Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

09.04.08, Pfarrer Dr. Sven Keppler

Das Wort

Es war einmal eine gute Idee: Menschen kann man nur dann helfen, wenn man sie wie Menschen behandelt. Wenn ein Mensch gescheitert ist, dann nützt es wenig, ihn einzusperren.

Und wenn einer doch mal gesessen hat, dann braucht er hinterher eine faire Chance. Mit dieser Idee hatten sich vor einigen Jahren vier Menschen zusammengetan und eine Hausgemeinschaft gegründet. Sie wollten ernst machen damit, dass jeder Mensch bei Gott einen Namen hat. Und eine eigene Würde. In ihrer Hausgemeinschaft sollten Menschen leben können, die direkt aus dem Gefängnis kamen.

Über viele Jahre war das gut gegangen. Es gab klare Regeln im Haus, die jeder zu befolgen hatte: kein Alkohol, keine Drogen; jeder arbeitet im Haushalt mit; aufstehen um sechs Uhr morgens, Andachten zum Tagesbeginn und vor der Nachtruhe.

Es gab eine Zeit, da ging es der Gemeinschaft richtig gut. Sie wurden als gemeinnütziger Verein anerkannt und mieteten noch zwei weitere Häuser an. Mit Hilfe deines großen Freundeskreises kamen sie über die Runden und waren sehr erfolgreich: Wer in der Gemeinschaft wohnte, wurde nur halb so oft rückfällig wie der allgemeine Durchschnitt.

Doch mit den Jahren wurde vieles zur Routine. . Wenn ein neuer Bewohner dazukam, war er bloß noch einer von vielen. Die Andachten wurden zur Pflichtübung. Und Einzelne trafen sich immer wieder in der Kneipe am anderen Ende des Ortes. Die Rückfälligkeit stieg und es kamen immer weniger Neue dazu.

Irgendwann hatte sich der Hausvater entschieden, Rat zu suchen. Zum Dorfpfarrer wollte er nicht gehen. Der gepflegte Fünfziger hatte mit der Frömmigkeit der Gemeinschaft nie etwas anfangen können. Deshalb beschloss er, zum früheren Pfarrer zu fahren, der damals beim Aufbau der Gemeinschaft geholfen hatte.

Als sie sich nach vielen Jahren zum ersten Mal wiedersahen, kamen ihnen die Tränen. Wie alt der Pfarrer geworden war. Und wie kraftlos der Hausvater. Sie sangen zusammen ein Lied und lasen in der Bibel. Dann erzählte der Gast von seinem Kummer. Der alte Pfarrer schwieg lange und antwortete dann: „Du bist gekommen, um Rat von mir zu holen. Ich werde Dir ein Wort sagen, aber Du darfst es nur einmal wiederholen. Danach darf es niemand wieder laut aussprechen.“ Der Pfarrer schaute den Hausvater intensiv an und sagte: „Der Christus ist unter euch.“ Eine Weile war es still. Dann sagte der Pfarrer: „Du musst nun gehen.“ Ohne ein Wort, ohne auch nur zurückzuschauen, ging der Gast fort.

Wieder zurück, erzählte er von seiner Begegnung mit dem alten Geistlichen. Und dass er ein Wort von ihm erhalten habe, dass nur ein einziges Mal ausgesprochen werden dürfe: „Der Pfarrer hat gesagt, einer von uns sei der Christus“. Die Bewohner waren verwirrt und bestürzt. Jeder fragte sich, was das bedeuten könne. Ist Klaus der Messias, der seinen schweren Raub so teuer bezahlen musste? Oder Manni, der kleine Dealer? Oder Renate, die Hausmutter?

Mit der Zeit begannen die Bewohner, sich wieder respektvoller zu begegnen. Etwas Aufrichtiges, Warmes war unter ihnen – schwer zu beschreiben, aber für jeden zu bemerken. Sie lebten von nun an zusammen wie Menschen, die endlich etwas gefunden hatten.

Audiobeitrag Das Wort


Druckversion

Suche

Sendungen der Woche

Sendungen am Sonntag

Sendungen im Fernsehen