Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

23.03.08, Pfarrerin Kerstin Hanke

Den Finger in die Wunde legen

Sprecher: Wenn Zweifel Herzens Nachbar wird, die Seele sich in Leid verliert. -Wolfram von Eschenbach-

Autorin: Das Wort Zweifel befindet sich nicht gerade in guter Gesellschaft. Wer das Wörterbuch aufschlägt, findet es zwar zwischen Zwetschenkuchen und Zweck, Zweisamkeit und Zwiebel. Es häufen sich aber Begriffe, die eher unangenehme Dinge bezeichnen. Wie zum Beispiel der Zwiespalt, die  Zwietracht, das Zwielicht. Oder auch der Zwang oder das Zwicken. Eine zweischneidige Sache ist auch der Zwist, oder der Zwinger und in eine Zwickmühle gerät wohl niemand gern.

Guten Morgen, liebe Hörerin, lieber Hörer, ich bin Kerstin Hanke, wohne in Bochum bin  evangelische Pfarrerin. Er ist auferstanden. Er ist wahrhaftig auferstanden! Das ist der Ostergruß, der jedem heute gilt. Ein Gruß voller strahlender Gewissheit! Aber der einer oder die anderer mag kritisch fragen:

Sprecher: Ist er wahrhaftig auferstanden? Geht das überhaupt?

Autorin: Ein berechtigter Zweifel. Zweifel meint ja genau dies: Es gibt zwei gleichberechtigte Möglichkeiten. Möglichkeiten, die sich perfiderweise auch noch ausschließen. Und ich wie werde ich mir sicher, welche zutrifft?

Sprecher: Der Zweifel ist das Wartezimmer der Erkenntnis. -Eleanore Rozanek-

Autorin: Zweifel ist eine gute Methode sich Gewissheit zu verschaffen. Es gibt unterschiedliche Grade des Zweifels. Wenn Sie zum Beispiel ein Gänseblümchen zerpflücken: Er liebt, er liebt mich nicht. Dann zweifeln Sie an der Liebe eines bestimmten Menschen. Das ist eine erste Stufe des Zweifels. Er wird auch konventioneller Zweifel genannt. Das Ergebnis mag Liebesglück oder Liebesleid hervorrufen. Die Entschlüsselung der Wahrheit ist aber möglich und überprüfbar.

Doch es gibt noch einen zweiten, einen alles übersteigenden Zweifel. Den nennt man den hyperbolischen, den übertriebenen Zweifel. Das ist ein Zweifel, der grundsätzlich alles in Frage stellt.

Bleiben wir bei dem Gänseblümchenbeispiel. Dann hieße die Frage. Gibt es überhaupt Liebe in dieser Welt. Oder ist nicht alles nur eine Störung der Hormone, eine Illusion, oder pure Gier nach Anerkennung. Dieser Zweifel macht vor keinem Sinn, vor keinem Tabu, von keiner Denkschranke halt. Er hinterfragt jede scheinbare Selbstverständlichkeit. Ist ein Kreis immer rund? Ist einmal mal eins wirklich eins. Kann man Gott beweisen. Was ist wahr? Gibt es mehr als ich mit meinen Sinnen wahrnehmen kann? Worauf stützt sich meine Welterkenntnis.

Wer so fragt, legt den Finger in die Wunde. Er begreift, dass er keine sichere Grundlage besitzt, sondern alles hinterfragen und erfragen kann. Jede und jeder von uns zweifelt so immer wieder. Und für diese Zweifel bietet uns das Johannesevangelium eine Folie an. Das ist der zweifelnde Thomas. Gerne wird er auch als ungläubig geschmäht. Doch das zweifele ich zumindest entschieden an. Die Thomasgeschichte führt uns zu dem heikelsten Punkt der christliche Lehre.

Wie ist das mit der Auferstehung?

Sprecher: Ich glaube nicht, sagt Thomas. Ich glaube nicht!

Autorin: Als ihm die anderen von dem auferstandenen Jesus berichten. Durch geschlossene Türen sei er zu ihnen gekommen. Thomas war nicht anwesend. Und so hat er starke Zweifel an dieser Botschaft. Tot und lebendig. Das schließt einander aus. Wenn Thomas die Behauptung der anderen nicht glaubt, so bedeutet dies: er glaubt entweder nicht, dass Jesus gestorben ist. Oder er glaubt nicht, dass die anderen ihn nach seinem Tod wiedergesehen haben.

