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Warum musste Jesus sterben?
Kürzlich saß ich im Wartezimmer einer Arztpraxis. Vor mir wühlte ein Kind in einem Stapel von Büchern. Auf einmal sah es seinen Papa mit großen Augen an und fragte:
Warum müssen die Menschen sterben? Und noch ehe sein Papa den Mund auftun konnte, setzte es noch einen drauf. Und wenn schon, ich meine, wenn schon alle sterben müssen, dann wenigstens gleich. Alle mit 100 oder so, nein mit 200, Papa, ...warum ...geht das nicht?
Eine typische Warum-Frage aus dem Mund eines Kindes...ich begrüße Sie, liebe Hörerinnen und Hörer. Mein Name ist Antje Rösener, ich bin Pfarrerin und arbeite als Theologische Studienleiterin im Ev. Erwachsenenbildungswerk Westfalen und Lippe in Dortmund.
Warum-Fragen haben es in sich. Das konnte man dem Papa im Wartezimmer ansehen. Aber auch mein Kopf brummte auf einmal: Warum - wie oft hatte ich mich das schon gefragt? Warum gerade sie? Warum gerade er? Warum so früh? Warum so plötzlich?
Jeder Tod hinterlässt Fragen. Warum-Fragen. Es ist Passionszeit. Noch 12 Tage, dann laden die Kirchen ein zu den Gottesdiensten am Karfreitag, zum Bedenken des Todes Jesu.
Warum musste Jesus sterben? Das haben sich damals seine Freundinnen und Freunde, seine gesamte Anhängerschar gefragt. Ein so junger Mann. Voller Glauben, voller Liebe, voller Tatendrang. Ein Mensch begnadet mit einer ganz besonderen Ausstrahlung: Wenn er redete, dann war die Nähe Gottes mit Händen zu greifen. Das Reich Gottes ist mitten unter euch...hatte er gesagt und es war vielen von ihnen in seiner Nähe nicht schwer gefallen, das zu glauben.
Warum musste Jesus sterben? Manchen kommt die Antwort mühelos von den Lippen: Weil er uns erlösen musste von unserer Schuld. Weil er Gott mit uns versöhnt hat durch seinen Tod am Kreuz. In vielen Kirchenliedern ist dieser Gedanke vertont worden und so erklingt er in den Gottesdiensten, gerade auch in diesen Wochen, in der Passionszeit. Aber ... diese Antwort macht Menschen auch Bauchschmerzen. Eine Frau erzählte mir auf einer Geburtstagsfeier, dass sie diesen Gedanken schon als Kind kaum ertragen konnte. Immer wenn ich in der Kirche saß und auf unserem Altarbild Jesus am Kreuz hängen sah, habe ich gedacht....wegen meiner Sünde muss er da hängen, muss er so furchtbar leiden und sterben? Ich soll schuld sein? Später trat sie aus der Kirche aus, weil sie das alles, Kreuz und Tod Jesu, Schuld und Sünde so nicht haben wollte. Das war vor 30 Jahren. Inzwischen hat sie neu zu fragen begonnen. Da muss doch mehr dran sein, an diesem Opfertod Jesu sagte sie zu mir auf dieser Feier und sah mich mit ähnlich drängenden Augen an, wie das Kind seinen Papa in der Arztpraxis.
1. MUSIK
Warum musste Jesus sterben? Schauen wir auf die historischen Fakten. Die Kreuzigung war eine der grausamsten Todesstrafen des Römischen Reiches. In Palästina, dieser kleinen römischen Provinz, in der Jesus lebte, wurden zu seiner Zeit ausschließlich Aufständische und deren Sympathisanten gekreuzigt. Die Kreuzigung war also ein Instrument der Römer, um in ihrem großen Reich Ruhe und Ordnung zu halten. Genau diese Ordnung schien Jesus zu stören. Er erzählte den Menschen von Gottes Gegenwart und seiner Kraft. Er hatte gewisse Erfolge, vor allem viele arme, einfache Menschen fassten neuen Mut und schlossen sich ihm an. Und dann kam Jesus mit seinen Anhängern nach Jerusalem. Ausgerechnet in den unruhigen Tagen vor dem Passahfest, als die Stadt überquoll an Menschen. Wo man auch hinblickte, Pilger und Fremde. Die Tempelpriesterschaft und andere einflussreiche Personen der Oberschicht, denen an einem guten Auskommen mit der römischen Besatzungsmacht gelegen war, wurden nervös. Konnte die Stimmung kippen? Würde Jesus die Massen mitreißen? Wie würde die römische Besatzungsmacht reagieren? Würde sie brutal einschreiten, um die Ordnung wieder herzustellen? Das Ende ist allen bekannt: Jesus wurde bei Nacht und Nebel verhaftet und ohne rechtmäßigen Prozess hingerichtet gerade noch rechtzeitig vor dem großen Fest. Er starb wie andere jüdische Märtyrer am Kreuz. Seine Freundinnen und Freunde waren geschockt. Da verließen ihn alle Jünger und flohen heißt es am Ende des Markusevangeliums.
