Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

24.03.08, 10.00 Uhr, Pfarrer Rolf-Armin Drack

Lukas 24 / Emmausjünger / „Communio viatorum“

Liebe österliche Gemeinde! Eine behutsame Geschichte, die wir eben gehört haben aus dem Evangelium nach Lukas, die Geschichte von den Emmausjüngern, wie wir sie nennen.

Behutsam: Weil sie keine Sensationen schildert – bei der Frage, wie denn das mit Ostern war, wie denn das mit der Auferstehung Jesu aus dem Grab war – da hätte man ja vielleicht auch spektakulär und reißerisch erzählen können. Das tut die Geschichte von den Emmausjüngern gerade nicht.

Es wird nicht erzählt, wie das mit der Auferstehung wohl war. Aber der Evangelist Lukas erzählt, was denn Ostern, was denn die Auf-erstehung für die Menschen bedeutet: Ratlos sind die beiden und traurig, fassungslos – und mit einem ängstlichen Blick in die Zukunft; Eine Zukunft, die verschlossen scheint. Sie hatten zwar auch schon gehört von dem, was Frauen erzählen, die am Grab gewesen waren. Sie hatten die Oster-Nachricht sozusagen schon bekommen. Aber sie waren dadurch nicht gestärkt worden, sondern eher verwirrt worden.

So gehen sie ihren Weg – und bekommen eine neue Erfahrung geschenkt, sie erleben, dass sich ihre verschlossene Zukunft wieder öffnet. Und damit machen sie ihre persönliche Oster-Erfahrung, Auferstehungs-Erfahrung.  Da wird nicht über Auferstehung spekuliert. Da wird die Auferstehung erlebt. Unspektakulär. Menschen miteinander auf dem Weg – machen die Erfahrung, dass der Glaube sie trägt, dass der lebendige Christus sie begleitet und stärkt. Wo sie miteinander im Gespräch sind, ihr Leben teilen, ihre Hoffnungen, ihre Enttäuschungen teilen – und gemeinsam das Brot brechen.

Das ist fast so etwas wie der erste Gottesdienst nach der Kreuzigung: biblische Texte lesen, darüber nachdenken, im Gespräch versuchen zu verstehen; das Gespräch mit Jesus, wir nennen das heute: Beten; und das Brotbrechen – wir nennen es heute das Heilige Abendmahl.

Diese Weggemeinschaft der Emmausjünger ist ein Urbild der späteren Kirche: Von der Gemeinschaft, die sich um Bibel und Mahl versammelt und im Gebet, im Gespräch mit dem auferstandenen Christus ist. Die beiden waren ja nicht die ersten und sie blieben nicht die einzigen, die erfahren haben, dass Jesus neu lebt mitten unter ihnen. Aber ihre Erfahrung war doch ganz persönlich, ganz eigentümlich. Anders als die der anderen.

Ich stelle mir vor, was hätte passieren können, als sie zurückkamen – und die anderen mit anderen Erfahrungen hätten den beiden dann gesagt: „Das kann doch nicht wahr sein… Und Ihr habt ihn gar nicht richtig erkannt, gar nicht richtig identifiziert? Und als Ihr ihn erkannt habt, da war er nicht mehr zu sehen? Habt ihr ihn denn nicht angefasst wie Thomas hier? Habt Ihr nicht klar und deutlich mit ihm gesprochen und ihn an seinen Wunden erkannt, die die Kreuzigung hinterlassen hat? Wie könnt Ihr denn sicher sein, dass es wirklich Jesus Christus war, dem ihr begegnet seid? Nein, nein, das ist doch alles nicht eindeutig.

Wir haben andere Erfahrungen gemacht, eindeutige, klare Begegnungen hatten wir mit dem Auferstandenen…“ Und ein solches Gespräch könnte Folgen gehabt haben, die weiter gehen. Wenn wir von heute einmal zurückblicken auf die lange Zeit der Kirche seitdem, kommt es mir vor, als hätten manche sich da tatsächlich gegenseitig ihre eigenen Ostererlebnisse bestritten.

