Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

29.03.08, Prof. Reinhard Schmidt-Rost (Choralandacht)

Christ ist erstanden (eg 99)

“Christ ist erstanden, von der Marter alle! Des solln wir alle froh sein, Christ will unser Trost sein. Kyrieeleis.”

In der ersten Klasse des Gymnasiums habe ich dieses alte Osterlied zum ersten Mal gehört. Ende der 50er Jahre begann das Schuljahr noch im Frühjahr und so lag es nahe, im Religionsunterricht zu Anfang ein Osterlied zu besprechen und einzuüben. Die eigenartige Melodie mit ihrem Text ohne Reim wirkte auf uns zehnjährige Schüler ziemlich fremd. So stellten wir uns den katholischen Gottesdienst vor, an dem wir Evangelischen natürlich nicht teilnehmen durften und auch nicht wollten. Die Konfessionen lebten damals im Rheinland noch sehr getrennt.

Erst später lernte ich, daß der Choral “Christ ist erstanden” die Konfessionen verbindet. Es ist das älteste Lied im evangelischen Gesangbuch und findet sich auch im “Gotteslob”, dem Gesangbuch der katholischen Christen.. Geschrieben wurde es um 1100 von einem Mönch in Passau. Er hatte einen Abschnitt aus der lateinischen Messe für das Osterfest zugrundegelegt, die klang so:

Choral: Victimae paschali laudes Immolent Christiani...  

Und das deutsche Lied klang ganz ähnlich:

Choral: Christ ist erstanden von der Marter alle; des solln wir alle froh sein, Christ will unser Trost sein. Kyrieleis

Es klingt eigenartig fern und fremd, als käme es aus dem Orient, aus Arabien vielleicht, und es ist tatsächlich das älteste Lied im evangelischen Gesangbuch. Aber als es geschrieben wurde, war “Christ ist erstanden” ein ganz modernes Lied. Man sagt, es sei das erste Lied in deutscher Sprache gewesen, das die Gemeinde im Gottesdienst mitgesungen habe. Zum ersten Mal durfte das Volk das Maul aufmachen und sich in der Muttersprache beteiligen. Bis dahin hatten im Gottesdienst nur die Priester und Mönche die lateinischen Choräle gesungen, die man auf Papst Gregor den Großen zurückführte, wie die Psalmen der Bibel auf David.. Nun durfte auch das gemeine Volk im Gottesdienst aktiv mitmachen, aber erst ganz allmählich, mit einzelnen Weisen, die den lateinischen Chorälen nachgedichtet wurden. Es dauerte noch vierhundert Jahre, bis sich in der Reformationszeit der Gesang der Gemeinde als Markenzeichen der evangelischen Kirche durchsetzte. Das war vor allem Martin Luther zu verdanken, und seinem Kantor Johann Walter, beiden gemeinsam verdanken wir diese Fassung:

Choral-Fassung von Johann Walter: Christ ist erstanden von der Marter alle; des solln wir alle froh sein ...

Eine Revolution mit einem Kirchenlied: Das Volk darf den Mund aufmachen, auch in der Kirche. Aber diese Umwälzung ist nur eine Folge der Veränderung, die die Osterereignisse in das Leben der Menschheit gebracht haben: Christus ist nicht im Tod geblieben. Das ist Grund zur Freude für alle Menschen, nicht nur für die Kaiser und Könige, die Fürsten und Bischöfe, die Ritter und Herren. Nein, alle, die schwer an ihrem Leben tragen, krank sind, kaum das Nötigste zum Leben haben und wehrlos sind, immer in Angst, erschlagen zu werden, nicht gerüstet wie Ritter, sie alle haben es gehört: Die Liebe ist stärker als der Tod, Gottes Liebe ist nicht tot zu kriegen – und sie rettet alle Menschen

Einige Frauen, die Jesus begleitet hatten, hörten das Unerhörte zuerst und haben es den Jüngern weitererzählt:

Sprecherin: Als der Sabbath vergangen war, kauften Maria Magdalena und Maria, die Mutter des Jakobus, und Salome Balsam, auf daß sie kämen und Jesus salbten.  Und sehr früh am ersten Wochentage kommen sie zur Gruft, als die Sonne aufgegangen war. Und sie sprachen zueinander: Wer wird uns den Stein von der Tür der Gruft wälzen? Und als sie aufblickten, sehen sie, daß der Stein weggewälzt ist. Und als sie in die Gruft eintraten, sahen sie einen Jüngling zur Rechten sitzen, angetan mit einem weißen Gewande, und sie entsetzten sich.

Er aber spricht zu ihnen: Entsetzt euch nicht; ihr sucht Jesus, den Nazarener, den Gekreuzigten. Er ist auferstanden, er ist nicht hier. Siehe da die Stätte, wo sie ihn hingelegt hatten. Aber gehet hin, saget seinen Jüngern und Petrus, daß er vor euch hingeht nach Galiläa; daselbst werdet ihr ihn sehen, wie er euch gesagt hat.

So hörten es die Frauen.So wird es seit damals immer wieder und immer weiter erzählt und besungen.

Choral: Santini: “Christ ist erstanden, von der Marter alle!” – 1. Strophe: Christ ist erstanden von der Marter alle; des solln wir alle froh sein, Christ will unser Trost sein. Kyrieleis.Meine Stärke und mein Licht ist der Herr. Er ist für mich zum Retter geworden.

“Christ ist erstanden” - Mit dieser Nachricht hat alles angefangen, sie hat sich über die ganze Welt verbreitet: Der Tod hat nicht gewonnen; auch wenn alle Menschen sterben müssen, so ist der Tod doch der Liebe unterlegen. Die Kraft der Liebe ist von keiner Macht der Welt, auch vom Tod nicht zu überwinden, sie ist und bleibt die wirklich lebenserhaltende und lebensspendende Kraft. In dieser Kraft der Liebe, die alle umgibt und trägt, werden auch die Verstorbenen weiterleben.

Choral: Santini: “Christ ist erstanden, von der Marter alle!” – 2. Strophe: Wär’ er nicht erstanden, so wär’ die Welt vergangen. Seit dass er erstanden ist, so freut sich alles, was da ist. Kyrieleis. Frohlocken und Jubel erschallt in den Zelten der Rechten,
Die Rechte des Herrn wird mich aufrichten mit Macht.

Das Ostergeheimnis von der Auferweckung des Christus hat eine gute Grundlage in der menschlichen Erfahrung: Der Tod hat die Liebe nicht auslöschen können, das kann man spüren, davon kann man erzählen, am besten aber kann man davon immer neu singen, und so ist auch dieses alte Osterlied um immer neue poetische und musikalische Variationen erweitert worden, von evangelischen und katholischen Christen; ganze 26 Strophen sind bekannt. In unserem Gesangbuch stehen zwar nur drei davon. Aber sie reichen aus, um das unerhört Tröstliche der Osterbotschaft weiter zu tragen.

Choral: Santini: “Christ ist erstanden, von der Marter alle!” 3. Strophe: Halleluja, Halleluja, Halleluja.

Das war Kirche in WDR 3 mit Prof. Reinhard Schmidt-Rost aus Bonn über den Choral “Christ ist erstanden“. Evangelisches Gesangbuch Nr. 99. Es sang der Chorus Cantate Domino unter der Leitung von Markus Kara.

 

Audiobeitrag Christ ist erstanden (eg 99)


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