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Herausstehende Nägel
Herausstehende Nägel müssen eingeschlagen werden. Das japanische Sprichwort erklärt in seiner Bildhaftigkeit überzeugend, dass alles, was von der Norm abweicht,
geglättet werden muss. Entsprechend halten sich Japaner nachweislich auch eher an Regeln als Europäer. In der japanischen Gesellschaft ist die Regel quasi heilig, die Abweichung ein Sakrileg.
Nächste Woche erinnern wir uns im christlichen Kulturbereich an die Kreuzigung Jesu vor 2000 Jahren. Damals führte das abweichende Verhalten und öffentliche Reden des Handwerkers zu seiner Verurteilung und Kreuzigung.
In den drei Jahren seiner Wanderschaft fiel Jesus nicht nur durch seine zum Teil provozierenden Reden und durch einzelne Heilungen auf, sondern auch durch sein unangepasstes Verhalten. So verstieß er mehrfach gegen die heiligen Reinheits- und Sabbatgebote seiner Religion. Damit konfrontiert, meinte er, die Gesetze seien um des Menschen willen gemacht und nicht umgekehrt. Jedenfalls ? warf ihm das Establishment seiner Zeit eine staatskritische Einstellung vor und verdächtigte ihn, terroristischen Gruppierungen nahe zu stehen. Die Justiz, die Politik und die Vertreter der Wirtschaft fanden sich in einer einmütigen Allianz zusammen, um ihn los zu werden. Hinzu kam, dass seine Sympathisanten auch nicht gerade zur Creme de la Creme der damaligen Gesellschaft zählten. Die letzte ausschlaggebende Aktion für seine Verhaftung war sicher sein aggressiver Angriff auf die Bänker und Verkäufer im Tempelvorhof. Durch Verrat konnte er in einer Nacht- und Nebelaktion festgenommen werden.
Es ist nicht ganz leicht, sich darauf einzulassen, dass im Christentum Normverstöße und ein rechtskräftig zum Tode verurteilter Straftäter im Mittelpunkt stehen. Schon bald nach seinem Tod fingen Anhänger an, den Skandal abzuschwächen nach dem Motto: War ja alles gar nicht so gemeint. Gott sei schuld. Er habe Jesu Leiden und Tod als Opfer geplant. Die Freunde Jesu, die dagegen versuchten, seinem Gerechtigkeitssinn und seiner Liebe zum Leben konsequent zu folgen, wurden genauso wie er Opfer ihrer Überzeugungen. Bis heute ist das so. Immer wieder. Die sog. Passionszeit, in der wir zur Zeit leben, hat nicht nur als Erinnerung an das Leiden Jesu ihre Bedeutung. Sondern sie verweist auch auf die Freunde Jesu, die aufgrund ihrer Überzeugungen von der jeweiligen Norm und den herrschenden gesellschaftlichen Vorstellungen abweichen und deswegen zu Opfern gemacht werden.
Herausstehende Nägel müssen eingeschlagen werden, so die japanische Maxime. In der Nachfolge Jesu kann man zu anderen Überzeugungen kommen: Alle Gesetze und Normen sind nur dann heilig, wenn sie dem Menschen dienen. Dort, wo Regeln ungerechte Verhältnisse manifestieren und Menschen darunter zu leiden haben, ist im Sinne Jesu mit Leidenschaft dagegen anzugehen. Auch das bedeutet Passion.
Um das Bild des japanischen Sprichwortes aufzunehmen: Bevor man herausstehende Nägel einschlägt, sollte man den Untergrund überprüfen. Vielleicht ist er schon morsch. Manchmal verweisen gerade die Unebenheiten im Leben auf Wahrheiten und dort, wo alles glatt zu sein scheint, blüht die Lüge unter der Oberfläche.
Es ist nicht ganz leicht: das mit den Nägeln und dem Untergrund, das mit dem Leiden und der Leidenschaft zu verstehen. Aber billiger, da bin ich sicher, gibt es die Wahrheit nicht.
Herausstehende Nägel
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