es aus? Vielleicht sind Sie, liebe Hörerin, lieber Hörer, frommer als Sie bisher angenommen haben?
Da kann ein Blick auf die Herkunft des Wortes fromm helfen. Es leitet sich her von dem althochdeutschen fruma, was soviel wie Nutzen oder Vorteil bedeutet. Später wurde es zu frum und es war das, was wir heute mit nützlich und tüchtig meinen. Ei du frommer und getreuer Knecht so lobt in einem Gleichnis, das Jesus erzählt, der Herr den, der erfolgreich, tüchtig und uneigennützig gewirtschaftet hat. Und in früheren Zeiten betete man in einem Lied für die Regierung so:
Sprecherin: Drum wünschen wir aus Herzensgrund der Obrigkeit, dass die Gewalt von Gott sie nehm und recht verwalt; es geb ihr Gott viel Ernst und Fleiß, dass sie aufrecht sei, fromm und weis.
So wird sie eine gute, d.h. für alle eine nützliche und tüchtige Regierung sein können, die gerecht handelt. So gesehen kann es eigentlich nicht genug fromme Menschen unter uns geben.
MUSIK
Wir saßen in einer Runde zusammen, in der ziemlich offen miteinander geredet wurde. Wir tauschten uns über unsere Erfahrungen mit der Religion aus. Kindheitserlebnisse von vor über 50 Jahren wurden erzählt. Da war das Gespräch sehr lebendig und jeder konnte etwas dazu beisteuern. Über die Oma etwa, deren Vertrauen zu Gott einen geprägt hat oder über die ersten Gebete, die einem die Mutter beigebracht hat. Der Vater spielte selten eine einflussreiche Rolle bei der religiösen Erziehung. Das war wohl mehr Frauensache. Als wir dann versuchten darüber zu sprechen, wie es denn heute so jenseits der 50 und 60 mit der Religion bestellt ist, da war es mit der Auskunftsfreudigkeit schnell vorbei. Als ich weiter bohrte, wurde übereinstimmend gesagt, dass sei doch zu persönlich; der Glaube, das wäre etwas, was man ganz innen drin verspürt. Das lässt man nicht so raus. Das macht man mit sich selber ab. So sehr man auch in anderen Bereichen die Öffentlichkeit nicht scheut und sogar vor Auseinandersetzungen nicht zurückschreckt, wenn es um den Glauben an Gott und Jesus Christus geht, dann wird die Innerlichkeit betont.
Diesen Trend gibt es seit der Zeit der Aufklärung. Damals vor über 200 Jahren wurde das religiöse Gefühl des einzelnen Gläubigen als angemessene Form, in der sich der christliche Glaube entfalten kann, bestimmt. Ein Christ konnte seine Frömmigkeit alleine im stillen Kämmerlein leben. Das war gewissermaßen der Ort, zu dem keiner Zutritt hatte, da gab es die ersehnte Gedankenfreiheit, für die die Aufklärung so vehement eintrat, niemand sollte und konnte einem vorschreiben noch verbieten, wie und was man zu glauben hatte. Jeder war für sich und seine Überzeugungen und das was er tat verantwortlich.
Vielleicht ist gerade in der deutschen Geschichte allzu oft bewiesen worden, dass die Gedankenfreiheit doch nicht unangefochten frei sein durfte, wie manche Idealisten es gerne hätten. Ich erinnere mich noch gut, wie geheimnisvoll meine Eltern noch Anfang der 60 Jahre sich um eine Antwort drückten, wenn sie gefragt wurden, welcher Partei sie bei der Wahl ihre Stimme gegeben hätten. Da wirkten noch die Erfahrungen mit der Nazizeit nach, als die Gesinnung immerzu ausgeforscht wurde und das Gewissen sich der Parteidoktrin unterzuordnen hatte. Das hatte misstrauisch gemacht.
Und ist der Glaube nicht auch so eine sensible Sache, die es zu schützen gilt? Ist er nicht am besten und sichersten ganz im Innersten eines Menschen aufgehoben?
