Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

26.03.08, Prof. Reinhard Schmidt-Rost

Flucht nach Emmaus

Liebe Hörerin, lieber Hörer! Am Tag nach dem Fest, nicht mehr so ganz früh am Morgen, die Straßen und Gassen sind schon ziemlich belebt,

- da gehen zwei Männer aus dem Jüngerkreis des Jesus von Nazareth durch Jerusalem, dem Stadttor zu. Sie gehen scheinbar ganz ruhig, aber nur um nicht aufzufallen, denn innerlich sind sie aufgeregt und aufgewühlt. Sie sind auf der Flucht, sie wollen sich in ihrem Heimatdorf Emmaus in Sicherheit bringen. Sie sind Anhänger des Jesus von Nazareth, der von der römischen Besatzungsmacht hingerichtet wurde. Und nun haben sie Angst erkannt und ebenfalls verhaftet zu werden. Sie wollen davonlaufen, weg von den Juden, weg von den Römern. Aber vor ihren Erlebnissen können sie nicht weglaufen.

Wer einmal einen geliebten Menschen verloren hat, der kann nachempfinden, wie sich die beiden fühlten. Sie hatten sich ganz auf ein Leben mit diesem Lehrer eingestellt, alle ihre Bindungen und Freundschaften hatten sie aufgegeben. Nicht nur einen Abendkurs belegt, sondern ihr ganzes Leben in den Dienst dieses Mannes gestellt. Sie hatten sich wie Familienmitglieder gefühlt, Wie ihren Vater achteten, ja verehrten sie ihren Meister. 

Nun war er tot; die Umstände seiner Hinrichtung waren schrecklich, aber das war nicht der Grund ihrer Unruhe. Viel schlimmer war diese Leere, die sie in sich spürten, wie tot fühlten sie sich selbst. Und unaufhörlich nagte in ihnen die Frage: Hätten sie es verhindern können? Hätten Sie sich mutiger für ihn einsetzen müssen. Warum musste das geschehen, warum musste Jesus sterben? Wie heute einer fragt beim Tod eines geliebten Menschen: Warum musste das geschehen, warum gerade sie oder er – und warum geschieht das gerade mir?

Unterwegs sind die beiden Jünger ganz in solche Gedanken versunken, so wie wenn man von einer Beerdigung nach Hause geht, vor allem wenn ein Mensch in jungen Jahren hat sterben müssen. Und so merken sie erst allmählich, dass da ein Fremder neben ihnen geht; der hat schon gehört, worüber sie reden, und auf einmal gibt er ihnen eine Antwort auf ihre Frage, die sie so sehr beschäftigt: „Musste nicht Christus solches leiden?“ Er sagt es mehr, als dass er fragt, denn er weiß eine Antwort. Er erinnert die staunenden Jünger an Worte der Propheten, wie sie in den heiligen Schriften Israels aufgeschrieben sind, die auf das Schicksal des Jesus von Nazareth hindeuten.

„Das Volk, das in Finsternis saß, hat ein großes Licht gesehen; und denen, die am Ort und im Schatten des Todes saßen, ist ein Licht aufgegangen.“ (Jes. 9) Dieses Licht ist in Jesus Christus aufgegangen.

Und:

„Siehe, das ist mein Knecht – ich halte ihn – …  Ich habe ihm meinen Geist gegeben; er wird das Recht unter die Heiden bringen. Er wird nicht schreien noch rufen, …. In Treue trägt er das Recht hinaus. Er selbst wird nicht verlöschen und nicht zerbrechen, bis er auf Erden das Recht aufrichte. ...“ (Jes. 42, 2 – 4)

Diese Worte haben sich in Jesus von Nazareth erfüllt, er hat das Recht der Güte Gottes aufgerichtet, gegen die unbarmherzige Rechtsordnung, die Menschen bis dahin brauchten und bis heute verteidigen. Die Jünger auf dem Weg nach Emmaus begreifen lange nicht: Jesus ist mit ihnen unterwegs. Sie merken es erst beim gemeinsamen Abendessen, als er für sie das Brot bricht und das Dankgebet spricht. Da ist es wieder, das Gefühl einer ganz engen Verbindung mit ihrem Lehrer; da wird er ihren Blicken entzogen, aber die Gewissheit seiner Nähe bleibt. Und sie bleibt bei jedem, der die Nähe Jesu sucht, bis auf den heutigen Tag.

Audiobeitrag Flucht nach Emmaus


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