Denn es gab damals wie heute Christinnen und Christen, die wussten sehr genau zu sagen, dass ihr eigener Glaube ihnen eine Kraft zum Leben und eine Hilfe ist – aber sie sagten das auch in der Haltung der Abgrenzung: „Ja, bei uns ist Christus lebendig! Hier kannst Du ihn erleben. Und nur hier! – So, wie wir unseren Glaubensweg gehen, ist es richtig. Bei uns findest Du den lebendigen Christus – und das neue Leben bekommst Du eben genau hier bei uns – wenn Du auch auf diesem Weg gehst, uns folgst. – Allerdings: Woanders wirst Du ihn nicht finden! Du musst Dich schon auf unseren Weg hin umkehren. Alle anderen Wege sind ja nichts…!“

Aus der Weggemeinschaft der Suchenden und Fragenden, der Neu-gierigen und Hoffenden, der Traurigen und Fröhlichen – wird dann eine Abgrenzung. Entsteht eine Vielzahl von rivalisierenden, sich abgrenzenden Gruppen. Seltsam, eigentlich. Aber das passierte ja tatsächlich schon ziemlich bald: Die Abgrenzungen, die Betonung der Unterschiede.

Und dann hat es auch nicht mehr lange gedauert, dass die einen den anderen absprachen, wirklich Christen zu sein, wirklich eine Weg-gemeinschaft zu sein – die einen warfen den anderen vor, auf dem Holzweg zu sein. Da waren die Christen nicht mehr gemeinsam - miteinander - auf dem Weg; teilten nicht mehr gemeinsam das Wort der Bibel, das Gebet – und das Mahl. Konfessionen bildeten sich – und damit nicht nur Unterschiede, sondern eben Trennungen. Und gegenseitige Abgrenzungen. Und gegenseitige Ausschlüsse aus der Gemeinschaft.

„Trennungen von Tisch und – Wort…“ Bis dahin, dass den anderen abgesprochen wurde, überhaupt eine Weggemeinschaft zu sein, eine Jüngerschaft, eine Kirche. Und die Gemeinschaft der Fragenden und Redenden auf dem Weg, die Gemeinschaft derer, die das Brot brechen und den Kelch teilen - zerbrach. Nun, liebe Gemeinde, keine alte Geschichte, Sie haben es gemerkt… es ist ja bis heute der Stand der Konfessionen durch die Jahrtausende hindurch…Das haben auch wir in unseren Tagen erlebt, wie die eine Kirche die andere definiert – abgrenzt, ausgrenzt.

In der großen Ökumene der ganzen Welt gibt es ja nicht nur zwischen Protestanten und Katholiken manche scharfen Trennlinien – wo man sich abgrenzt. Es gibt sie ja auch zwischen den östlichen, orthodoxen Kirche und den westlichen – ob katholisch oder evangelisch ist da sogar ziemlich egal. Und es gibt die Abgrenzungen und Ausgrenzungen von Landeskirchen und Freikirchen – und Pfingstkirchen und und und…Wer hat Recht? Wer hat den auferstandenen Christus in seiner Mitte? Wer hat die Er-fahrung eines neuen Lebens gemacht?
Welche Kirche, welche Gemeinschaft kann sicher sagen:  „Wir stehen im einzig wahren Christentum!“ ?

Natürlich ist vom Anfang her über Jahrhunderte, Jahrtausende, manches an Unterschieden gewachsen – in geistlicher Hinsicht, in rechtlicher Hinsicht, Unterschiede auch der Mentalitäten, der Glaubenspraxis, der Gewohnheiten, der Riten, der Liturgien. Da sind wir alle sozusagen in der „Wolle gefärbt“. Aber das ist ja doch nicht das Problem. So war die Christenheit von Anfang an: Unterschiedlich nach Regionen und Konfessionen. So viele Erscheinungen des Auferstandenen, so viele Apostel, so viele apostolische Traditionen, könnten wir im Rückblick fast sagen.

Aber Christus hat sie eben in einen gemeinsamen Jüngerkreis gerufen. Nicht zu 12 – oder mehr - unterschiedlichen Gemeinschaften. Zum Miteinander gehen hat er sie gerufen – nicht zum Nebeneinander gehen. Wir können uns doch eigentlich nur darüber freuen, wenn andere Christen und Kirchen - genauso wie wir es tun – erleben, dass der Aufer-standene im Teilen des Wortes und im Teilen des Brotes in der Gemeinschaft der Glaubenden mitten unter ihnen gegenwärtig ist. Wir brauchen doch nicht hämisch oder neidisch zu werden, oder uns selbst ganz exklusiv zu verstehen. Keiner hat die Wahrheit gepachtet. Kein einzelner. Keine einzelne Kirche. Denn Christus ist nicht evangelisch. Christus ist auch nicht katholisch.

