Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

30.03.08, Pfarrer Dr. Sven Keppler

„Von Wohlgesinnten und Brandopfern“

„Ich werde mich darum bemühen, klar zu bleiben. Ich kann euch versichern, dass meine Worte zumindest frei von jeglicher Reue sein werden. Ich bereue nichts: Ich habe meine

Arbeit getan, mehr nicht.“ (S. 11)

Autor:
Man kennt solche Sätze. Guten Morgen, liebe Hörerinnen und Hörer, ich bin Sven Keppler, Pfarrer an der evangelischen Stadtkirche in Lünen. Und ich habe das schon oft gehört: „Damals im Krieg haben wir doch nur unsere Pflicht erfüllt. Die Befehle kamen von ganz oben.“ Oft liegt viel Trotz in solchen Worten, oder Resignation.
Vor einiger Zeit hat jedoch eine Figur die Szene betreten, die für einen anderen Ton steht. Dr. Max Aue bereut wirklich nichts. Und trotz seiner außergewöhnlichen Intelligenz scheint er auch nicht zu verstehen, warum er das sollte. Kalte, moralische Empfindungslosigkeit ist sein hervorstechendes Merkmal.
Max Aue ist die Hauptfigur des Romans „Die Wohlgesinnten“ von Jonathan Littell. Das Buch wird aus seiner Sicht erzählt. Littell lässt diesen fiktiven SS-Obersturmbannführer mit kalter Genauigkeit vom Krieg gegen die Sowjetunion berichten, und von der Vernichtung der Juden Europas.
In Frankreich wurde „Die Wohlgesinnten“ in anderthalb Jahren 800.000 mal verkauft. Es hat dort leidenschaftliche Debatten ausgelöst und die wichtigsten Buchpreise gewonnen. Die enorme Quellenkenntnis und die tief erschütternde Sachlichkeit des halbdokumentarischen Werkes hat zu seinem Erfolg beigetragen.
Die Kritiker werfen dem Buch dagegen vor, es sei ausufernd, drastisch und kalt. Aber die Kälte ist nicht das Problem des Buches und erst recht nicht des Autors. Sie ist der entscheidende Defekt von Max Aue, einer Figur aus der Tötungsmaschinerie des Holocaust.
Seit einem Monat ist das Buch auch auf deutsch erschienen. Beim Lesen habe ich immer wieder darüber nachgedacht, wie es kommen kann, dass ein Mensch moralisch dermaßen unempfindsam ist. Und ob die Religion dabei eine Rolle spielt.

Musik II.
Sprecher:
„Wir hatten etwas erfunden, neben dem der Krieg richtig und rein erschien. [...] Ich fand das außerordentlich. Mir schien es etwas ganz Entscheidendes zu sein, etwas, was mir, wenn ich es verstünde, erlauben würde, alles zu verstehen und mich endlich auszuruhen.“ (187)

Autor:
Dr. Max Aue ist durchdrungen von der Sehnsucht nach Erkenntnis. Er will verstehen, was um ihn herum geschieht. Denn er meint:

Sprecher:
„nur wenige Dinge im menschlichen Leben seien wirklich unentbehrlich: Luft, Essen, Trinken, Verdauung und die Suche nach Wahrheit.“ (12)

Autor:
Eigentlich könnte so ein Aufklärer sprechen. Ein Philosoph. Was diese Sätze so bizarr macht, ist der Ort, an dem sie fallen. Aue hat gerade über das Massaker von Babyn Jar berichtet. Über 30.000 Juden waren bei Kiew erschossen worden: Männer, Frauen und Kinder. Angehörige einer Einsatzgruppe der SS hatten sie gemeinsam mit der Wehrmacht ermordet – mit erschütternder Präzision und Ausdauer. Und Aue nennt das „außerordentlich“, „ganz entscheidend“. Als ob er ein Kunstwerk betrachten würde und nicht ein grauenvolles Verbrechen.
Dabei entspricht Aue so gar nicht dem Bild der ‚blonden Bestie’: Er ist der Sohn einer französischen Mutter und eines deutschen Pfarrers; inzestuös verbunden mit seiner Zwillingsschwester; homosexuell, musikalisch und klassisch gebildet. Der SS war er beigetreten, um die Studiengebühren zu sparen. Und in den Sicherheitsdienst war er geraten, um ein Strafverfahren zu vermeiden.
Immer wieder prüft sich Aue, warum er an den Verbrechen seiner Einsatzgruppe teilnimmt. Dabei empfindet er vor allem eine große Leere und erkennt,

