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Emil Nolde
Im Elternhaus von Emil Hansen gab es nur ein einziges Buch: die Bibel. In ihr las der kleine Emil, der 1867 in Nordschleswig geboren wurde, oft und gern.
Nach dem Dorf, in dem er aufwuchs, nannte er sich später Emil Nolde. Diese kindliche Erfahrung blieb auch für das spätere künstlerische Schaffen des Malers prägend:
Sprecher: Die Vorstellungen des Knaben von einst, als ich während der langen Winterabende tief ergriffen alle Abend in der Bibel lesend saß, wurden wieder wach. Es waren Bilder, die ich las, reichste orientalische Phantastik. Sie wirbelten in meiner Vorstellung immer zu vor mir hoch, bis lange lange danach der nun erwachsene Mensch und Künstler sie, wie in traumhafter Eingebung, malte und malte.
Autor: So entstand im Jahre 1910 das Bild: Christus und die Kinder. Was die Bibel im Markusevangelium berichtet, sieht der Maler Nolde auf seine Art: In der Mitte des Bildes Jesus, wie er sich zu einer Kinderschar hinab beugt. Die Kinder, in leuchtendem Gelb und Rot, schauen ihn mit großen Augen an, recken sich zu ihm hin; eins hängt wie eine Klette an seinem Hals, ein anderes reckt die Ärmchen empor, als ob es sagen wollte: Ich will auch bei Jesus auf den Arm! Der ganz persönlichen religiösen Empfindung Ausdruck zu verleihen das war Noldes radikaler Neuansatz in seinem künstlerischen Schaffen:
Sprecher: Meine Art der letzten Jahre zu zeichnen und malen in Nachbildung und Gestaltung der Natur... genügte mir nicht mehr. Zeichnend hatte ich auf dem Papier gewischt und gekratzt, bis der Grund durchlöchert war, um etwas anderes und mehr als bisher das Tiefstliegende zu erschaffen.
Autor: Am linken Bildrand bärtige Männer in dunklen Gewändern Jesu engste Vertraute. In diesem Augenblick aber himmelweit von ihm entfernt. Hatten die Männer eben noch versucht, die Kinder von Jesus weg an den Rand zu drängen, finden sie sich nun selbst am Rande vor. Laßt die Kinder, laßt sie zu mir kommen, hatte Jesus gesagt und sich ihnen und ihren Müttern entschlossen zugewandt.
Den Männern steht die Verwunderung ins Gesicht geschrieben. Jesu Verhalten paßt nicht in ihre von Dominanz, Macht und Vernunft geprägte Männerwelt. In ihren Gesichtern aber sieht man noch die Farben der Kindheit leuchten das gleiche Gelb und Rot, in dem Nolde die kleinen Kinder bei Jesus gemalt hat.
Sprecher: Es besteht also noch Hoffnung, daß Männer ihre eigene Kindheit auf den Arm nehmen, ihr Kindsein wieder entdecken: die Spontanität, Ausgelassenheit und Lebenslust, die Sehnsucht auch nach Kuscheln und Geborgenheit, und dieses grenzenlose Vertrauen, das den Kindern zu eigen ist.
Autor: Den Kindern sagt Jesus gehört das Himmelreich. Er sagt das zu Erwachsenen, die die Hoffnung auf das Leben noch nicht aufgegeben haben. Diese Hoffnung trug den Maler Emil Nolde auch, als die Nazis seine Bilder verboten. Nolde malte weiter - ungemalte Bilder, wie er sie nannte. In aller Freiheit der Kunst. Und seines ganz persönlichen Glaubens: Sprecher: Falls ich am Bibelbuchstaben und am erstarrten Dogma gebunden gewesen wäre, ich habe den Glauben, dass dann ich diese tiefsinnig empfundenen Bilder... so stark nicht hätte malen können. Ich musste künstlerisch frei sein, - nicht Gott vor mir haben wie einen stahlharten assyrischen Herrscher, sondern Gott in mir heiß und heilig wie die Liebe Christi.
Autor: Emil Nolde starb heute vor 52 Jahren.
Emil Nolde
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