*** Chorgesang ***
 
Liebe Gemeinde, wir Christinnen und Christen werden die Wahrheit nur gemeinsam finden – oder wohl gar nicht. Wir müssen sie aber auch immer wieder neu suchen gehen. Wie die zwei Emmausjünger. Gemeinsam suchen sie, fragen sie, tasten sich heran an den Sinn – ihrer Geschichte, der Jesusgeschichte.Aber sie gehen eben gemeinsam. Ob sie allein, jeder für sich selbst, dem auferstandenen Christus begegnet wären?! Nur gemeinsam bekommen sie eine Antwort geschenkt, gemeinsam im Teilen des Wortes und des Mahles. Und dann brechen sie auf und sagen es den anderen weiter – und dann ziehen sie auf unterschiedlichen Wegen los und sagen es den Menschen ihrer Zeit.

Und sie helfen damit anderen, dass auch die ihre Lebenswege weitergehen können, dass sie getrost und mutig den eigenen Weg gehen und ihre Mutlosigkeit, ihre Perspektivlosigkeit überwinden können. Ich denke dabei an so viele gute Erfahrungen von gelingender Weggemeinschaft, ökumenischer Weggemeinschaft – hier bei uns in Aachen.

Obwohl jeder und jede ein eigenes Profil hat und auch behält, gehen wir gemeinsam. Protestanten, Katholiken, Orthodoxe, Freikirchen.
Mit Bischöfen und Superintendenten, mit Pfarrerinnen und Pfarrern, von Gemeinde zu Gemeinde, in Familien und Freundschaften – und in der täglichen kirchlichen Arbeit – denn wir sind ja nicht bloß für uns selber da, wir sind uns nicht selbst genug.

Wir haben einen Auftrag für die Menschen, für die Gesellschaft, in der wir leben, mit der wir leben. Ihnen zum Leben zu helfen. Und darum ist es gut, dass wir die Gemeinschaft der Kirchen und Ge-meinden konkret und konstruktiv gestalten und Abgrenzungen überwinden. Abgrenzungen, die aus früheren Zeiten herkommen mögen, die uns aber heute nicht mehr überzeugen können. Bei uns hier in Aachen haben wir dafür zum Beispiel den Verein „Kirche für die Stadt e.V.“: Da haben die beiden Konfessionen eine verbindliche Gemeinschaft entwickelt, die auch rechtlich verbindlich ist – eben in Form eines Vereins. Dieser Verein betreibt bei uns die Citykirchenarbeit, wie wir sie nennen. Cityseelsorge.

Sie wendet sich an Menschen, die dem christlichen Glauben nicht so nahe stehen, nicht mehr oder noch nicht. Wir machen spirituelle Angebote oder auch künstlerische Angebote, wir schaffen Raum zur Begegnung – zur Begegnung mit Gott und mi-einander. Angesprochen sind da Passanten und Touristen, aber auch die Bewohner unserer Stadt. Und mit der Citykirche Sankt Nikolaus hat der Verein auch einen festen Standort für seine Arbeit.

Ein Angebot in der Cityseelsorge ist die Möglichkeit, in dieser alten gotischen Hallenkirche jeden Samstag einen Tee zu trinken und ins Gespräch zu kommen mit den Mitarbeitenden dort; man sitzt um einen dampfenden Samowar.. jedenfalls wer das möchte. Es sind ehrenamtlich tätige Leute aus den evangelischen und katholischen Gemeinden, die diese Einladung organisieren und so - ganz unspektakulär - einen Raum zur Begegnung schaffen.

Die Menschen, die sich so einladen lassen, erzählen gerne auch von sich selbst… Manche erzählen von guten Erlebnissen der letzten Zeit, die sie einfach mal austauschen wollen – und sie teilen mit anderen ihre Freude darüber. Manche erzählen von ihren Nöten oder Problemen, stellen Fragen – auch über Religion. Andere erzählen von ihren Enttäuschungen, von geplatzten Hoffnungen, eben: von sich selbst. Und die Mitarbeitenden haben schon erlebt, wie sie so im Gespräch mit den Gästen bei einem Tee nicht nur Gastfreundschaft schenken, sondern selbst empfangen. Denn indem sie den Tee mit anderen teilen, teilen sie ihre Geschichten, ihr Leben. Man sieht sich manchmal Fotos an, die einer dabei hat – und erfährt zum Beispiel von einer langen Lebensgemeinschaft, die mit allen Höhen und Tiefen viele Jahre Bestand hatte – aber dann kam der Tod des Ehepartners - und es bleiben Erinnerungen – Geschichten, die man erzählen kann – und das alles möchten sie teilen, noch einmal erleben – aber auch ganz neu erleben.

