Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

15.03.08, Pfarrerin Silke Niemeyer

"Es kennt der Herr die Seinen" (eg 358)

Choral: Es kennt der Herr die Seinen und hat sie stets gekannt,die Großen und die Kleinen in jedem Volk und Land;er lässt sie nicht verderben, er führt sie aus und ein,

im Leben und im Sterben sind sie und bleiben sein. 
          
Autorin: Wem gehörst du? „Meinen Eltern“, antwortet das Kind. – „Meiner Bank“, sagt der Überschuldete. –  „Meinem Vaterland“, der Patriot.  – „Meinem Chef“, seufzt die Sekretärin. Eines ist jedenfalls klar: Du gehörst längst nicht dir allein. Der Kabarettist Hanns Dieter Hüsch sagt: 

Sprecher: Im Leben gehören
Die Armen den Reichen
Die Dummen den Klugen
Die Geschlagenen den Verschlagenen
Die Gläubigen der Kirche
Die Schwarzen den Weißen
Die Naiven den Raffinierten
Die Schweigenden den Schwätzern
Die Friedfertigen den Streitsüchtigen 

Autorin: Im Leben ist das so und manchmal sogar noch im Tode. Es ist eine Frage der Macht. Einerseits. Es ist aber auch eine Frage des Glaubens. Andererseits. Philipp Spittas Choral aus dem Jahr 1843 antwortet: 

Sprecher: Im Leben und im Sterben sind wir und bleiben sein.

Autorin: Gott kennt uns. Nicht nur die Großen. Auch die Kleinen, die keiner kennen will. In jedem Volk und Land. Nicht nur die unter der richtigen Flagge oder die mit der richtigen Leitkultur oder der einzig wahren Religion. Und deshalb: Niemals irgendeines Menschen Besitz.

Sprecher: Gott lässt uns nicht verderben.

Autorin: Kann dieses Vertrauen uns wirklich davor retten zu verderben? Im Gefängnis, zutiefst ausgeliefert, bewahrte es Dietrich Bonhoeffer davor, sich selbst zu verlieren.     

Sprecher: Wer bin ich?
Bin ich das wirklich, was andere von mir sagen?
Oder bin ich nur das, was ich selbst von mir weiß?
Unruhig, sehnsüchtig, krank, wie ein Vogel im Käfig,…
Wer bin ich? Der oder jener?
Bin ich denn heut dieser und morgen ein anderer?
Wer bin ich? Einsames Fragen treibt mit mir Spott.
Wer ich auch bin, Du kennst mich, Dein bin ich, o Gott!

Choral: Er kennet seine Scharen am Glauben, der nicht schaut
und doch dem Unsichtbaren, als säh er ihn, vertraut;
Der aus dem Wort gezeuget und durch das Wort sich nährt
und vor dem Wort sich beuget und mit dem Wort sich wehrt

Autorin: Dietrich Bonhoeffer war ein Mensch, der mit wachen Augen sah, was vor sich ging. Damals als sich die Nazidiktatur in Deutschland breit machte. Dennoch: Die zu Gott gehören sind keine Leute, die nur glauben, was sie sehen. Was ist das auch für eine fadenscheinige Wahrnehmung, wenn man allein dem Augenschein vertraut. Präsentiert man uns doch im Fernsehen und Internet Lügenbilder in Serie. Ob gefälschte Bilder oder Bilder vom falschen Leben. Darum ist dies eines der obersten Gebote Gottes:

Sprecher: Ich bin der HERR, dein Gott, der dich aus der Knechtschaft geführt hat. Du sollst dir kein Bildnis noch irgendein Gleichnis machen, weder von dem, was oben im Himmel, noch von dem, was unten auf Erden, noch von dem, was im Wasser unter der Erde ist.

Autorin: Wer dem Unsichtbaren vertraut, betrachtet aber die Dinge und die Menschen nicht allein nach ihrer sichtbaren Gestalt. Er hat vielmehr Augen für die Möglichkeiten, die erst noch ans Licht wollen. Ein gläubiger Mensch sagt eher: Ich sehe, was ich glaube. Denn er betrachtet die Welt mit mehr Hoffnung als ihr Anblick hergibt.