Anders formuliert: Thomas glaubt entweder, dass Jesus tot ist, oder dass er lebt. Aber im einem wie im anderen Fall, müssen die anderen lügen. Also zweifelt an der folgerichtig ihrer Aussage. In aller Schärfe fordert nun einen Beweis, dass Jesus entweder wirklich tot ist. Oder er ist ein Gespenst ist, das durch Wände gehen kann. Er sagt:

Sprecher: „Wenn ich nicht die Male der Nägel an seinen Händen sehe und wenn ich meine Hand nicht in seine Seite lege, glaube ich nicht.“

Autorin: Diese zwei Sätze zeigen zuerst den konventionellen Zweifel. Thomas muss mit eigenen Augen sehen, was die anderen seinen Ohren berichtet haben. Er fordert sinnliche Beweise! Wir allen haben mehr oder weniger bewusst eine Rangfolge in unserer Sinneswahrnehmung. Was wir hören, will von den Augen überprüft und von den Händen für wahr gehalten werden.

Wenn ich zum Beispiel behaupte: Ihr Ehemann ist ein Gespenst. Dann würden Sie das Gehörte unerhört finden und sofort zu ihm blicken, um meine Behauptung zu überprüfen. Sie hätten sogar den Vorteil, ihn mit dem Finger zu berühren. Und somit zu überprüfen: Ist das hier Gespenst oder nicht. Es ist allein an ihnen, ob sie selbst überprüfen, ob sie ihren Augen trauen wollen oder dem Hörensagen.

Thomas glaubt nicht, was er nicht auch sieht. Aber er meldet noch einen zweiten Zweifel an. Ich traue meinen Augen nicht, heißt das. Sondern nur meinem Tastsinn. Mit meinen Händen erkenne ich die Wahrheit.

Sprecher: Und wenn ich meine Hand nicht in seine Seite lege, glaube ich nicht.“

Autorin: Erst nur den kleinen Finger, dann die ganze Hand will er in die Seitenwunde versenken, die Jesus zugefügt wurde, um seinen Tod zu beweisen. Die meisten grausen sich schon vor Blut, Wunden zu berühren, gar in sie zu greifen ist etwas zu dem viele sich zwingen müssten.   eichen zu berühren, davor schrecken wir zurück. Thomas verlangt diesen handfesten Beweis:

Warum. Denn entweder ist so stichhaltig, dass dieser Körper wirklich Jesus ist, da er die typischen Wundmale hat. Dann ist Jesus ein Mensch. Ein menschlicher Körper, den man berühren kann. Doch ein menschlicher Körper ist nicht in der Lage durch geschlossene Türe zu gehen.

Musik

Autorin: Eine Woche vergeht, dann erhält Thomas seine Chance. Wieder erscheint Jesus trotz verschlossener Türen. Er erscheint einzig und allein, um Thomas zu überzeugen. Wortwörtlich fordert er ihn auf: Streck deinen Finger hierher und sieh meine Hände. Er sagt nicht: berühre meine Hände, sondern sieh!

Damit ist wieder das Sehen angesprochen. Sehen heißt für wahr halten. Sehen heißt glauben. Erst der zweite Satz Jesu bietet dem hyperbolischen Zweifel den Beweis an. Streck deine Hand aus und lege sie in meine Seite und sei nicht ungläubig, sondern gläubig. Thomas hat das Unmögliche verlangt. Jetzt wird es ihm gewährt.

Musik

Den Finger in die Wunde legen! Das ist ein geflügeltes Wort geworden. Es hat die Schriftstellerinnen und Künstler durch die Jahrhunderte fasziniert. Sie stellen dar. Wie der Finger in die Wunde Jesu eindringt. Mit welchem Ernst der zweifelnde Thomas von seinem Zweifel befreit wird. Nur: Da gehen sie leider ihrer Phantasie auf den Leim. Denn an dieser Ausdeutung der Geschichte ist erheblicher Zweifel anzumelden.

Wer die biblische Erzählung genau liest, wird nicht fündig. Mit keinem Wort wird erwähnt, dass Thomas Jesus nun wirklich berührt. Es gibt eine erzählerische Leerstelle zwischen der Aufforderung Jesu und der Antwort Thomas. Und wir sind schnell versucht, diese mit der einzig sinnigen Reaktion zu füllen. Da hat dieser Mensch die einmalige Chance zu überprüfen, wie das nun ist mit der Auferstehung, wie sich das anfühlt. Was die Beschaffenheit dieses Körpers ist, der ja die Zeichen der tödlichen Verletzungen noch trägt. Thomas kann unseren bohrenden Zweifel befriedigen. Und dies noch vor Zeugen! Allein, er tut es nicht. Er bleibt uns den Beweis schuldig. Thomas rührt keinen Finger: Er sagt nur einen Satz: Mein Herr und mein Gott!

