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Sarah und Hagar
O-Ton Saniye Özmen: Ich bin ein sozialer Mensch, suche den Kontakt auch, und wenn ich merke, ich bin allein, ich kann mit niemandem irgendetwas austauschen,
, - em fühl ich mich natürlich sehr einsam. Das war ziemlich schrecklich am Anfang.
Autorin: So erlebte Saniye, Wirtschaftwissenschaftlerin und islamische Theologin, ihre Anfänge hier in Deutschland. Guten Morgen, liebe Hörerin, lieber Hörer. Ich heiße Britta Jüngst und bin Pfarrerin im Frauenreferat der Evangelischen Kirche von Westfalen.
Saniye kam vor 13 Jahren aus der Türkei nach Dortmund. Mittlerweile hat sie viele Freunde und Freundinnen hier. Auf Elternabenden im Kindergarten und in der Schule hat sie Kontakte geknüpft. In der Moschee, in der sie ehrenamtlich arbeitet, leitet sie einige Frauengruppen und betreut die christlichen Besucherinnen und Besucher.
In Gelsenkirchen arbeitet der jüdische Kulturverein Kinor. Hier engagiert sich Karina , eine jüdische Juristin aus der ehemaligen Sowjetunion. Sie lebt seit 10 Jahren im Ruhrgebiet Und fühlt sich wohl in der ihrer zweiten Heimat.
O-Ton Karina Bakhmutskaya: Was bedeutet integrieren? Dass der Mensch ein Teil dieser konkreten Gesellschaft ist. Für mich persönlich bedeutet das, dass man sich einerseits wohl fühlt und auch anderen Leuten lässt sich mit ihm hier in diesem Land wohl fühlen. Von der Lebensweise bedeutet das, dass man irgendwelche Arbeit findet oder sich selbständig macht oder egal. Dass man nicht in einer Muschel da sitzt.
Autorin: Ich habe Saniye und Karina bei der Sarah-Hagar-Initiative Ruhrgebiet kennen gelernt. Das ist ein interreligiöses und interkulturelles Frauenprojekt. Gestartet 2002 in Berlin, breitete es sich bundesweit aus.
Im Sarah-Hagar-Projekt treffen sich Frauen aus unterschiedlichen politischen und religiösen Zusammenhängen. Wie zum Beispiel im vergangenen März, als 100 jüdische, christliche und muslimische Frauen in Bochum den ersten Sarah-Hagar-Tag im Ruhrgebiet feierten. Wir haben einander zugehört, diskutiert, beraten, natürlich miteinander gegessen. Wir haben viel gelacht, auch gesungen. Nicht alles war geplant. So packte eine christliche Kantorin aus Russland ihr Saxophon aus und eine muslimische Musikerin aus der Türkei ihre Saz, eine Laute. Gemeinsam improvisierten sie Lieder aus dem evangelischen Gesangbuch. Und die alten Lieder klangen ganz neu.
Sarah und Hagar der Name unserer Initiative erinnert an zwei Frauen, von denen die Bibel erzählt. Sie haben eine spannungsreiche Geschichte miteinander. Von Harmonie unter Frauen ist da wenig zu lesen. Sarah ist die Frau von Abraham, Hagar ihre Sklavin aus Ägypten.
Gott hatte Sarahs Mann Abram immer wieder versprochen, dass sich aus seinen Nachkommen ein großes Volk entwickeln sollte. Allerdings Sarah blieb kinderlos. Eine schwierige Situation angesichts der vielen Versprechungen Gottes. Eine Katastrophe für Sarah, denn Kinder zu bekommen wurde als wesentlicher Lebenszweck einer Frau angesehen. So sucht Sarah nach einer praktikablen Lösung. Abraham soll mit ihrer Sklavin Hagar schlafen. Das Kind, das dabei entsteht, soll dann als Sarahs Kind angesehen werden. Das war in dieser Zeit kein unübliches Vorgehen. Eine frühe Form der Leihmutterschaft.
Abraham hört auf Sarah. Hagar, die ägyptische Sklavin, wird gar nicht erst gefragt. Und mehr noch: im Munde Sarahs und Abrahams hat sie nicht einmal einen Namen. Beide sprechen von ihr nur als von der Sklavin, in ihren Augen keine Person, nur Objekt ihres Willens.
Sprecher: Gen 16,4-6 So ging Abram zu Hagar und sie wurde schwanger. Doch als sie merkte, dass sie schwanger war, verlor ihre Herrin an Gewicht in ihren Augen. Da sagte Sarai zu Abram: Die Gewalt, die mir geschieht, komme über dich! Ich selbst habe meine Sklavin in dein Bett gelegt. Doch kaum merkt sie, dass sie schwanger ist, verliere ich an Gewicht in ihren Augen. Gott soll richten zwischen mir und dir. Abram sagte zu Sarai: Schau, deine Sklavin ist in deiner Hand. Mach mit ihr, was dir gefällt. Da demütigte Sarai sie so, dass sie vor ihr die Flucht ergriff.