Choral:Er kennt sie als die Seinen an ihrer Hoffnung Mut,
die fröhlich auf dem einen, dass er der Herr ist, ruht,
in seiner Wahrheit Glanze sich sonnet frei und kühn,
die wunderbare Pflanze, die immerdar ist grün. 

Autorin: Solch eine fröhliche Hoffnungspflanze, die immer grünt, auch wenn die Jahreszeit nicht danach ist, scheint Philipp Spitta selbst gewesen zu sein. Optimistisch, unverdrossen geht der Pfarrer in seiner neuen Gemeinde ans Werk.

Sprecher: Ich gehe in meiner Gemeinde von Hof zu Hof, von Haus zu Haus. Das sind aber nicht Gänge, sondern Reisen…Mit dem Besuche der acht Außendörfer habe ich in dieser Woche den Anfang gemacht, bis zum Ende wird wohl der Winter noch zu Ende sein. Ich habe mir dazu, bei den im Winter grundlosen Wegen, große Wasserstiefel machen lassen und gehe also recht wie ein Menschenfischer umher.

Autorin: Philipp Spittas Herz schlägt für die einfachen Menschen. Und seine Gemeinde liebt ihn dafür. Um die Zeit, da er diesen Choral schreibt, stehen sie noch unter dem Eindruck des großen Weserhochwassers. Die Deiche waren gleich an drei Stellen gebrochen. Land unter! In Back- und Futtertrögen kommen die Menschen da zum Gottesdienst gerudert, um ihren Prediger zu hören. Wenn das nicht Liebe ist, die so in Bewegung zu setzen vermag.

Choral: Er kennt sie an der Liebe, die seiner Liebe Frucht
und die mit lauterm Triebe ihm zu gefallen sucht,
die andern so begegnet, wie er das Herz bewegt,
die segnet, wie er segnet, und trägt, wie er sie trägt.

Autorin: Das also sind die Markenzeichen, an denen Gott die Seinen identifiziert: Glaube, Hoffnung und Liebe. Dieser Tage wird viel gefragt, was die Kirche denn kenntlich mache. Im Beraterjargon heißt das, Profilbildung und Prioritätensetzung seien angesagt, wenn die Kirche zukunftsfähig sein wolle. Von unserem Choral lerne ich, woran der Herr der Kirche die Seinen erkennt. Dabei nimmt Spitta Worte des Apostels Paulus auf. Der führt in einem seiner Briefe aus, worauf es letztlich ankommt.

Sprecher: Wenn ich mit Menschen- und mit Engelzungen redete und hätte die Liebe nicht, so wäre ich ein tönendes Erz oder eine klingende Schelle. (…) Die Liebe ist langmütig und freundlich, die Liebe eifert nicht, die Liebe treibt nicht Mutwillen, sie bläht sich nicht auf. Sie verhält sich nicht ungehörig, sie sucht nicht das Ihre, sie lässt sich nicht erbittern, sie rechnet das Böse nicht zu, sie freut sich nicht über die Ungerechtigkeit, sie freut sich aber an der Wahrheit; sie erträgt alles, sie glaubt alles, sie hofft alles, sie hält allem stand. Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; aber die Liebe ist die Größte unter ihnen. 

Choral: So hilf uns, Herr zum Glauben und halt uns fest dabei;
laß nichts die Hoffnung rauben; die Liebe herzlich sei!
Und wird der Tag erscheinen, da dich die Welt wird sehn,
so laß uns als die Deinen zu deiner Rechten stehn. 

Das war Kirche in WDR 3 mit Pfarrerin Silke Niemeyer aus Recklinghausen über den Choral “Es kennt der Herr die Seinen“. Evangelisches Gesangbuch Nr. 358. Es sang der Essener Bachchor unter der Leitung von Hans-Joachim
Meyaer-Pohrt.

 

Audiobeitrag "Es kennt der Herr die Seinen" (eg 358)


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