Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

08.04.08, Pfarrer Dr. Sven Keppler

Das Brandopfer

„Wenn es so ist, dass eine, die ihr Kind erwartet, den Kinderwagen hergeben muss, weil man über sie und über das Ungeborene ohne Grund ein Todesurteil gesprochen hat,

wenn das in der Welt ist, dann kann es nicht mehr gut werden. Das kommt nicht mehr ins Gleichgewicht. Und eigentlich ist nichts anderes mehr möglich als dies: dass alles gut aufgeräumt wird – im Feuer.“

Autor: Margarete Walker war eine Metzgersfrau im Zweiten Weltkrieg. Die Nazis hatten angeordnet, dass die Juden ihrer Stadt nur bei ihr einkaufen durften. Die Frau mit dem Kinderwagen war eine von ihren jüdischen Kundinnen.

Die Metzgersfrau ist die Hauptfigur in der Erzählung „Das Brandopfer“ von Albrecht Goes. Am Samstag vor Ostern wäre der evangelische Pfarrer einhundert Jahre alt geworden. „Das Brandopfer“ ist eine seiner bekanntesten Erzählungen aus den 50er Jahren. Für sie wurde er mit der Buber-Rosenzweig-Medaille ausgezeichnet.

Margarete Walker war eine Frau mit Courage. Als ein SS-Mann in ihrer Metzgerei einen Rabbiner belästigte, hatte sie ihn zurechtgewiesen. Sogar kleine Sabbatfeiern wurden in ihrem Laden abgehalten. Doch dann hatte ihr die hoch schwangere Jüdin ihren Kinderwagen anvertraut. Sie selbst würde ihn nicht mehr brauchen. Und tatsächlich hat die Metzgerin diese Frau nie wieder gesehen.

Erschüttert war Margarete Walker zur Überzeugung gelangt, dass ihr Land nun am moralischen Nullpunkt angelangt sei. Dass eigentlich alles im Feuer untergehen müsse. „Aufgeräumt werden“, wie sie sagte. Als dann am Abend Bomben fielen, ging sie nicht in den Bunker. Wollte sie sich als Opfer darbringen? Sie, die Unschuldige? Die für die Schuld ihres Volkes so sensibel war, dass sie sich mitschuldig fühlte? Ihr Haus wurde tatsächlich getroffen, aber sie wurde gerade noch rechtzeitig aus dem brennenden Zimmer gezogen. Ihr Retter, ein Jude, berichtete später:

Sprecher: „Frau Walker schlug die Augen auf, sie erkannte mich jetzt und lächelte einen Augenblick, aber dann erstarb das Lächeln, und sie sagte: ‚Er hat es nicht angenommen.’ ‚Was?’ fragte ich. ‚Das Brandopfer.’ ‚Wer?’ ‚Gott hat es nicht angenommen.’“

Autor: Die Metzgersfrau war ohne persönliche Schuld. Aber ihr Gefühl für das Unrecht war so stark, dass sie meinte, die Verantwortung auf sich nehmen zu müssen. Doch die Ereignisse nahmen einen unvorhergesehenen Gang. Am Morgen nach dem Brand erhielt ihr jüdischer Retter einen Kurierbrief aus Schweden, der ihm die lange ersehnte Ausreise aus Deutschland ermöglichte. Der Retter wurde zum Geretteten. Alle Beteiligten deuteten dass als ein Wunder Gottes.

Für mich ist dieses Ende eigenartig versöhnlich. Es gehört schon einiges dazu, angesichts des Holocausts von Gottes guter Fügung zu erzählen. Auch Albrecht Goes wird das so empfunden haben. Dass er nichts beschönigen wollte, wird an der Frau mit dem Kinderwagen deutlich. Vielleicht wollte Goes sagen: Auch am Nullpunkt gibt es immer noch Hoffnung. Weil es mitfühlende Menschen gibt wie Margarete Walker, weil Gott keine Menschenopfer will. Und weil es trotz allem immer wieder geschah, dass Menschen gerettet wurden – auch wenn sie es nicht mehr für möglich hielten.


 

Audiobeitrag Das Brandopfer


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