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Gott ist gegenwärtig (eg 165)
Choral: Gott ist gegenwärtig. Lasset uns anbeten und in Ehrfurcht vor ihn treten. Gott ist in der Mitte. Alles in uns schweige und sich innigst vor ihm beuge.
Wer ihn kennt, wer ihn nennt, schlag die Augen nieder; kommt, ergebt euch wieder.
Sprecher: Gott ist gegenwärtig. Lasset uns anbeten und in Ehrfurcht vor ihn treten. Gott ist in der Mitte. Alles in uns schweige und sich innigst vor ihm beuge. Wer ihn kennt, wer ihn nennt, schlag die Augen nieder; kommt, ergebt euch wieder.
Autorin: Ich merke, wie mich allein die Worte ruhiger machen; wie sie mich lösen vom Alltag, von dem was mich dort drängt und belastet. Sie entfernen mich von den Ansprüchen, die an mich gestellt werden und auch von meinen Selbstansprüchen. Die lauten Stimmen in mir, die mich antreiben, dieses und jenes zu tun und mich auch darum noch zu kümmern, sie verstummen.
Choral: Gott ist in in der Mitte. Alles in uns schweige und sich innigst vor ihm beuge.
Autorin: Da will ich mich innigst vor Gott beugen. Auch wenn dies keine eingeübte Geste meines Alltages mehr ist. Wenn ich mich hier beuge, dann in meiner vollen Würde eben vor dem Angesicht Gottes. Nicht gedemütigt, nicht angstvoll, sondern als ein geliebtes Kind Gottes und voller Dankbarkeit.
Choral: Wer ihn kennt, wer ihn nennt, schlag die Augen nieder. kommt, ergebt euch wieder.
Autorin: Die Augen niederschlagen. Nicht vor Scham, nicht vor Schuldgefühl, nicht voller Unsicherheit. Sondern voller Vertrauen. Ich kann mich sammeln. Zu mir kommen. Zu Gott kommen. Schweigend, mit einem konzentrierten Blick nach innen. Auch das macht mich frei von den Anforderungen dieser Welt, unter denen ich oft leide. In dieser Haltung kann ich mich verabschieden vom Aufruhr meiner eigenen Seele, von den vielen unbeantworteten Fragen meines Lebens, von der Hast der übervollen Tage.
Choral (instrumental Musik)
Autorin: Gerhard Tersteegen, der 1724 dieses Anbetungslied geschrieben hat, wächst in Moers am Niederrhein auf. Er verliert seinen Vater schon früh. Da ist er noch nicht in der Schule. Er ist sehr begabt und lernt neben Deutsch und Niederländisch auch Latein, Griechisch, Hebräisch und Französisch. Aber wegen der Armut seiner Familie kann er nicht studieren. Er muss zu seinem Schwager nach Mülheim an der Ruhr ziehen, um dort den Beruf des Kaufmanns zu erlernen.
Während sein Liedtext etwas fast schon himmlisch-Schwebendes hat, war er offenbar ein ganz handfester Mensch: Kaufmann, Leinenweber, Bandwirker, der trotz angeschlagener Gesundheit handwerklich gearbeitet hat. Abends hat er sich mit Büchern, Übersetzungen und Schriftstellerei beschäftigt. Für ihn war wichtig: Wer sich um eine innige Gottesbeziehung bemüht, wird automatisch auch Verantwortung in dieser Welt übernehmen:
Und so er hat sich eingemischt; Menschen in seiner Umgebung unterstützt als Seelsorger, als Wohltäter für die Armen, sogar als Arzt mit einer besonderen Sensibilität für psychosomatische Erkrankungen. Tersteegen weiß dabei ganz sicher: Gott ist gegenwärtig auch wenn es im Leben nicht so läuft, wie wir es uns wünschen.
