Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

27.02.08, Pastorin Sabine Steinwender-Schnitzius

Nie wieder

Also, ehrlich gesagt, ich habe es letztes Jahr bereits getan und tue es dieses Jahr wieder. Vielleicht tun Sie es ja auch. Zumindest einmal im Jahr.

Das Sie auf etwas verzichten. Und zwar in der Fastenzeit von Aschermittwoch bis Ostern. Also, vor nem Jahr habe ich zum ersten Mal – ja, was heißt gefastet – ich habe auf Süßes verzichtet – und – ich habe es sogar geschafft. Sieben lange Wochen: kein einziges Gummibärchen, keinen Lakritz Schnuller und erst recht kein noch so winziges Stückchen Schokolade. Dabei bin ich so ein richtiger Junkie und könnte mich von Süß ernähren.

Zugegeben: Ich bin mächtig stolz auf mich gewesen. Aber das war alles nichts - verglichen mit Klara. Die hat vor nem Jahr angefangen und seitdem gar nicht mehr aufgehört. Zwar hat sie nicht abgenommen, aber sie verzichtet ja auch nicht auf Süß, sondern aufs Tratschen. Ja, sie haben richtig gehört. Sie redet seit einem Jahr nicht mehr schlecht über andere. Ausgerechnet Klara! Natürlich ist das nicht leicht für sie. Allein morgens im Kindergarten. Da trifft sie mindestens zwei, drei, die rumlästern. So wie Anna. „Klara, hast Du schon gehört, die Meier ist schon wieder krank. Ist bestimmt psychisch. Die hat keinen Bock mehr auf ihren Job.“ Frau Meier, müssen Sie wissen, ist Erzieherin bei den Schmuddelkindern und wird gerade gemobbt. Kaum ist Klara Anna losgeworden, kommt auch schon Ellen.„ Weißt Du, wen ich gestern gesehen habe, Klara? Rätst Du nie! Madita. Und weißt Du mit wem die rumgemacht hat ? Ausgerechnet mit Emilias Papa, wo die doch bald ihr Zweites kriegen . ...

Früher da wäre sie darauf eingestiegen – auf so richtige Arschloch Männer, das war Klaras Spezialgebiet, da hätte sie sich stundenlang – klar, schließlich hat ihr Vater ja auch ihre Mutter sitzen lassen. Doch das war früher. Heute bleibt Klara vollkommen cool. Sie lächelt freundlich – wenn auch ein wenig gequält – und sagt, sie sei spät, sie müsse jetzt schnell zur Arbeit. Aber da ist es auch nicht besser.

Irgendwie tut Lästern ja auch gut. Wenn man schlechte Laune hat, unmotiviert ist oder aggressiv. Da tut so ne Runde Ablästern doch richtig gut. Finden Sie nicht auch? Und ehe man sich versieht, ist wieder ein Stündchen vergangen. Da kann man getrost schon mal zwei drei Tagesprogrammpunkte streichen – irgendwelche doofen Dinge, zu denen man eh keine Lust hat. Und sicherlich findet sich wenig später wieder jemand, mit dem man weiterlästern kann.

Wie gesagt Klara, kann das nicht, weil sie lästert ja nicht mehr. Und hat deshalb viel mehr Zeit als früher. Nur habe sie jetzt keine Freunde mehr, erzählt sie lachend. Es sei doch erstaunlich, wie wenig man sich mit anderen zu sagen habe, wenn man nicht mehr schlecht über dritte rede. Aber – sagt sie – eigentlich gehe es ihr besser. Sie spare nicht nur Zeit, sondern auch Energie. Eigentlich ist das auch logisch. Weil man hat ja plötzlich den Kopf frei, wenn man nicht mehr überlegen muss, wer jetzt mit wem und warum und wieso und wem man das noch dringend erzählen muss ... weil die hat doch neulich und wird demnächst ... und so weiter.

Und wenn ich mir Klara so anschaue, was sie im letzten Jahr alles geschafft hat – eigentlich erstaunlich. Endlich macht sie die Zusatzausbildung, die sie schon seit Jahren machen wollte. Früher hatte sie immer tausend Gründe, warum das angeblich nicht ging. Schon komisch. Was so eine Fastenzeit alles bewirken kann, ein Verzichten auf etwas. Vor allem, wenn mit Ostern nicht einfach Schluss ist. Wenn das Fasten nicht nur eine Ausnahme von der Regel ist, sondern zur Regel wird. Also zu einer inneren Haltung – zu etwas, das man ganz bewusst macht. Und das einem so gut tut, dass man damit gar nicht mehr aufhören will. Auch nicht zu Ostern.

Audiobeitrag Nie wieder


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