Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

15.03.08, Pfarrerin Silke Niemeyer

Das letzte Hemd

Gewänder des Glaubens stelle ich Ihnen diese Woche vor. Womit könnte meine kleine Modenschau anders enden als mit dem letzten Hemd? Der Volksmund weiß: es hat keine Taschen.

Wozu auch? Wir können ja nichts mitnehmen, wenn wir diese Welt einmal verlassen. Kein Geld, keine Aktien, keine Treuebonuskarten.

Der Tod sei der große Gleichmacher, behaupten darum viele. Das allerdings ist nicht ganz so. Das letzte Hemd hat zwar keine Taschen, aber es ist durchaus aus unterschiedlichem Stoff. Denn wir haben wieder Armenbegräbnisse in unserem Land. Meist nicht beachtet von der Öffentlichkeit. Wen interessiert auch schon, wie die alte Dame, die ohne Angehörige im Heim lebte und deren Ersparnisse komplett aufgezehrt wurden, auf die letzte Reise geschickt wird. Kostensenkung heißt die Devise auch hier. Die billigste Beerdigung ist Pflicht: Einäscherung und anonyme Bestattung. Wer nicht den Weg durchs Feuer gehen will, muss das zu Lebzeiten schriftlich festgelegt haben. Aber wer weiß das schon?

Eine Überurne, die das Grau der Krematoriumsplombe mit ihren behördlichen Aufschriften gnädig verdeckt: nicht vorgesehen. Kosten für die rituelle Begleitung, wie es auf Amtsdeutsch heißt: nicht vorgesehen. Sprich: kein Cent für die Trauerhalle, für Orgelspiel, für Kerzen oder gar für Blumen. So ist es vielerorts. Und aus manchen Städten hört man fragen, ob denn ein Sterbehemd überhaupt nötig sei, da die Aufbahrung doch ohnehin wegfalle.

„Ach Änne, so hattest du dir das nicht vorgestellt“, seufzte kopfschüttelnd kürzlich die hoch betagte Dame, als sie mit einem Röschen in der Hand vor die im kalten Flur aufgestellte Plombe trat. Und verneigte sich vor den sterblichen Überresten ihrer Freundin.

Und ich, die Pfarrerin, stand daneben. Hin und her gerissen zwischen Trauer, Zorn und Hilflosigkeit, nahm ich Worte des Apostels Paulus zur Hilfe:

Sprecher: Leben wir, so leben wir dem Herrn, sterben wir, so sterben wir dem Herrn. Ob wir leben oder sterben – wir gehören dem Herrn.

Für Gott stirbt kein Mensch einfach so. Im Leben und im Sterben gehören wir ihm. Unsere Würde als seine Geschöpfe hört auch im Tode nicht auf. Egal, aus welchem Stoff unser letztes Hemd gewebt ist. Egal wie armselig jemand begraben wird. Gottes Eigentum sind und bleiben wir. Und sein Herz schlägt gerade für die, die nur wenig ihr Eigentum nennen. Unsere Toten bleiben mit Gott verbunden. Und wir darum mit ihnen. Dorothee Sölle, die bekannte Theologin, schrieb kurz vor ihrem Tod:

Sprecherin: wohnst du denn ganz allein
ohne daß tote mal vorbeischaun
einen zu trinken mit dir
bildest du dir wirklich ein
du wärst nur du

Nein, lasst uns das nicht einbilden. Ich bin nicht nur ich. Und du bist nicht nur du, Änne. Wir sind verbunden mit einem größeren Namen, in dem wir hier zusammen sind. Diese Gewissheit tröstet mich in Momenten wie jenem auf dem kalten Flur. Zugleich lockt sie mich aufzubegehren. Ich will nicht, dass unsere Welt zunehmend zu einer wird, in der jeder allein für sich selbst leben und irgendwann allein für sich sterben muss.

Audiobeitrag Das letzte Hemd


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