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Wer ist hier eigentlich "dement"?
Gestern fand er das Telefon im Kühlschrank. Sie lachte verlegen. Vor 84 Jahren wurde sie hier geboren, in dieser Wohnung. Sein Bruder und er sind sich einig:
Wenn sie es kräftemässig und finanziell irgendwie schaffen, soll sie dort auch sterben können.
Verrückte Dinge passieren aber in der letzten Zeit: Lampenschirme mutieren zu Trockenhauben, Puppen zu Kindern, Handtücher verschwinden unauffindbar. Aber was ist schon normal? Die demenz kranke Mutter erlebt sich selbst nicht als verrückt. Sie lebt in ihrer Welt. Ihre Wahrnehmung, ihr Denken, ihr Erleben setzt eigene Realitäten. Eigentlich nichts Besonderes. Das tun wir doch alle. Nur dass die meisten Menschen gesellschaftliche und kulturelle Verabredungen weitgehend einhalten und so als normal bezeichnet werden, während andere sie überschreiten und als dement gelten.
Verrückt ist, was andere erfolgreich so bezeichnen.
Mich interessiert seit längerem die Frage, wie es kommt, dass immer mehr alte Menschen in die Demenz gehen, statt in die Weisheit? Ein Neurologe erklärte mir, dass der Abbau von Zellen beim Alterungsprozess der Grund sei. Je älter die Menschen heute durch die moderne Medizin würden, um so eher bestünde die Gefahr, dass das Gehirn nicht mehr mitkäme. Man könne aber durch geistiges Training dem entgegenwirken. Warum aber flüchten sich nicht nur sog. schlichtere Gemüter aus unserer Welt, sondern auch geistig arbeitende Menschen? Menschen, die bis zum Ruhestand in Führungsämtern gefordert und geistig überaus trainiert waren.
Vielleicht gibt es einen ursächlichen Zusammenhang zwischen der Flucht vieler Menschen in die Demenz und der Erfahrung, nicht mehr gebraucht zu werden. In anderen Kulturen begegnet man Altgewordenen mit hohem Respekt und fragt ihre Lebenserfahrung ab. Bei uns gilt die alte Generation mittlerweile als Belastung. Der Wert menschlichen Lebens hängt heute von seiner Produktivität ab. Gewünscht ist, wer Nutzen bringt! Wer´s nicht bringt, ist out. Wer nicht mehr mithalten kann, sowieso. Vielleicht können viele deswegen unsere Welt nicht mehr ertragen und flüchten: Die Älteren in die Demenz, die Jüngeren in die Sucht. Eine eigene, eine selbst geschaffene Welt wird zur Fluchtburg.
Der Zimmermannssohn aus Nazareth stellte Menschen in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit, die wir heute zur sog. Subkultur zählen: Kriminelle, Arme, Verrückte, Prostituierte, Kranke, Kinder und Alte. Nicht als Objekte unserer Fürsorge, so kennen wir das. Sondern weil Gott sich mit ihnen bis zur Verwechselbarkeit identifiziert. Bei den vermeintlich Nutzlosen können wir Wesentliches über Gott und damit über uns erfahren. Ein wenig verrückt ist das: Gott nicht auf der Seite der Definitionsmacht, bei den Normalen, sondern bei denen, die out sind, die es nicht oder nicht mehr bringen. Kennen Sie das: Da stellt die Demenz eines nahen Verwandten alles in Frage, was sicher zu sein schien. Zugleich aber öffnet seine Verwirrung die Augen für das, was wirklich wichtig ist.
Das Telefon gehört in der Regel nicht in den Kühlschrank, die Stehlampe ist keine Trockenhaube, und die Puppen sind keine Kinder. Aber manchmal - in allem Chaos, bei aller täglichen Überforderung, kann man es fühlen: Gott ist gerade da, wo wir nicht mit ihm rechnen. Mitten drin.
Wer ist hier eigentlich "dement"?
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