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Gewalt
Von null auf hundert das kann Karsten besonders gut. Auf der Autobahn zum Beispiel. Jemand gibt ihm die Lichthupe und Karsten flippt sofort aus.
Er bremst voll ab, zieht rechts rüber, lässt den anderen überholen, um sich dann wieder direkt an ihn dran zuhängen und zu drängeln. So sehr zu drängeln, dass der Typ mit der Lichthupe irgendwann gezwungen ist auf den nächsten Parkplatz auszuweichen. Dann springt Karsten wutentbrannt aus dem Auto, reißt dessen Wagentür auf und beschimpft ihn gnadenlos. Peinlich ist ihm das nicht auch nicht im nach hinein. Für ihn ist das normal. Peinlich ist das nur seiner Frau mit der er seit 20 Jahren verheiratet ist. Sie hat er noch nie geschlagen, auch nicht die Kinder.
Urlaub von seiner Raserei kennt Karsten nicht. Letztes Jahr in Spanien ist er auch komplett ausgerastet. Da war eine Gruppe von deutschen Rockern und einer hat ihn irgendwie angemacht. Von der Seite. Karsten verstand zwar kein Wort fühlte sich aber sofort angegriffen. War mal wieder direkt von Null auf Hundert. Und hat zugeschlagen - erbarmungslos - wie schon so oft in seinem Leben.
Du hast tausend Schutzengel, hat Karstens Frau immer gesagt. Und Karsten hat jedes Mal genickt. Klar, Geldstrafen hatte er schon jede Menge kassiert in seinem Leben. Die erste mit 20. Das waren damals 5.000 Mark viel Geld für den gelernten Metallarbeiter. Gott sei Dank, hat man mich noch nie wegen Körperverletzung verklagt, erzählt der heute 41 - jährige. Dann hätte ich mit Sicherheit in den Knast gemusst. Obwohl, räumt er ein, wahrscheinlich hätte mich das auch stoppen können.
Karsten hat es auch anders geschafft, aufzuhören. Dank seiner Frau. Es geht nicht gut mit Dir, wenn Du so weiter machst, hat sie eines Tages gesagt. Karsten hat auf sie gehört und sich Hilfe geholt. Bei Komm An in Wuppertal, einer evangelischen Beratungsstelle für gewalttätige Frauen und Männer. Karsten hat Glück gehabt. Von seinem Berater fühlt er sich verstanden. Zum ersten Mal ist da jemand in seinem Leben, der ihn versteht. Klar, gab es Gründe für sein Verhalten. Natürlich liegen die in seiner Kindheit. Er selbst ist mit Schlägen groß geworden. Manchmal hat er schon in die Hose gepinkelt, wenn sein Vater nach Hause kam. Vor lauter Angst. Oft sehr oft hat er gelogen. Auch um seine Schwester zu schützen. Damit er die Schläge bekommt und nicht sie.
Als Karsten 15 war kam sein großer Tag. Wochenlang hatte er im Wald trainiert. Klimmzüge gemacht und Steine gestemmt. Endlich war es soweit. Sein Vater kam mal wieder angetrunken nach Hause und sagte: Dich mach ich fertig. Da nahm Karsten seinen ganzen Mut zusammen und ruckzuck hatte er seinen Vater im Schwitzkasten. Von da an hatte Karsten zu Hause Ruhe.
Meine Frau und ich haben noch nie soviel geredet wie in den letzten Monaten, seitdem ich bei Komm An in die Beratung gehe, erzählt Karsten. Tatsächlich hat sich in seinem Leben viel verändert. Wenn Karsten von seinem Berater erzählt, dann leuchten seine Augen. Von ihm hat er gelernt, dass es noch andere Gefühle gibt, außer Wut, Hass und Aggression. Er kann jetzt seine Gefühle besser wahrnehmen und besser ausdrücken. Auch gegenüber seiner Frau. Kann jetzt auch mal sagen: Heute war es echt nervig auf der Arbeit. Oder: Du hast aber ein tolles Kostüm genäht. Er selbst hat sogar angefangen, zu nähen. Und seine Frau ? Die ist in sein Fitnessstudio eingetreten, dabei war Sport bislang nicht so ihr Ding.
Karsten schüttelt den Kopf. Nee, das hätte er sich früher nicht vorstellen können, ein Leben ohne Gewalt. Und erst recht nicht, dass das Leben so schön sein kann.
Gewalt
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