Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

11.03.08, Pfarrerin Silke Niemeyer

Das Taufkleid

In manchen Familien wird es noch gehütet wie ein Schatz: Behutsam aufbewahrt zwischen Seidenpapier und Lavendel. Von Generation zu Generation weitergegeben.

Ein winziger, weißer Traum aus Schleifen und Spitze. Das Kleid, in dem schon Urgroßvater, Großmutter und der Vater zur Taufe getragen wurden. Aber das ist selten geworden. Tim, Lara oder Kevin tragen heute bei ihrer Taufe meist eine schicke Hose oder ein farbenfrohes Röckchen.

Auf meiner kleinen Modenschau der christlichen Gewänder möchte ich Ihnen nach dem Adamskostüm gestern heute das Taufkleid präsentieren, auch wenn es ein wenig aus der Mode gekommen ist.

Versetzen wir uns zurück und stellen uns vor, wie das damals gewesen sein könnte. Damals in der Osternacht. Drei Jahre lang hatten sich die Taufbewerber auf diesen großen Moment vorbereitet. Hatten gelernt, worauf es im Glauben an Jesus Christus ankommt. Was es heißt, sich nicht den herrschenden Verhältnissen anzupassen. Christ wird man nicht einfach so. Es ist nicht leicht, mit alten Überzeugungen und Gewohnheiten zu brechen. Zumal wenn man damit in der Minderheit ist. Tagelang haben sie gefastet, um leer zu werden. Aufnahmebereit.

Jetzt ist der Augenblick gekommen: In der Osternacht, am Festtag der Auferstehung. Die Frauen und Männer wollen ihrem alten Leben absagen und ein neues beginnen. „Den alten Menschen ablegen und Christus anziehen“ nennen sie das. In der Tat legen die Täuflinge die Kleider ihres alten Lebens ab. Dann steigen sie ins Taufbecken. Drei Fragen werden ihnen nun gestellt:

Sprecher: Glaubst du an Gott, der dir Vater ist? Glaubst du an Jesus Christus, der für dich gestorben und zu neuem Leben auferstanden ist? Glaubst du an die Kraft des Heiligen Geistes?

Drei Mal werden sie dabei ganz untergetaucht. Drei Mal stirbt bildlich der alte Mensch. Drei Mal ersteht der neue Mensch aus dem Wasser. Der Mensch, der Ebenbild Gottes sein kann. Der Mensch, dem vergeben ist. Der Mensch aus Glaube und Gerechtigkeit, Hoffnung und Liebe.

Christus haben sie angezogen, ihn wollen sie in Zukunft an Leib und Seele, in Herz und Sinn tragen. Darum werden ihnen jetzt die neuen Kleider angetan. Ein Gewand in Weiß, der Farbe für Christus, für Auferstehung. Eine ganze Woche lang bis zum weißen Sonntag werden sie ihr Taufkleid tragen. Um allen zu zeigen, ja um selbst zu begreifen: Etwas Einmaliges, etwas Unwiederholbares ist mit mir geschehen: Ich bin ein neuer Mensch geworden.

Ein neuer Mensch zu werden, sich wie neugeboren zu fühlen – wer wünschte sich das nicht zwischendurch. Wer heute im Internet danach sucht, wie das gehen könnte, wird zuallererst auf die Adresse „neuer-mensch.com“ gestoßen: Ein Infoportal für Brustkorrekturen, Fettabsaugung und Gesichtskorrekturen.

Was für ein Segen, dass unser Gott uns da einen anderen Weg anbietet. Allein aus Gnade und allein durch Glauben, wie Martin Luther es auf eine kurze Formel brachte. Er, der wie die meisten heute als kleines Kind getauft wurde, sagte von sich selbst, er krieche jeden Tag von neuem wieder in seine Taufe hinein. Und wenn er daran war zu verzweifeln, dann schrieb er’s vor sich mit Kreide auf den Tisch: Ich bin getauft!

Schade eigentlich, dass Taufkleider so aus der Mode gekommen sind.

Audiobeitrag Das Taufkleid


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