Musik

Sprecher: "Thomas sieht einen Menschen und er bekennt einen Gott."

Autorin: Hat der Kirchenvater Augustinus diese Szene zusammengefasst. Hier enden die Zweifel des Thomas. Er wird zu einem der großen Glaubenszeugen. Das Ende der Geschichte zielt dann ganz direkt auf uns ab. Wir müssen glauben, ohne gesehen zu haben. Wir können nur hören und lesen. Wir können uns nicht handfest überzeugen. „Selig sind, die nicht sehen und doch glauben,“ sagt Jesus.

So versöhnlich das Evangelium hier schließen mag. Die Person des Thomas birgt Sprengkraft bis heute. Den selbstredend sind wir alle gescheiterte Zweifler. Es gibt keine befriedigende Antwort auf die Frage: Was bedeutet Auferstehung des Fleisches. Wir haben keine verlässlichen Kriterien, nach denen wir urteilen und beurteilen können. Daher sind nicht besser dran als Thomas, der fordert: Wenn ich nicht mit dem Finger sehe und mit der Hand in die Wunde greife, glaube ich nicht.

Sprecher: „Es kann niemand die Seligkeit erlangen, der nicht durch die Hölle des Zweifels gegangen ist. Wer ein rechtschaffener Christ sein will, gedenke, dass er ohne Anfechtung und Zweifel Christum nicht kennen kann!“   

Autorin: Schreibt Martin Luther. Nicht ohne Grund waren es die Frauen und Männer der Reformation, die die Bibel neu lasen, gründlicher, ohne ideologische Brille und entdeckten, dass Thomas nicht den Finger in die Wunde legte. Eine Erkenntnis, die jahrhundertelang übersehen wurde und wird, weil es vielen Gläubigen viel leichter fällt, in Thomas einen Garanten zu sehen. Thomas Finger, der beweist, dass Jesus fleischlich auferstanden ist. An den man sich klammern kann, wenn man feststellt: mein Glaube ist brüchig geworden.

Wir besitzen ja eine Reihe von Glaubenswahrheiten, die Hilfskonstruktionen sind, für etwas, was sich sprachlich nicht präzise fassen lässt. Da sagen wir selbstverständlich Dinge, die einander ausschließen. Wahrer Mensch und wahrer Gott. Ein Gott, der am Kreuz stirbt. Ein Mensch, der aufersteht. Sätze, die sich schwer begreifen lassen. In dem Sinne, dass ich sich nicht einfach mit der Hand auf ihren Wahrheitsgehalt überprüfen kann. Thomas gibt uns einen viel hilfreicheren Fingerzeig.

Der Glaube bedarf des Vertrauens. Das ist ein richtiger Satz. Ein wichtiger Satz. Aber der Glaube bedarf ebenso der konstruktiven Kraft des Zweifels. Ich darf radikal und entschieden bis ans Ende aller Möglichkeiten denken und sogar darüber hinaus. Das Ringen um den Glauben passiert nicht, in dem ich den Verstand ausschalte. Die kritische Vernunft des Thomas wird nicht von Jesus getadelt oder zurückgewiesen. Im Gegenteil: Jesus bietet sich an zur Untersuchung. Als Prüfstein.

Thomas, das bin ich. Diesen Satz konnte und kann ich bestimmt oft sagen. Zweifelnd, hinterfragend, voller Skepsis. Und in Thomas finde ich auch die paradoxe Lösung meines Zweifels. Da wo ich Gott sehe, glaube, vertraue, da wo ich von Gott erkannt werde, zählen die verstandesmäßigen methodischen Beweise nichts mehr.   

Und das ist dann so wie mit der großen Liebe, wenn er oder sie vor mir steht, dann brauche ich keine Gänseblümchen mehr zerrupfen, nicht mehr zu zweifeln, dann ist sie einfach da.

Sprecher: Der Glaube versetzt Berge, die der Zweifel erschaffen hat. -Lothar Schmidt-

Autorin: Ist er wahrhaftig auferstanden? Kein Zweifel! Sagt Ihnen Kerstin Hanke von der Evangelischen Kirche.

Zwischenmusik: David Sylvian, Track -The heart know better, CD - Brilliant Trees, 2003
Schlusstitel: David Sylvian, Ryuichi Sakamoto, Track -  Forbidden Colours CD Moto.Tronic, 2003

 

Audiobeitrag Den Finger in die Wunde legen


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