Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

06.04.08, 10.00 Uhr, Präses Alfred Buß

Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln

Psalm 23. Wie viele Menschen hat er nicht schon getröstet. Und wie viele stark gemacht, Lebenslagen zu bestehen. Wir beten ihn, wenn es ans Sterben geht, aber auch,

wenn wir abends unsere Kinder ins Bett bringen. So ist der Psalm ein Lied für Kinder und für Sterbende. Und gerade darum ein Lied für das Leben. Denn nur, was dem Leben standhält, taugt für das Ohr unserer Kinder. Und was zum Leben hilft, das hilft auch im Sterben. Psalm 23 kommt aus dem wirklichen Leben - und er spricht in das wirkliche Leben.

Nun gibt es - so hörte ich - im wirklichen Leben zwei Arten von Hirten: die einen interessieren sich für die Wolle, die anderen für das Fleisch. Für die Schafe aber interessiert sich niemand. Ein hartes Wort. Und doch zutreffend für den Zeitgeist. Man spekuliert auf Renditen von Wolle und Fleisch, ist fixiert auf den Ertrag. Und die Schafe? Sie werden taxiert, als Wertschöpfungs- und Kostenfaktor, und – gegebenenfalls – wegrationalisiert. Denn die einen interessieren sich für das Fleisch, die anderen für die Wolle – für die Schafe aber interessiert sich niemand.

Wir kennen solche Hirten auch heute, zum Beispiel in leitenden Positionen unserer Gesellschaft. Zu viele sind damit beschäftigt, ihr Schäfchen ins Trockene zu bringen. Das ist der Stallgeruch unserer Zeit.

Doch: Es ist einer da, der sich für die Schafe interessiert, ganz für die Schafe. Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln... - so Psalm 23. Ich bin der gute Hirte und kenne die Meinen... – so Jesus Christus im Evangelium nach Johannes. Da geht es nicht um Fleisch oder Wolle, sondern wirklich um die Schafe. Sie werden nicht ausgenommen, sondern angenommen. Hier wird nicht der Stab über jemanden gebrochen, sondern: Dein Stecken und Stab trösten mich. Dieser Hirte kennt nicht nur seine Herde, sondern jedes einzelne Schaf. Der Hüter des Lebens sieht den Wolf kommen und flieht nicht. Wenn es darauf ankommt, lässt er sein Leben für die Schafe.
Hirte sein. Das stellen sich Romantiker so erbaulich vor: in der Sonne liegen, seinen Gedanken nachhängen, die Herde weiden lassen. Wie anders ist die Realität: Weil er Hirte ist, teilt er sein Leben mit seinen Schafen - tags und nachts, draußen und unterwegs. Da heißt es wachsam nach Feinden spähen, etwas von Aufzucht verstehen, Geburtshelfer sein, melken, scheren, Hufe schneiden, den Stall ausmisten, Zäune setzen und abreißen, in der Kälte stehen, der Hitze ausgeliefert sein, immer auf der Suche nach frischem Gras, Wasserstellen, Lager- und Ruheplätzen, die Schutz bieten vor wilden Tieren. Den Einzelnen sehen, dem Verstiegenen nachklettern, das Verlorene suchen, das Verirrte zurückholen. Der gute Hirte teilt sein Leben mit den Schafen. Weil wir einen solchen Hirten haben, können wir auch füreinander Hüter des Lebens sein.

Schafe gelten ja nun als dumm. Ihr Orientierungssinn ist wenig ausgeprägt. Während Zugvögel, Brieftauben, Wildgänse oder Edellachse auch über riesige Strecken zurückfinden, verirrt sich das Durchschnittsschaf wohl sieben Mal am Tag abseits von der Herde.
Ja, wenn wir schon mit Tieren verglichen werden, da gäbe es in unseren Augen schon attraktivere. Es müsste nicht gleich Löwe oder Adler sein – aber ein Schaf? Die Bibel weiß schon, warum sie uns mit Schafen vergleicht. Schafe haben nämlich nichts dagegen, sich finden zu lassen.