Choral: Wir entsagen willig allen Eitelkeiten, aller Erdenlust und Freuden; da liegt unser Wille, Seele, Leib und Leben dir zum Eigentum ergeben. Du allein sollst es sein, unser Gott und Herre, dir gebührt die Ehre.
Autorin: Wir entsagen willig allen Eitelkeiten. Na, so willig vielleicht auch wieder nicht. Und doch: Der Choral weckt eine große Sehnsucht in mir die Eitelkeiten dieser Welt los zu lassen. Mich nicht um Ansehen, Aussehen, Auskommen und Ausgehen kümmern zu müssen. Stattdessen mich auf Gott hin ausrichten. Auf das Wesentliche. Auf das, was mich wirklich trägt, was wirklich wichtig für mein Leben ist. Sich nicht mehr mit dem Vergänglichen rumschlagen müssen, sondern sich auf das Ewige ausrichten. Dann muss ich nicht immer hinter allem herjagen dann kann ich zur Ruhe kommen. Gerhard Tersteegen selber beschreibt das in einer seiner Reden so:
Sprecher: Ach, die arme Welt, hat sie schon einmal eine Puppe, womit sie einige Tage spielet, auf einmal wird man des Dings müde, dann will man wieder was andres haben: aber auch damit kann man sich nicht lange helfen. Ach armseliges Leben, da man immer, so zu reden, von einem Zweig auf den anderen hüpft, und nimmer ein vergnügtes Herz erlanget! Aber wer Jesum wahrlich in seinem Herzen findet, schmecket und genießet, der wird seiner in aller Ewigkeit nicht müde.
Autorin: Für sein Anbetungslied hat Gerhard Tersteegen die Noten des Liedes Wunderbarer König von Joachim Neander gewählt. Diese Melodie unterstützt seine zeitlosen Worte, die so gar nicht antiquiert wirken, auf wunderbare Weise:
Choral: Du durchdringest alles; lass dein schönstes Lichte, Herr berühren mein Gesichte. Wie die zarten Blumen willig sich entfalten und der Sonne stille halten.
Sprecherin: Du durchdringest alles. Lass dein schönstes Lichte, Herr, berühren mein Gesichte.Wie die zarten Blumen willig sich entfalten und der Sonne stille halten.
Autorin: Meine große Sehnsucht nach Ganzheit wird hier geweckt. Mein Geist, mein Herz, meine Sinne öffnen sich unwillkürlich, wenn ich hier mitsinge. Sie öffnen sich hin zu dem, von dem ich glaube, dass er mich geschaffen hat, dass er mich liebt und der meine Angst, Leere und Unsicherheit kennt und aufnimmt. An den ich mich verschenken kann, der mir doch alles geschenkt hat. Ich darf loslassen und mich Gott überlassen. Mich Gott hingeben, so wie ich mich den ersten Sonnenstrahlen im Frühling entgegenstrecke und die Wärme und das Licht auf meiner Haut genieße.
Choral: Lass mich so still und froh deine Strahlen fassen und dich wirken lassen.
Autorin: Das ist ein langer Weg. Ein lebenslanger Weg, der uns vielleicht nicht so radikal gelingt, wie Gerhard Tersteegen. Aber was sicher immer wieder möglich ist: Still zu werden, der Gegenwart Gottes zu vertrauen, sich frei machen, von allem, was uns von Gott fern hält, sich ihm hingeben und ihn wirken lassen von ganzem Herzen.
Choral: Mache mich einfältig, innig, abgeschieden, sanft und still in deinem Frieden; mach mich reinen Herzens, dass ich deine Klarheit schauen mag in Geist und Wahrheit; lass mein Herz überwärts wie ein Adler schweben und in dir nur leben.
Das war Kirche in WDR 3 mit Pfarrerin Claudia Kiehn aus Wuppertal über den Choral Gott ist gegenwärtig. Es sang das Solistenensemble unter der Leitung von Gerhard Schnitter.
Gott ist gegenwärtig (eg 165)
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