Sprecher:
„dass in der Tat eine Gewöhnung einsetzte und man auf lange Sicht nicht mehr viel empfand; was ich also – verzweifelt, aber vergeblich – wiederzufinden suchte, war dieser Urschock, dieses Gefühl eines Bruchs, einer unendlichen Erschütterung meines ganzen Seins.“ (255)

Autor:
Aue will verstehen, und er will empfinden. Er prüft sich immerfort. Seine Teilnahme am Morden wird so zu einem Selbstversuch:

Sprecher:
„Hier wie bei so vielen anderen Dingen meines Lebens war ich neugierig, bestrebt herauszufinden, wie sich das alles auf mich auswirkte. Unablässig beobachtete ich mich: als wäre eine Filmkamera über mir angebracht und ich wäre gleichzeitig diese Kamera.“ (154)

Autor:
Um das mörderische NS-System in der Tiefe zu verstehen, gibt er sich ihm voll und ganz hin. Es genügt ihm nicht, die Führerbefehle nur äußerlich zu befolgen. Er will sie mit religiöser Intensität verinnerlichen. So, wie er sich den Umgang der Juden mit ihrem Gesetz des Mose vorstellt:

Sprecher:
„Wenn sich der Jude dem Gesetz unterwarf, spürte er, dass das Gesetz in ihm lebte, und je schrecklicher, härter, anspruchsvoller es war, desto teurer war es ihm. Genau das sollte auch der Nationalsozialismus sein: ein lebendiges Gesetz. Töten war schrecklich [...] Aber vielleicht war auch dieses Schreckliche notwendig; und in diesem Falle galt es, sich dieser Notwendigkeit zu unterwerfen.“ (147)

Autor:
Antworten gewinnt Aue bei seinem Selbstversuch nur zum Teil. Er ahnt, dass hinter den Verbrechen vielleicht eine tiefere Absicht steckt: Sie zwingen die Täter in eine Schicksalsgemeinschaft, für die es keinen Weg zurück gibt in die zivilisierte Welt.
Er bleibt jedoch blind für das, wodurch Gottes Gesetz in Wahrheit lebendig wird: nicht durch Schrecken und Härte, sondern durch Mitgefühl und Liebe zum Nächsten.
Der kalte Analytiker Aue ist nicht fähig, Schuld zu empfinden und einzugestehen. Er kann neben sich stehen und sich beobachten. Aber er ist nicht bei sich. Er bereut nichts. Ihm fehlt ein moralisches Empfinden, das ihn zum Menschen unter Menschen machen würde. Sein Gewissen äußert sich allein in der ständigen Auflehnung seines Verdauungsapparats.

Musik

III.

Sprecherin:
„Wenn es so ist, daß eine, die ihr Kind erwartet, den Kinderwagen hergeben muß, weil man über sie und über das Ungeborene ohne Grund ein Todesurteil gesprochen hat, wenn das in der Welt ist, dann kann es nicht mehr gut werden. Das kommt nicht mehr ins Gleichgewicht. Und eigentlich ist nichts anderes mehr möglich als dies: daß alles gut aufgeräumt wird – im Feuer.“ (62)

Autor:
Margarete Walker ist die Hauptfigur in der Erzählung „Das Brandopfer“ von Albrecht Goes. Goes war ein leiser, behutsamer Autor. Hoch sensibel für die verschiedenen Gesichter der Schuld. Am vergangenen Karsamstag hätte er seinen einhundertsten Geburtstag gefeiert.
Im Gegensatz zu Littell, dem vierzigjährigen Juden aus New York, kannte er den Krieg im Osten aus eigener Anschauung. Als evangelischer Pfarrer war er im Lazarett und im Gefängnis eingesetzt. Für seine Erzählung „Das Brandopfer“ erhielt er die Buber-Rosenzweig-Medaille.

Margarete Walker war eine Metzgersfrau im zweiten Weltkrieg. Erst durch eine Anordnung der Nazis war sie mit Juden in Berührung gekommen: Nur in ihrer Metzgerei durften die Juden ihrer Stadt einkaufen. Freitags von 17 bis 19 Uhr.
Langsam war Vertrauen zwischen ihr und ihren Kunden entstanden. Einer jüdischen Bürgerin hatte sie geholfen, eine Nachricht weiterzugeben. Einen SS-Mann hatte sie zurechtgewiesen, der einen Rabbiner belästigt hatte. Sogar kleine Sabbatfeiern wurden bei ihr abgehalten. Doch dann hatte 1942 eine hochschwangere Jüdin Margarete Walker ihren Kinderwagen anvertraut. Sie selbst würde ihn nicht mehr brauchen.
Erschüttert war die Metzgersfrau zur Überzeugung gelangt, dass eigentlich alles im Feuer untergehen müsse. „Aufgeräumt werden“, wie sie sagte. Als dann am Abend Bomben fielen, ging sie nicht in den Bunker. Wollte sie sich als Brandopfer darbringen? Sie, die Unschuldige? Die für die Schuld ihres Volkes so sensibel war, dass sie sich mitschuldig fühlte?
Ihr Haus wurde tatsächlich getroffen, aber sie wurde gerade noch rechtzeitig aus dem brennenden Zimmer gezogen. Ihr Retter, ein Jude, berichtete später:

