Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

28.03.08, Prof. Reinhard Schmidt-Rost

Warum Jesus sterben musste

Liebe Hörerin, lieber Hörer! Warum ist Jesus hingerichtet worden? Auf diese Frage gibt es keine einheitliche Antwort.

Das Glaubensbekenntnis, das wir im Gottesdienst sprechen, gibt auf diese Frage überhaupt keine Antwort, es beschreibt nur die Fakten: Jesus Christus gekreuzigt, gestorben und begraben und aus dem Reich des Todes am dritten Tage auferstanden. Aber warum das alles?

Manche Jünger Jesu erklärten es ihren Freunden, so wie sie es im Unterricht im jüdischen Glauben gelernt hatten: mit der altbekannten Opfervorstellung. Die übrigens auch in allen heidnischen Religionen gang und gebe war. Sie sagten: Wenn in früheren Zeiten die Ordnung gestört war, dann musste ein Lebewesen sterben, um die Götter zu versöhnen. Ein Leben musste als Bezahlung gegeben werden, damit andere weiter leben konnten.“ Das klang zur Zeit Jesu schon fremd, und erst recht heute, ist es aber gar nicht. Der Gedanke, dass ein Mensch, der die Ordnung stört, sterben muss, damit dadurch die Ordnung wieder hergestellt wird, ist allgemein verbreitet. Dieser Gedanke wird zum Beispiel von den Befürwortern der Todesstrafe vertreten. Oder: Ganz viele Filme im Fernsehen oder im Kino erzählen solche Geschichten, Geschichten, mitten aus unserem Leben, denn wo ein Verbrechen geschieht, da verlangen die Menschen nach Bestrafung des Täters, damit die Ordnung wieder hergestellt wird; denn nur dann kann man wieder sicher leben.

Jesus Christus, so sagten einige seiner Jünger damals, hat wie ein Sündenbock alle Vergehen von Menschen aufgeladen bekommen, um Gott mit den Menschen zu versöhnen, alles, was die Menschen von Gott trennt, sollte ein für allemal beiseite geräumt werden. Gott hat zugelassen, dass Menschen seinen Sohn umbringen, damit keine Schuld die Menschen mehr von Gott trennen kann.

Liebe Hörerin, lieber Hörer, ich verstehe diesen Gedanken, aber ich finde ihn heute unsinnig und bedrohlich: Wie soll durch ein Todesopfer eine Ordnung wiederhergestellt werden. Ein solcher Opfertod beseitigt vielleicht den Verursacher der Störung, aber nicht die Ursache der gestörten Ordnung.

Ich verstehe den Tod und das Weiterwirken Christi anders: Er hat mit seiner Güte die Ordnung der Menschenwelt tatsächlich für alle Zeiten gestört, es sollte nicht mehr der Reiche mehr Ansehen haben als der Arme, der Mann nicht mehr gelten als die Frau, der Erwachsene nicht mehr als das Kind. Als Ruhestörer ist er hingerichtet worden, aber er lebt als Gottes Geist, als Wort unter uns, er nimmt Einfluss, und bringt den Menschen durch Menschen diese ganz andere Ordnung des Lebens nahe, von der schon die Propheten seit Jahrhunderten sprachen: Reichtum, Weisheit, Stärke bringen kein neues Leben hervor, wenn sie sich nicht in den Dienst des Lebens stellen, wenn sie nicht zur Verbreitung der Güte Gottes beitragen. Die Güte Gottes aber ist die Atmosphäre, die alle Menschen leben und aufatmen lässt.

Menschen schneiden sich gegenseitig oft das Wort ab, so dass ihnen schier die Luft weg bleibt, sie neiden sich Lebensmöglichkeiten und fürchten schnell, zu kurz zu kommen. Jesus hat schlicht darauf aufmerksam gemacht: es ist genug  für alle da. Niemand muss zu kurz kommen. Gott ernährt alle Lebewesen aus dem natürlichen Reichtum seiner Schöpfung wie wir im Psalm 36 lesen können: „Sie werden satt von den Gütern seines Hauses und du tränkst sie mit Wonne wie mit einem Strom.“

Audiobeitrag Warum Jesus sterben musste


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