Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

10.03.08, Pfarrerin Silke Niemeyer

Das Adamskostüm

Das seien die drei großen Menschheitsfragen, spottete mal jemand: Woher komme ich? Wohin gehe ich? Was ziehe ich dazu an?

Wer hätte sich auch noch nie vor dem Spiegel verausgabt, um das passende Outfit für die Party zu finden? Wer hätte nie in der Umkleidekabine die Schmach erlitten, dass der schicke Fummel aus dem Schaufenster am eigenen Körper aussieht wie eine synthetische Wurstpelle? Und wer hätte nie unter dem Tisch die eleganten neuen Schuhe ausgezogen, um den gemarterten Füßen Luft zu verschaffen?

Aber weil Kleider ja Leute machen, hat uns die Mode fest im Griff. Eine Modenschau, der etwas anderen Art präsentiere ich Ihnen diese Woche. Und womit anders könnte ich anfangen als mit dem Kostüm des ersten Menschen, dem Adamskostüm. Das biblische Paradies ist ja eigentlich das Gegenteil eines Modeparadieses. Im Garten Eden kennen die Menschen nämlich noch keine Kleidung. Scham ist ihnen fremd. Erst recht Scham wegen ihres Körpers.

Das könnte heute kaum jemand von sich behaupten. Wie sehr werden unsere Körper beschämt. Konfektionsgrößen und Designerkleidung bringen den meisten bei, dass irgendetwas falsch an ihnen sein muss: die Hüften zu dick oder die Beine zu kurz oder die Schultern zu breit. Sie geben dir das Gefühl: du bist falsch und nicht etwa die Hose, die du anziehen willst. Da ist das Paradies endgültig verloren.

Sich in Adams oder Evas Kostüm sehen lassen, wer traute sich das schon. Ohne Schamlosigkeit das Wort reden zu wollen: Aber hüllenlose Körper haben makellos zu sein, um sich zeigen zu dürfen. Denn als „Problemzonen“ werden nicht etwa die Kriegs- und Hungergebiete der Erde betitelt, sondern jene kleinen Gebiete an Po, Hüfte und Bauch. Und Probleme sieht keiner gern. Aber wer sagt eigentlich, dass Adams Kostüm nicht mit einem Bauch ausgestattet ist.

Menschen, wie Gott sie gedacht hat, die zeigen sich wie sie sind. Sie brauchen keine Kleider, um Leute zu werden, keine Marken, kein Styling als nötige Rüstung für den Alltag. Dafür stehen Adam und Eva in ihrer Nacktheit. Sie haben es weder nötig sich zu schützen, noch sich zu verhüllen. Das nennt die Bibel paradiesisch.

Doch dann entfremdet sich der Mensch – von sich selbst, vom anderen, von Gott. Er verhüllt sich, legt sich eine fremde Haut an. Die Bibel erzählt damit zeichenhaft, wie der Mensch sein Urvertrauen verliert. Adam und Eva werden gewahr, dass sie nackt sind, mit verletzlicher Haut. Sie haben Angst gesehen zu werden. Sie verstecken sich vor Gott. Sie fürchten sich schutzlos zu sein. Vertrauen weicht der Angst! Sie rüsten sich mit Schurzen aus Feigenblättern: Die Erfindung des ersten Panzers.

Wir leben nicht mehr im Paradies. Aber manchmal, manchmal, da öffnet sich für einen Moment der Weg dorthin. Wenn wir mutig sind und ablegen, womit wir unsere Menschlichkeit verhüllen: Den Schleier der Furcht zum Beispiel. Das Korsett der Gewohnheit. Den Panzer der Härte. Die Nadelstreifen der Arroganz. Wer das kann, der erfährt: auf dem Weg zum Paradies gibt es nichts zu verlieren als die Angst.

Audiobeitrag Das Adamskostüm


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