Sprecher:
„Frau Walker schlug die Augen auf, sie erkannte mich jetzt und lächelte einen Augenblick, aber dann erstarb das Lächeln, und sie sagte: ‚Er hat es nicht angenommen.’ ‚Was?’ fragte ich. ‚Das Brandopfer.’ ‚Wer?’ ‚Gott hat es nicht angenommen.’“ (70)

Autor:
Die Metzgersfrau ist ohne persönliche Schuld. Aber ihr Gefühl für das Unrecht ist so stark, dass sie die Verantwortung auf sich laden möchte. Wie Christus, der unschuldig am Kreuz starb.
Auch Margarete Walker stellt sich also Gottes Gesetz als hart und grausam vor, wie Max Aue. Und doch liegen Welten zwischen beiden. Er möchte im Töten erleben, wie das Gesetz lebendig wird. Sie dagegen wird durch ihr Mitgefühl in die Verzweiflung getrieben und sieht keinen anderen Ausweg als sich zu opfern.

Musik

IV.

In der Erzählung wird das Opfer der Margarete Walker nicht angenommen. Darin liegt die wichtigste Botschaft des Pfarrers Albrecht Goes: Gott will nicht, dass Menschen sich wie Christus selbst zum Opfer bringen. Seine Gebote sind nicht hart und grausam.
Ihr Mittelpunkt ist die Liebe: „Du sollst deinen Gott lieb haben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit all deiner Kraft“ (Dtn 6,5) und „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst“ (Lev 19,18) – das ist der doppelte Kern des jüdischen Gesetzes. Deshalb kann der gesetzeskundige Paulus sagen: „Die Liebe ist die Erfüllung des Gesetzes.“ (Rm 13,10). Lebendig werden Gottes Gebote also dann, wenn Menschen für Unrecht empfindsam werden. Und wenn sie sich liebevoll für andere einsetzen.

Dr. Max Aue, der Obersturmbannführer, und Margarete Walker, die Metzgersfrau – gegensätzlicher können Menschen nicht sein. Beide sind Figuren der Literatur. Sie stehen für zwei Möglichkeiten, zwischen denen jeder Mensch zu wählen hat: Will ich als nüchterner, unbeteiligter Beobachter in der Welt leben? Auf die Gefahr hin, dass ich innerlich leer werde und mich verhärte?
Oder will ich Verantwortung auf mich nehmen, auch wenn ich selbst gar nicht schuldig bin? Bin ich bereit, mich dem Schmerz auszusetzen, auch wenn er über meine Kräfte geht?

Warum Max Aue und Margarete Walker so sind, wie sie sind, bleibt offen. Das ist das Geheimnis ihrer Person. Sie haben sich nicht einfach für den einen oder den anderen Weg entschieden.
Aber ihr jeweiliger Weg hat mit dem Bild zu tun, dass beide von Gott und seinen Geboten haben. Max Aue glaubt, dass Anordnungen besonders dann lebendig werden, wenn sie grausam sind. So versteht er das Gesetz der Juden. Und setzt dann Adolf Hitler an die Stelle Gottes als Gesetzgeber.
Margarete Walker dagegen ist hoch sensibel für die Schuld und die Nöte ihrer Mitmenschen. Und sie lernt, dass es darauf auch bei Gottes Geboten ankommt. Gott will keine weiteren Opfer, sondern er will Menschlichkeit. Oder wie Paulus es sagt: Die Liebe ist die Erfüllung des Gesetzes.
Einen guten Sonntag wünscht Ihnen Pfarrer Sven Keppler von der evangelischen Stadtkirche in Lünen.

Musik

Quellen:
-Jonathan Littell, Die Wohlgesinnten, aus dem Französischen von Hainer Kober, Berlin 2008
-Albrecht Goes, Das Brandopfer, Frankfurt a. M. 1977 (23.-27. Tsd.)

Audiobeitrag „Von Wohlgesinnten und Brandopfern“


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