Autorin: Die schwangere Hagar zahlt ihrer Herrin die Erniedrigung heim. Das Kind in ihrem Leib ist etwas, das sich ihre Herrin nicht selbst verschaffen kann. Hagar verachtet Sarah und lehnt sich gegen ihre Demütigung auf. Sarah wiederum will nicht länger dulden, dass die schwangere Hagar auf sie herabsieht. Abraham überträgt Sarah die alleinige Verantwortung für die Situation. Der große Patriarch zieht sich zurück, und damit funktioniert diese Geschichte wie so viele, die wir kennen, nach dem Motto: er ist ja nett die Zicke ist sie. Vor den Demütigungen Sarahs flieht Hagar in die Wüste. Hier bricht sie an einer Quelle zusammen, ohne Perspektive für sich und ihr ungeborenes Kind.
Sprecher: Gen 16,7+8 Gottes Bote fand sie an einer Wasserquelle in der Wüste, an der Quelle auf dem weg nach Schur, und sprach sie an: Hagar! Du Sklavin Sarais, woher kommst du und wohin willst du? Sie sagte: Ich bin auf der Flucht vor meiner Herrin Sarai.
Autorin: Ein Bote Gottes, ein Engel also spricht sie an, der erste, der sie beim Namen ruft: Hagar. Das heißt übersetzt: die Fremde. Ein Name, der zugleich den großen Schmerz ihres Lebens benennt: fremd zu sein. Die Botschaft des Engels ist niederschmetternd: Hagar soll zu Sarah und Abraham zurückkehren in die Sklaverei. Vielleicht der einzige Weg für sie zu überleben, denn alleine in der Wüste hatte sie kaum Chancen.
Sprecher: Gen 16,10 + 11 Weiter sprach Gottes Bote zu ihr: Ungeheuer vermehren will ich deine Nachkommen, so dass man sie vor Menge nicht zählen kann.
Autorin: Hagar wird mit einem wunderbaren Versprechen zurück geschickt, einer Verheißung wie sie auch Abraham bekam: Auch aus ihrem Sohn soll einmal ein großes Volk werden, so groß, dass man die Menge nicht zählen kann. Der Name des Kindes soll Ismael sein. Ismael das heißt übersetzt: Gott hört, denn Gott hat die Klage Hagars gehört.
Sprecher: Gen 16, 13a Da schließlich gab sie Gott, der Gottheit, die mit ihr redete, einen Namen: Du bist El Roi, ein Gott des Hinschauens.
Autorin: Gott sieht Hagar an, als sie ganz am Ende ist, ganz unten. Gott sieht Hagar an, und so nennt Hagar Gott dann auch: Du bist ein Gott des Hinschauens. Du siehst mich. Hagar ist damit der erste Mensch in der Bibel, die erste Frau, die Gott einen Namen gibt, die erste Theologin also. Du bist ein Gott des Hinschauens. Du bist ein Gott, der mich sieht, genau da, wo ich jetzt gerade bin. Das sagt eine Sklavin, eine Frau, eine Fremde.
Und damit ist für Hagar alles anders, obwohl sie wieder zurückgeht. Ihre Situation hat vor Gott Bedeutung. Hagar findet in großer Not ihre Stimme, sie spricht. Ihr Kind wird nicht das Kind der Herrin sein, sondern ihr eigenes. Gott sieht uns. Auch in Wüstenzeiten. Gott sieht uns so, wie wir sind.
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O-Ton Saniye Özmen: Also Hagar ist für mich immer eine geschichtliche Person gewesen, die mich sehr fasziniert hat. Die ist ja eine Frau gewesen, die einmal farbig nach islamischer Überlieferung, dann noch Sklavin. Die hat ihren Platz bei Gottes Haus gefunden, was keinem anderen Menschen, je einem Mann überhaupt zugesprochen ist. Und da hab ich gesehen, dass Gott nicht unsere Geschlechtigkeit, also nicht, dass ich Frau bin oder dass ein andrer Mann ist, anspricht oder unterscheidet, sondern dass wir alle Menschen sind. Unser Geist wird hier angesprochen.
Autorin: Im Quran wird die Geschichte von Sarah und Hagar anders erzählt als wir sie aus der Bibel kennen. Die Namen der beiden Frauen werden im Quran nicht genannt, doch die islamische Tradition kennt sie in Anlehnung an die Bibel als Sare und Hacer.
Über einen Konflikt zwischen den beiden wird nicht gesprochen. Eine von beiden ist die Mutter Ismaels, des Stammvaters der Araber und damit aller Musliminnen und Muslime.
Nach Ismael wird noch ein zweiter Sohn geboren, Isaak. Abraham, im Quran Ibrahim, dankt Gott für beide.
Auch die Überlieferungen des Quran finden Hagar in der Wüste wieder. Als sie ohne Nahrung, ohne Wasser verzweifelt nach einer Quelle sucht. Auf wundersame Weise legt ihr Sohn Ismael mit dem Fuß eine Quelle frei. So überleben sie. Gott hat sie gesehen. Hagars Wassersuche ist bis heute Teil der Pilgerfahrt nach Mekka. Siebenmal wandern die Pilger, Männer und Frauen, zwischen zwei Hügeln hin und her. So empfinden sie Hagars Suche nach Wasser nach. Hagar ist hier ein Vorbild des Glaubens, immer wieder.