Warum musste Jesus sterben? Historisch gesehen kann man sagen: Er musste nicht sterben. Sein Tod ist eine tragische Verkettung brisanter Umstände. Er wurde Opfer der Mächtigen jener Tage, vor denen er nicht rechtzeitig in die Knie gegangen war.
Für seine Freunde aber war sein Tod am Kreuz auch nach der Auferstehung noch das größte Problem. Zwar waren sie längst davon überzeugt, das Jesu Stimme damit nicht zum Schweigen gebracht war, weil Gott stärker ist als der Tod...und doch... warum diese qualvolle Hinrichtung? Ein Gehängter steht unter Gottes Fluch stand in ihren Schriften geschrieben. Was für eine Schmach! Vor aller Welt war Jesus bloß gestellt und sie, seine Anhänger mit ihm.
So haben sie verzweifelt nach Antworten gesucht auf die eine große Frage: Warum?
Jesus Christus hat dem Tod die Macht genommen sagten die einen, (2. Tim.1,10), das ist es, was Gott uns zeigen will, dass der Tod verschlungen ist vom Sieg des Lebens (1. Kor. 15,54)
Das Kreuz ist und bleibt ein Skandal, sagten die anderen, aber Gott zeigt uns damit, dass er das Törichte und Schwache erwählt. Das, was die Mächtigen verachten, macht er groß. (1. Kor. 1, 27 ff).
Und weil die meisten Anhänger Jesu tief im Judentum verwurzelt waren, suchten sie in eben dieser jüdischen Tradition nach Bildern, um den Skandal des Kreuzes verstehen zu können.
Im Buch Jesaja gibt es das Bild des leidenden Gottesknechtes, der zermalmt und misshandelt wird von der Boshaftigkeit der Menschen. Er nimmt aber dieses Leiden auf sich, um Frieden zu schaffen. Konnte man Jesu Tod nicht ähnlich verstehen?
Mehr noch: Am Jerusalemer Tempel wurden Gott täglich Opfer dar gebracht. Es waren vor allem Dankopfer, aber eben auch am Jom Kippur, am großen Versöhnungstag der Juden ein Opfer zur Reinigung von Sünde und Schuld. Der Hohepriester betrat das Allerheiligste des Tempels, umräucherte die Sühneplatte und besprengte sie 7x mit dem Blut eines jungen Stieres. Durch diesen Ritus befreite Gott die Menschen von den Lasten der Vergangenheit. Ein Akt der liebevollen Nähe Gottes zu seinem Volk, ein Geschenk Gottes an die Jüdinnen und Juden, das ihnen sagte: Neuanfang ist möglich.
Sie hören die Ähnlichkeiten gewiss schon heraus. Die Erfahrungen mit diesem Ritual konnten ohne Mühe auf Jesu Tod übertragen werden. Eines unserer bekanntesten Passionslieder bringt es auf den Punkt:
Sprecher: Wir danken dir, Herr Jesus Christ, dass du für uns gestorben bist und hast uns durch dein teures Blut gemacht vor Gott gerecht und gut.
2.Musik
Da muss doch mehr dran sein am Opfertod Jesu - die Worte jener Frau auf der Geburtstagsfeier zeigen eines: Was für Jesu Freunde damals so nahe lag nämlich seinen Tod auf dem Hintergrund ihrer Erfahrungen mit dem Sühnopfer zu deuten, ist für viele heute wie ein Rätsel mit sieben Siegeln: Es lässt sich nicht entschlüsseln.
Denn Gott Opfer dar zu bieten das hat in unserem Alltag keinen Platz mehr. Wenn ich das Wort Opfer höre, schwirren mir andere Bilder durch den Kopf: Zum Beispiel Inschriften auf Kriegerdenkmälern: Sie opferten ihr Leben für das Vaterland lese ich da und habe sofort ein komisches Gefühl im Bauch. Will Gott auch solche Opfer?
