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Blick nicht zurück (Lukas 9,59-62)
Erinnerungen können tödlich sein! Da sitzt man wehmütig in seiner Stube, denkt an frühere Zeiten zurück und stochert in der Vergangenheit herum.
Man gibt sich der bohrenden Frage hin "Was wäre gewesen, wenn?", bedauert sein Schicksal und fischt im Trüben. Und bildet sich ein, es müsse so sein! Weil man ja schließlich die Vergangenheit nicht von sich streifen kann. Weil sie ja schließlich zu einem gehört. Und weil ja auch viel Gutes dabei war, für das man dankbar sein kann. So redet man sich seine Wehmut schön und bremst sich selber aus. Man blickt zurück und nimmt der Gegenwart den Wind aus den Segeln.
Rückwärtsgewandte Menschen sind der Bibel nicht unbekannt. Jesus trifft zwei solcher Exemplare auf einem Fußmarsch nach Jerusalem. "Folge mir nach!" spricht Jesus zu dem einen. Der aber erwidert: "Herr, erlaube mir, dass ich zuvor hingehe und meinen Vater begrabe." Jesu Antwort fällt erstaunlich schroff aus. "Lass die Toten ihre Toten begraben!" erwidert er. "Du aber geh hin und verkündige das Reich Gottes!" Ein anderer spricht zu ihm: "Herr, ich will dir nachfolgen; aber erlaube mir zuvor, dass ich Abschied nehme von denen, die in meinem Haus sind." Jesus entgegnet: "Wer seine Hand an den Pflug legt und sieht zurück, der ist nicht geschickt für das Reich Gottes." Auch diese Antwort sprüht nicht gerade vor Charme. Aber mit Charme ist auch nicht viel zu erreichen bei Leuten, die sich beharrlich in ihrer Vergangenheit festkrallen.
Natürlich gehört es zum Anstand, den Verstorbenen die letzte Ehre zu erweisen. Und auch der Abschied von der Familie gehört zu dem, was man takt- und stilvoll nennt. Doch Jesus spürt, dass die beiden Anstand, Takt und Stil nur als Vorwand benutzen, um nur ja nicht aufbrechen zu müssen und den Neubeginn zu wagen. Wahrscheinlich wäre den beiden noch so manche faule Ausrede eingefallen, wenn Jesus ihrer Bitte entsprochen hätte. Man hält eben gerne fest am Alten. Genau dieses Festhalten hat Jesus bei seiner schroffen Erwiderung im Blick.
Wer festhält, der braucht nicht damit zu rechnen, dass es in seinem Leben zu großen Neuaufbrüchen kommt. Wer nicht loslässt, der wird auch nie einen Geschmack von der Größe Gottes bekommen, und bei denen, die in ihrer Vergangenheit stecken bleiben, bei denen würde vielleicht nicht einmal Jesus Wunder vollbracht haben, denn Wunder ereignen sich nur dort, wo man sich dafür öffnet. Das Neue, das Wunder, das Jesus für uns vorgesehen hat, ist nicht weniger als das Reich Gottes, eine neue, spannungsgeladene Wirklichkeit, die unsere schlaffe, müde Wirklichkeit über den Haufen wirft, und für diese Wirklichkeit müssen wir uns öffnen, damit sie bei uns zum Tragen kommt. Dass das nicht so leicht ist, braucht man Jesus nicht zu erklären. Nicht umsonst reagiert er so heftig auf Wehmutsattacken. Er weiß, wie schwer uns das Abschiednehmen fällt, und deswegen schlägt er uns mit seinen harschen Äußerungen das Zurückliegende so energisch aus der Hand.
Aber wie soll das Abschiednehmen denn nun konkret aussehen? Immerhin kann man dem Leben ja nicht einfach entsagen. Man kann sich der Welt, in der man lebt, doch nicht entziehen. Die Frage ist aber, wie wir damit umgehen. Lassen wir uns von unserer Vergangenheit bereitwillig über den Tisch ziehen oder bieten wir ihr mutig die Stirn? Unsere Vergangenheit, sie mag uns ruhig einholen! Die Hauptsache ist aber, dass wir nicht ständig unsere Vergangenheit einholen! Sollen doch die Toten ihre Toten begraben, wir aber wollen leben! Legen wir also um Gottes willen die Hand an den Pflug und schauen mit Jesus unbeirrt nach vorne, damit die Wirklichkeit Gottes unsere Gegenwart durchdringt und unser Lebensacker gerade Furchen bekommt!
Blick nicht zurück (Lukas 9,59-62)
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