Doch Vorsicht: Vertrauen ist nicht blindes Vertrauen oder dummer Gehorsam. Die Sehnsucht nach guten Hirten hat sich zu oft verkehrt in einen Glauben an falsche Führer. Die führen ins Verderben und geben dann alles und alle verloren. Dieser Psalm aber vertraut einem Hirten, der dem Verlorenen nachgeht.

Weil sie ihrem Hirten vertrauen, lassen Schafe sich das Leben gerne schenken: Grüne Auen, klares Wasser, den richtigen Weg, den gedeckten Tisch, übervolle Becher, festliche Gemeinschaft, ein Haus voller Glück und Freundlichkeit. Mir wird nichts mangeln... Es ist genug für alle da. Wirklich genug.

Komisch: Wenn ich Genug! sage, dann ist es mir oft schon zu viel. Ich meine auch selbst zu wissen, wie grüne Auen auszusehen haben, diverse Wässerchen schmecken müssen und was der richtige Weg für mich ist. Eigentlich lebe ich wie ein Selbstversorger, autonom, auf keinen angewiesen. Beschaffe  mir, was ich zum Leben brauche und rufe auch gern nach Mehr. Bekomme mehr als genug - und fühle mich doch oft innerlich leer.

Vom guten Hirten kann ich mich beschenken lassen. Er erquickt meine Seele. Meine durstige Seele. Nach kräftezehrender Wegstrecke die Hände ineinander legen und offenhalten: immer wieder füllen sie sich neu mit dem unerschöpflichen, Leben spendenden Wasser. Lebenskräfte kehren zurück. Die Sehnsucht nach Erquickung für Leib und Seele findet Erfüllung in Gott.

Und ob ich schon wanderte im finstern Tal... Der 23. Psalm verschweigt nicht, was auch zum Leben gehört: Finstere Täler - Felsschluchten mit Steinschlag, reißenden Bächen, Giftpflanzen, Raubtieren oder Hagelstürmen. Schattentäler, in denen das Verderben hockt. Solcher Schatten kann alles Licht fressen. Was eben noch warm und leuchtend war, wird dann kalt und fahlgrau. Das Leben wird rätselhaft, undurchschaubar, und wir orientierungslos. Wenn da kein Halt ist, wenn die Liebe schweigt und der Schmerz zunimmt... es schwarz wird vor Augen, der Boden nachgibt und du ins Leere greifst – dann kann das Gottvertrauen wohl porös werden, es zersiebt und ist plötzlich dahin.

Du fühlst und siehst und glaubst in solchem Zustand: es wird nie mehr anders. Finsteres Tal, schlimmste Anfechtung, das ist wie ein Verlies ohne Ausgang, wie eine tiefe Grube ohne Lichtblick. Und ob ich schon wanderte im finstern Tal... Wanderte. Im Rückblick, im Nachhinein, da leuchtet auf: die Furcht fiel ab, das Grauen wich, die Starre löste sich. Ja, Gott war da.

Merkwürdig: gerade im Dunklen, Rätselhaften, im finstern Tal wird aus dem Er ein Du: Er führet mich auf rechter Strasse, aber jetzt: Du bist bei mir. Eine schmale Brücke, schwankend aufgehängt und festgemacht an Deiner Nähe, Gott, führte mich über den Abgrund hinweg, wo das Verderben sitzt. Dein Stecken und Stab trösten mich; dein Stab erschlug den Kopf der Schlange und dein Stecken zurrte und angelte das verirrte Schaf wieder heraus aus dem Dornengestrüpp.

Das Vertrauen in den guten Hirten blendet die dunklen Schatten nicht aus, spaltet nichts ab oder verdrängt es gar. Denn dieses Vertrauen kommt aus der tiefen Gewißheit: die Mächte des Verderbens behalten nicht das letzte Wort. Und ob ich schon wanderte im finstern Tal, fürchte ich kein Unglück, denn du bist bei mir...