Ich kannte einige aus der Runde, die so eifrig diskutierten, schon seit längerem und wusste von etlichen, dass sie ein ausgesprochen waches Gespür dafür haben, wo Menschen in Not geholfen werden muss. Sie haben sich ein Gewissen bewahrt, dass im entscheidenden Moment ihnen sagt, was zu tun ist. Und das geschieht meistens ganz unauffällig; wie selbstverständlich bringen sie sich ein. Es gehört zu ihrem Wesen. Ich mag solche Menschen.
Ich fragte darum in die Runde hinein: Haben Sie sich denn schon einmal Gedanken darüber gemacht, ob das, was sie an Gutem tun, womit Sie anderen helfen, auch etwas mit ihrem Glauben als Christen zu tun haben könnte? Nun ja, so direkt hätten sie sich das sicher noch nicht gefragt, aber das gehöre für sie einfach dazu. Dann hat ihr Christsein also doch eine Außenseite und ist nicht nur eine innere Angelegenheit, die sie und Gott miteinander ausmachen, dann sind sie doch fromme Menschen. Also Menschen, die gerecht denken und tatkräftig Glauben leben. Daraufhin meinte eine Frau aus dem Kreis, so hätte sie das noch nie gesehen. Und dabei lächelte sie.
MUSIK
Fromm sein, liebe Hörerinnen und Hörer, ist ein anderer Ausdruck für Leben in Hoffnung haben. Ein frommer Mensch sieht in der Verantwortung vor Gott in jedem Leben auf dieser Erde einen bleibenden Sinn. Ein wirklich frommer Mensch ist darum eigentlich immer ein sehr angenehmer Mensch. Wenn ich an unsere Gesprächsrunde denke, fallen mir die Worte Jesu ein, die er über den Weinstock gesagt hat. Im Johannesevangelium kann man sie nachlesen:
Sprecherin: Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht; denn ohne mich könnt ihr nichts tun.
Das ist logisch: Reben, die am Weinstock bleiben, bringen Weintrauben hervor. Und die Reben nehmen sich das noch nicht einmal vor. Es ist ihre Bestimmung. Und so ist es auch mit dem Glauben an Jesus Christus: wenn er echt ist, dann mag er innen drin oder nach außen gekehrt sein, dann mag man ihn im Herzen oder auf der Zunge tragen. Er bringt Früchte. Er ist nützlich, er ist fromm. Martin Luther hat das einmal so ausgedrückt.
Sprecherin: Wie dir der Glaube die Seligkeit und das ewige Leben bringt, so bringt er dir auch mit sich viele gute Werke und ist unaufhaltsam. Denn gleichwie ein lebendiger Mensch sich nicht kann enthalten, er muss sich regen, essen, trinken und zu schaffen haben, und nicht möglich ist, dass solche Werke können ausbleiben, solange er lebt, das man nicht nötig hat, ihm zu befehlen und ihn zu treiben, solche Werke zu tun. Wenn er nur lebendig ist, so tut ers.
Ich habe mich gefragt, was sich die Menschen in jener Runde unter einem frommen Menschen vorgestellt haben. Vielleicht einen Mann, der beeindruckend von seinen Glaubenserfahrungen berichten kann oder eine Frau, die beispielhaft lebt, wie Mutter Theresa. Vielleicht wissen sie jetzt, wie unscheinbar Früchte lebendiger Christen sein können und trotzdem vielen große Freude machen. In einem Buch fand ich diese unscheinbaren Früchte aufgezählt:
Sprecherin: Selig, die Verständnis zeigen für meinen stolpernden Fuß und meine lahmende Hand. - Selig, die begreifen, dass mein Ohr sich anstrengen muss, um alles aufzunehmen, was man zu mir spricht. - Selig, die mit freundlichem Lächeln verweilen, um ein wenig mit mir zu plaudern. - Selig, die niemals sagen: Das haben Sie mir heute schon zweimal erzählt. - Selig, die mich erfahren lassen, dass ich geliebt, geachtet und nicht allein gelassen bin. - Selig, die in ihrer Güte die Tage, die mir noch bleiben, erleichtern.
Schöne, beglückende Erfahrungen mit dem Fromm-Sein wünsche Ihnen über diesen Sonntag hinaus Pfarrer Rüdiger Schnurr von der Evangelischen Kirche. Denn gerade unsere Zeit braucht fromme Leute.
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