Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

11.03.08, Pfarrer Erhard Ufermann

Alles wirkliche Leben ist Begegnung

Alles schien wie immer an diesem Tag. Wenn nicht plötzlich diese junge Kollegin in einer unverschämt naiven Art und Weise in der Kantine Martin Buber zitiert hätte:

„Alles wirkliche Leben ist Begegnung“.

So ein Satz in der Kantine über alle „abgegrasten“ Tabletts kann als militanter Angriff auf die Mittagspause und den kollegialen „Small talk“ angesehen werden. Entsprechend wurde zurück geschossen: „Was verstehst Du schon vom ´wirklichen Leben´? Du bist ja noch nicht mal verheiratet.“ Und jemand anders: „Heute ist alles und nichts Begegnung. Wir sind überall und zu jeder Zeit mobil erreichbar. Von diesen Möglichkeiten konnte dieser Buber nur träumen.“ „Ich weiß nicht“, entgegnete die Kollegin ruhig: „Wir kommunizieren zwar den ganzen Tag. Aber begegnen wir uns noch?“

Mir ging das kurze Gespräch in der Kantine nach. Wir telefonieren, smssen, mailen, faxen und chatten den ganzen Tag. Kommunikation light, per Tastendruck. Weltweit. Die Schnelligkeit hat sich verselbständigt. Eine Inflation von Worten: Die Form nebensächlich, Inhalte oft sinnentleert, die Menschen dahinter austauschbar.

In den unbegrenzten Möglichkeiten der modernen Kommunikationsgesellschaft verlieren sich viele. Die scheinbar gewonnenen persönlichen Freiheiten haben nicht zu festeren Bindungen geführt. Im Gegenteil: Jeder dritte Deutsche hat Angst vor Einsamkeit (Allensbacher Institut 2003).

„Alles wirkliche Leben“, schrieb Martin Buber, „ist Begegnung“. Der jüdische Philosoph, der vor 130 Jahren geboren wurde, betonte die Bedeutung des ´Dialogs´. Damit meinte er nicht das simple „Nu redet mal miteinander“, sondern eine Haltung, die einer konkreten Begegnung zutraut, „sinn-voll“ zu sein. Wie wir uns begegnen, entscheidet mit darüber, wer ich bin. Was sich zwischen dem DU und dem ICH an Aufmerksamkeit, an Vertrauen, an Liebe ereignet, macht ´Sinn´. Jedes Kind weiß das. Wer sich geliebt fühlt, kann sich finden und entwickeln oder eben nicht. Wenn zwischen uns nichts Sinnvolles mehr passiert, droht Sinnlosigkeit. Am Ende verliere ich mich.

Mittlerweile flüchten sich viele in Parallelwelten, die uns anbieten, jemand zu sein. Elf Millionen Spieler kommunizieren über sog. Stellvertreter im „Second Life“, einer Internetplattform zur virtuellen Begegnung. Hier kann man sich anonym ausprobieren, Kontakte knüpfen, vorübergehend Beziehungen eingehen, seine Lust und Phantasie ausleben, ungestraft Aggression und Macht ausüben.

„Wirkliches Leben“, meint Buber, hat man nicht einfach von Geburt an. So wie man nicht einfach „Liebe“ haben kann. Gefühle kann man haben, kriegen oder wieder verlieren. „Ich lieb Dich, ich lieb Dich nicht.“ „Liebe“ gehört niemandem. Sie ist keinem zu Eigen. Es haften ihr Gefühle an, aber sie ist nicht einfach nur Gefühl. Sie ereignet sich dazwischen, zwischen dem DU und dem ICH. Das meint qualitativ eine ganz andere Art der ´Begegnung´.

Die junge Kollegin in der Kantine hat mit ihrer Anfrage Recht: Auch heute werde ich wieder ohne Ende „kommunizieren“, unzählige Telefonate führen und Mails schreiben. Das reale Leben eben. Nicht unbedingt das ´wirkliche´. Gott, lass nur eine sinn-volle Begegnung darunter sein. Das wünsche ich Ihnen und mir für diesen Tag. 

Audiobeitrag Alles wirkliche Leben ist Begegnung


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