So ist es auch einer Frau gegangen, die ihren Ehemann verloren hatte – sie hatte eine lange Zeit gebraucht, um wieder unter die Menschen zu gehen. Und das war ja auch in Ordnung in ihrer Situation. Sie war danach lieber allein gewesen mit ihren Erinnerungen, mit ihrem Schmerz, mit ihrer Traurigkeit. Irgendwann aber war sie doch zu Besorgungen in der Stadt – und fand mehr zufällig den Weg in die Citykirche zum Tee am Samowar…

Sie hat die Einladung angenommen und sich dazugesetzt – und sie ist da auf Menschen getroffen, denen sie nach und nach, behutsam, fast ein bisschen ängstlich, von sich erzählte. Als sie sich nach etwa einer dreiviertel Stunde verabschiedete, so hat sie es dann gesagt, fühlte sie sich anders: Es war – äußerlich – ja eigentlich nichts anders geworden. Aber sie hat ihr Leben geteilt. Mitgeteilt.

Sie war eine Frau mit Glauben. Aktives Gemeindemitglied. Allerdings: Mit einem Glauben, der durch den Tod ihres Mannes einen Knacks bekommen hatte. Aber sie hat es nachher so sagen können: Diese einfache Begegnung, dieses Gespräch, dieses Teilen – das hat ihr Mut gegeben und Kraft, hat sie spüren lassen, dass doch einer da ist, der sie begleitet. Dabei war es kein Brot, das sie teilten, sondern Tee; und ein ausdrückliches Gebet haben sie in der offenen Runde auch nicht gesprochen.

Aber ich bin fest davon überzeugt: Hier war der auferstandene Christus mitten unter denen, die da auf ihrem Weg Rast machten. Diese Frau hat einige Zeit nach dieser Begegnung wieder den Weg zu ihrer Gemeinde gefunden, wo sie auch auf Menschen getroffen ist, mit denen sie über ihr Leben sprechen konnte, am Leben der anderen teilgenommen hat, wo sie im Gespräch und im Gottesdienst – und schließlich auch in der Feier des Heiligen Abendmahls einen neuen Lebensraum gefunden hat. Und neue Lebenskraft. Ist das eine Ostergeschichte von heute? So unspektakulär? Für mich ist es jedenfalls eine heilsame Geschichte, wo enttäuschte und doch suchende Menschen sich begegnet sind und wo sie sich verwandelt haben.

Wo Menschen unterschiedlicher Glaubenstradition ihren Glauben teilen, am Leben anderer Anteil nehmen, wo sie bei anderer Gelegenheit auch miteinander beten und das Mahl Jesu Christi teilen. Insofern ist es wohl tatsächlich eine Ostergeschichte von heute.
Darum: Die Emmausgeschichte ist eine Grunderfahrung der jungen Kirche. Und sie ist, auf heute übertragen, auch so etwas wie eine Vision für die Ökumene.

Die beiden, die da auf dem Weg waren und die Erfahrung geschenkt bekommen, dass Christus mitten unter ihnen ist, sie brechen ihrerseits wieder auf und sagen es weiter: Christus lebt! Und nur so breitet sich diese Erfahrung weiter aus auf dem Erdkreis: Wo wir Jüngerinnen und Jünger gemeinsam weiter sagen und weiter tragen, was wir selbst erfahren haben. Gemeinsam sind wir auf den Weg gesetzt – in unserer Zeit. Und nur gemeinsam haben wir die Verheißung, das Versprechen, das der auferstandene Christus den Menschen schenkt. „Ich lebe, und ihr sollt auch leben“ – sagt Er. Damit wir mutig werden als Christinnen und Christen, aber auch als Kirchen und Gemeinden, unser Leben nicht in Abgrenzung zu leben, sondern miteinander zu teilen – und gemeinsam, ökumenisch, den Weg zu den Menschen zu finden. In Jesu Namen. Amen.

Der nächste Evangelische Hörfunkgottesdienst aus Nordrhein-Westfalen, wird am 06.04.2008 von 10 Uhr bis 11 Uhr auf WDR 5, aus der Apostelkirche in Münster übertragen. Die Predigt hält Alfred Buß, Präses der Evangelischen Kirche von Westfalen.


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