Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

12.03.08, Pfarrerin Silke Niemeyer

Sack und Asche

Wenn es von einer Frau heißt, sie gehe in Sack und Asche, so ist das wohl kaum als Kompliment gedacht. Und selbst der Modezar Karl Lagerfeld würde wahrscheinlich

keine seiner Schönheiten damit auf den Laufsteg schicken.

Auf meiner Modenschau der christlichen Kleider hat der Sack allerdings durchaus seinen Platz. Das Wort „saq“ bezeichnet ursprünglich ein aus Ziegenfell gewebtes und daher schwarzes grobes Gewand. Der saq gehörte fest in einen uralten Bußritus. Wenn Unheil drohte und an Fasttagen, legte man dieses raue Bußgewand an, um sich vor Gott zu demütigen. In der Geschichte vom Propheten Jona wird erzählt, wie er der Stadt Ninive den Untergang ansagt.

Sprecher: Es sind noch vierzig Tage, so wird Ninive untergehen. Da glaubten die Leute von Ninive an Gott und ließen ein Fasten ausrufen und zogen alle, groß und klein, den Sack zur Buße an. Und als das vor den König von Ninive kam, stand er auf von seinem Thron und legte seinen Purpur ab und hüllte sich in den Sack und setzte sich in die Asche.

Vorletztes Jahr reiste ein Beauftragter des UN-Menschenrechtsrats in unser Land. Der inspizierte unser Bildungssystem und kritisierte die katastrophale Benachteiligung armer Kinder. Da stelle man sich einmal vor: Als das vor die Regierung kam, ständen die Kanzlerin, die Minister und ihre Staatsekretäre auf aus ihren Sesseln, legten die Nadelstreifen ab, hüllten sich in den Sack und setzten sich in die Asche.

Spinnerei? Mag sein. Aber vielleicht kommt man in Sack und Asche manchmal auf weisere, mutigere Gedanken als im Zweireiher und blank polierten Schuhen. Vielleicht wird man in solcher Kleidung aufrichtiger mit sich selbst. Uneitler. Nicht mehr so unter Zwang, Erfolgsmeldungen zu bringen. Sack und Asche sind in der Bibel auch Kleider der Trauer. Das schließlich gehört ja auch zur Buße: traurig sein über Irrwege, die man ging, und Fehlentscheidungen, die man traf. Sack und Asche sind jedenfalls die biblische Einkleidung des Gedankens, dass in den „Weiter so!“ – Parolen kein Heil liegt. Heil liegt darin, vom falschen Weg umzukehren und eingestehen zu können: Wir haben Fehler gemacht. Das ist allerdings nicht gefragt. Obwohl: vor einiger Zeit legte der ungarische Ministerpräsident vor seiner Führungsriege ein bemerkenswertes Bußbekenntnis ab:

Sprecher: Wir haben offenkundig die letzten eineinhalb, zwei Jahre durchgelogen. Es war ganz klar, daß nicht wahr ist, was wir sagen. …Und was haben wir sonst während der vier Jahre gemacht? Nichts. Ihr könnt keine einzige bedeutsame Regierungsentscheidung nennen, auf die wir stolz sein können …

Seine Aufrichtigkeit wurde nicht gewürdigt. Seine derben Kraftausdrücke stießen übel auf. Vulgär sei er, zynisch, unanständig. 

Ich wünschte mir mehr Menschen, die sich so etwas trauen: also ein Ende zu machen mit dem „Weiter so!“. Die die Welt für eine Zeit aus der Sicht der abgebrannten Menschen sehen, die jeden Tag in der Asche hocken. Menschen, die sich Zeit nehmen, innezuhalten, nachzudenken und wenigstens ab und zu in Sack und Asche zu gehen.

Audiobeitrag Sack und Asche


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