Wenn Gott nach Hagar schaut, so bedeutet das jedoch nicht, dass Sarah vergessen wird. Gott schaut auch auf sie und nimmt auch ihren Schmerz wahr. Auch sie bekommt einen Sohn, den Isaak, und bricht in lauten Jubel aus. Der Segen Gottes für Hagar schließt den Segen für Sarah nicht aus. Gott behält beide im Blick. Der Segen Gottes reicht aus für beide, auch wenn sie es miteinander schwer haben.
O-Ton Karina Bakhmutskaya: Wir können nur miteinander umgehen, keine Angst voreinander haben und vielleicht miteinander ein bisschen ehrlicher sein. Und wenn man irgendwelche Fragen stellt, dass nicht sich beleidigt fühlen, sondern diese Frage zu beantworten.
Autorin: Kinder haben noch die Gabe, so genau und auch so unbefangen hinzuschauen, ohne abzuwerten und auszugrenzen. Von ihnen können wir wieder lernen, wirklich zu sehen. Saniyes Söhne bringen oft Freunde mit nach Hause. So lernen auch die Kinder aus christlichen Familien ganz selbstverständlich einen muslimischen Alltag kennen.
O-Ton Saniye Özmen: Es wird fünfmal am Tag gebetet. Irgendeine Tagesstunde ist ein Gebet. Die sehen: aha, die Mutter des Hauses betet und sagt ihren Söhnen auch, ob sie auch das Gebet wahrnehmen wollen. Oder ich bin draußen, die sehn mich hier draußen mit Kopftuch, zu Hause bin ich ohne. Die sehn aha: die trägt jetzt kein Kopftuch Klar. Oder es wird gefastet. Die Kinder kommen zu uns - es ist Fastenzeit - und dürfen bei uns Fasten brechen. Das ist sichtbar.
Musik
Autorin: Judentum, Christentum und Islam werden oft als abrahamitische Religionen bezeichnet, weil Abraham in allen drei Religionen eine Rolle spielt. Diese Bezeichnung spiegelt den Wunsch wider, Gemeinsamkeiten in unseren Religionen zu finden und auf einem gemeinsamen Weg zu gehen. Wenn wir uns auf Sarah und Hagar beziehen, dann teilen wir damit den Wunsch, unser Leben hier gemeinsam zu gestalten. Wir leben hier zusammen, und wir wollen ein gutes Leben miteinander. In Alltagsfragen werden die Unterschiede oft recht klein.
O-Ton Saniye Özmen: Wie gehen wir zum Beispiel mit unseren Texten um? Ja, wie wird eine Frau in den jeweiligen Religionen em behandelt oder in der Gemeinschaft? Em wie gehen wir mit unsren Kindern um? Weil wir sind fast alle Mütter, die Kinder haben. Wie, wie ist die Kindererziehung für eine muslimische Frau? Wie sieht sie das? Wie sieht eine christliche Frau so etwas? Und in den Jahren hab ich gemerkt: so viele Unterschiede gibt es nicht. Wir haben ähnliche Probleme, ähnliche Sorgen in dieser Konsumgesellschaft. Das verbindet natürlich auch.
Autorin: Wenn wir uns auf Sarah und Hagar beziehen, also auf zwei so verschiedene Frauen, dann drücken wir zudem aus: Wir haben immer schon mehr als eine einzige Perspektive auf unser Leben hier. Wir sind nicht gleich, wir wollen nicht immer das Gleiche. Unter uns gibt es Konflikte und Machtgefälle. Unter uns gibt es Verletzungen und Geschichten, die nicht wieder gut zu machen sind. Wie in der Beziehung zwischen Sarah und Hagar. Mit dieser Geschichte leben wir, müssen wir leben. Unterschiedlich zu sein ist nicht immer ein Genuss, sondern manchmal ganz schön anstrengend, auch ärgerlich.
O-Ton Karina Bakhmutskaya: Und was wir schlecht kennen, was wir nicht wissen, vor dem haben wir Vorurteile, vor dem haben wir Angst. Und umgekehrt: was wir gut wissen, was wir gut kennen, vor dem haben wir keine Angst mehr und sogar Interesse oder sogar irgendwelche Liebe.
Autorin: Liebe, sagt die Jüdin Karina, könnte wachsen, wenn wir einander kennen lernen, wenn wir einander nach unserem Leben fragen und nach unserem Glauben fragen. Liebe, vielleicht Freundschaft. Die Muslimin Saniye fühlt sich einsam ohne solche tiefen Beziehungen. Und mir als evangelischer Christin hilft die Bibel zu verstehen, dass es nicht immer leicht ist, unterschiedlich zu sein. Das wussten schon Sarah und Hagar. Und sie erlebten auch: wenn nichts mehr geht, gerade dann ist Gottes Engel da.
Einen schönen Sonntag wünscht Ihnen Britta Jüngst von der Evangelischen Kirche.
Musik
Sarah und Hagar
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