Der große Philosoph Immanuel Kant sagte vor 200 Jahren: Ich habe in meinem Leben viele kluge und gute Bücher gelesen. Aber ich habe in ihnen allen nichts gefunden, was mein Herz so still und froh gemacht hätte, wie die vier Worte aus dem Psalm 23: ‚Du bist bei mir’

Es kommt noch besser: Du bereitest vor mir einen Tisch im Angesicht meiner Feinde. Mitten in den Widerwärtigkeiten des Lebens breitet sich die Menschenfreundlichkeit des guten Hirten aus. Du bereitest vor mir einen Tisch. Es mag drüber und drunter gehen, das Leben widerspenstig daherkommen, aber eine Tafel ist festlich gedeckt. Statt schlichter Verpflegung ein glanzvolles Mahl. Ich bin eingeladen – das Entrée gilt wirklich mir – es hat nichts gemein mit den Lockködern süßzüngiger Geschäftigkeit. Er salbt mein Haupt mit Öl und schenkt mir voll ein: hier kaut keiner mehr Gras und niemand nippt nur Gänsewein. Mein Becher ist übervoll; der Gastgeber verschenkt und verströmt sich und seine Fülle. Freude greift Raum, üppiges Leben, Glanz und Gemeinschaft. Eine alte Berner Bibelsetzung lässt sich das auf der Zunge zergehen: Du schenkest mir schwibbeli-schwabbeli voll ein.

Die alte Kirche lehrte, Gott dürfe man genießen, die Welt hingegen nur gebrauchen. Das war verhängnisvoll. Man hat die Welt dann doch genossen, verbotenermaßen und im Verborgenen, mit schlechtem Gewissen. Der Genuß aber hat sich dann selber zum Götzen erhoben: nur im Genießen finden viele Menschen Lebenssinn, im seichten, lebensgierigen Pläsier.

Doch: er salbt mein Haupt mit Öl zu betörendem Wohlgeruch und schenket mir schwibbeli-schwabbeli voll ein. Er schenkt den Sonnenschein und das Rauschen der Blätter, die Auberginen, den Knoblauch und den Wein, den Schnee und den Wind, den Vogelflug und die Schmetterlinge, den Blick auf die Sterne und all die Tage, Abende und die Nächte.

Und wenn dich das Leben verfolgt und es garstig mit dir meint, wenn Krankheit, Armut oder welche Lebensdürre immer dich ausgeschlossen haben - was ist es für eine Labsal, wenn du mit offenen Armen empfangen wirst am festlich gedeckten Tisch und einer zu dir sagt: Nimm, iß und trink, für dich gegeben.

Gutes und Barmherzigkeit werden mir folgen mein Leben lang, und ich werde bleiben im Hause des Herrn immerdar. So vieles stößt und treibt uns im Leben - wie die wilden Tiere und die Schäferhunde die Schafe treiben, verfolgen, jagen, kneifen und beißen. Am Ende jagt und treibt uns nichts mehr.

Genauer, mit Psalm 23 gesprochen: was jetzt noch jagt, treibt und verfolgt, wird Gutes und Barmherzigkeit sein. Wie schön ist das. Zum Festhalten schön. Unglaublich schön. So schön, dass ihm selbst der Unglaube nichts mehr anhaben kann. Und so werde ich bleiben im Hause des Herrn immerdar. Im Haus seines Friedens. Dieser Friede Gottes, der höher ist als alle unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen

Der nächste Evangelische Hörfunkgottesdienst aus Nordrhein-Westfalen, wird am 01.05.2008 von 10 Uhr bis 11 Uhr auf WDR 5, aus der Martin Luther Kirche in Detmold übertragen. Die Predigt hält Pfarrer Tobias Treseler.


Druckversion

Suche

Sendungen der Woche

Sendungen am Sonntag

Sendungen im Fernsehen