Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

06.04.08, Pfarrer Jens Burgschweiger

Albrecht Dürer

Zwischen Freischwimmer- und Abiturzeugnis springen sie mir entgegen. „Ritter, Tod und Teufel“ - ein vergilbter Druck – Konfirmationsurkunde meines Vaters.

(Als Dreikäsehoch von gerade mal 14 Jahren hielt mein Vater ihn in Händen – seine Konfirmationsurkunde.) Das Bild wirkt auf mich ziemlich martialisch. Ob mein Vater sich damals damit identifizieren konnte? Sicher, Tod und Teufel hatte der Konfirmand von damals ja bereits kennengelernt: Krieg und die Nazizeit waren gerade vorüber. Aber auch die Nationalsozialisten hatten ja dieses Bild für sich vereinnahmt: In Albrecht Dürers Kupferstich „Ritter, Tod und Teufel“ sah Hitler – wie Goebbels bisweilen betonte – seinen eigenen „Kampf“ gespiegelt und verklärt.

Dennoch hat die Kirche, hat der Pastor, der meinen Vater konfirmierte, den Kindern nach '45 „Ritter, Tod und Teufel“ mitgegeben. Für's Leben sozusagen. Warum auch nicht, denke ich, - was können solche ideologischen Attentate wie die der Nazis, Dürers Ritter denn schon anhaben? Der sitzt da immerhin schon seit 1513 fest im Sattel und fürchtet weder Tod noch Teufel. Ob mein Vater sich dieses Bild auf seiner Urkunde mal genauer angeschaut hat? Überdimensional der Ritter in der Mitte – stolz und furchtlos in Haltung und Körpersprache. Dabei kaum eine Handbreit von ihm entfernt: der Tod. Eine bärtige Gestalt auf einem alten Klepper. Drohend hält er dem Ritter das Stundenglas vor die Nase. Macht ihm unmißverständlich klar: Deine Lebenszeit läuft – und sie läuft ab.

Der Tod befindet sich übrigens in bester Gesellschaft: Eine tierische Teufelsfratze grinst da dem Ritter entgegen. Gut, auch wenn wir es heute sicher anders darstellen würden: Ist es nicht so, dass das Böse immer wieder nach dem Menschen greift? Auch in seinem späteren Leben hat mein Vater das erfahren . In seiner Jugendzeit trug er – begeistert und verblendet wie die meisten seiner Altersgenossen - die HJ-Uniform. Der Ritter zeigt sich unbeirrt. Schaut mutig nach vorn – auch wenn der Totenkopf am unteren Bildrand gleich hinter der Namenstafel Albrecht Dürers andeutet, wohin die Reise geht. Ob mein Vater in seinem Leben auch immer so mutig nach Vorne geschaut hat? Ja, auch darin war wohl er ein Kind seiner Zeit. Aber das reicht als Erklärung nicht. Woher nahm er dazu die Kraft? 

Dem Rittersmann auf dem Bild springt ein Hund zur Seite. Für Dürer immer ein Zeichen des Glaubens und der Treue. Glaube und Treue also. Passend für eine Konfirmationsurkunde, denke ich. Mein Vater war kein großer Kirchgänger, sicher, und er hat nie viele Worte über seinen Glauben verloren. Aber ich weiß, er hat gebetet. Auf dem Bild sieht man noch etwas: Eine Stadt. Zweifellos das Ziel des Ritters. Man muß kein Prophet sein, um zu wissen: Diese Stadt zeigt das Ziel menschlicher Hoffnung, nach biblischer Tradition das himmlische Jerusalem. Eine Aussicht, die dafür steht, dass Tod und Teufel nicht das letzte Wort haben.

Dass das himmlische Jerusalem auf dem Kupferstich auch der Heimatstadt des Malers – dem Nürnberg der damaligen Zeit - ähnelt, zeigt, wie sehr sich in dem Bild die ganz persönliche Hoffnung Dürers ausspricht. So lässt der Maler, als er heute vor 480 Jahren, am 6. April 1528 stirbt, sich von seinem Freund die vielsagende Inschrift auf's Grab setzen: „Was sterblich war an Albrecht Dürer, liegt unter diesem Stein.“ Ich lege die Konfirmationsurkunde meines Vaters zurück in den Ordner. Was sie ihm bedeutet hat, weiß ich nicht. Die Hoffnung aber, die aus Dürers „Ritter, Tod und Teufel spricht“, sagt mir noch heute etwas, gerade jetzt, wo das, was sterblich war an meinem Vater, auch unter einem Stein liegt.

Audiobeitrag Albrecht Dürer


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