In meiner Kindheit wurde mir von einer sehr gläubigen Frau erzählt, die sich völlig selbstlos opferte für alle in ihrer Umgebung. Sie dachte immer nur an die anderen, wurde mir gesagt, weil sie so fromm sei, weil sie sich an Jesus ein Beispiel nähme. Ich habe diese Frau bewundert und mich doch in ihrer Nähe nie wohl gefühlt. Sie wirkte immer ernst und unnahbar.
Sprecher: Ein Lämmlein geht und trägt die Schuld der Welt und ihrer Kinder. Es geht dahin, wird matt und krank, ergibt sich auf die Würgebank, entsaget allen Freuden; es nimmet an Schmach, Hohn und Spott, Angst, Wunden, Striemen, Kreuz und Todesstrafen und spricht: Ich will's gern leiden.
Solche und ähnliche Texte aus unserer liturgischen Tradition haben nicht nur heilvolle Spuren hinterlassen. Man muss ihren Autoren nicht einmal eine böse Absicht unterstellen. Aber die Sprache des Lämmleins, das sich auf die Schlachtbank begibt, stößt heute auf Widerspruch. Ist das der Wille Gottes - sich ergeben auf der Würgebank? fragen sich viele. Und: Was hat das noch mit Jesus zu tun, mit seinem Leben? Jesus wollte doch, dass Menschen in Würde leben. In seiner Gegenwart wurden Blinde sehend, Lahme wagten neue Schritte, Außenseiter kehrten in die Gemeinschaft zurück. Jesus befreite Menschen aus den Verstrickungen der Vergangenheit, damit sie die Schönheit des Lebens schmecken und feiern konnten. Er empörte sich überall dort, wo Schwache mit Füßen getreten wurden. Die Melodie die sein Leben durchzieht, ist eine große Leidenschaft für das Leben. Ich lebe und Ihr sollt auch leben hat er gesagt. Dieser Melodie folgte er, auch als die Luft um ihn herum dünner wurde. Diese Leidenschaft kostete ihn schließlich das Leben. Wenn wir also über den Tod Jesu reden, dann muss diese Melodie heraus zu hören sein: Seine Leidenschaft für das Leben.
Genau dies ist die Herausforderung, vor der wir heute stehen: Wie können wir Jesu Tod am Kreuz heute so ausdrücken, dass die Melodie seines Lebens hörbar wird? Diese große Leidenschaft: Ich lebe und Ihr sollt auch leben!
3. Musik
Ein Erlebnis mit dem Kreuz will ich Ihnen zum Schluss noch erzählen. Vor einigen Jahren hatte ich Ostersonntag Gottesdienst zu halten. Ich brach sehr früh von zu hause auf, um den Kirchenraum in aller Ruhe herrichten zu können. Denn vor dem Altar hatten Konfirmanden zwei alte Baumstämme aufgestellt und sie notdürftig zu einem schweren, großen Kreuz zusammengebunden. Am Karfreitag hatte dieses Kreuz die Blicke der ganzen Gemeinde auf sich gezogen. Als ich nun aber Ostermorgen die Kirchentür aufschloss, traute ich meinen Augen kaum:
Die Baumstämme hatten über Nacht ihr Gesicht verändert. Sie hatten zu grünen begonnen. Überall sprossen kleine grüne Triebe. Unübersehbar, wie das Leben sich seinen Weg brach aus dem toten Holz heraus. Die scheinbar toten Bäume schienen unsichtbar für unsere Augen Wasser gespeichert zu haben, so dass das Leben sprießen konnte.
Und auf einmal war es so deutlich: Das Kreuz es ist ein Ort an dem Gott im Verborgenen handelt. Ein Ort, an dem Gott fern scheint, aber nur auf den ersten Blick. Denn auf den zweiten Blick ist das Kreuz ein Ort der Verwandlung, der Wende, des überraschenden Neubeginns. Gott schenkt dort in der Finsternis mehr, als wir zu hoffen wagen.
Manchmal bestätigen das Menschen, die eine schwere Lebensphase hinter sich haben: Diese Zeit, diese Dunkelheit, sie wurde für mich eine Brücke zu neuer Lebendigkeit, ein Wegweiser zum Himmel, zu Gott.
Ich lebe und Ihr sollt auch leben diese Melodie durchzog das Leben Jesu und ich konnte sie hören an jenem Ostermorgen beim Anblick des grünenden Kreuzes.
Ich verabschiede mich nun von Ihnen, liebe Hörerinnen und Hörer. Mein Name ist Antje Rösener, ich bin Pfarrerin der evangelischen Kirche und wünsche Ihnen noch eine gesegnete Passionszeit mit manchen erhellenden Gedanken zu Jesu Tod am Kreuz.
4. Musik
Warum musste Jesus sterben?
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