Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

28.02.08, Silke John

Das 6. Gebot: "Du sollst nicht töten"

„Oh, ich könnte sie umbringen!“ rutscht es Manuela heraus. Sie hat gerade ihre Mutter besucht und ist mal wieder sichtlich genervt. „Machs doch! Dann bring sie halt um!“

Manuela starrt mich entgeistert an: „Das darf man doch nicht! Das ist verboten!“ „Na ja, das schon“, antworte ich, „aber man darf was-wäre-wenn spielen!  Was wäre denn, wenn du deine Mutter umbringen würdest?“

„Dann“, sagt Manuela, „dann hätte ich endlich meine Ruhe: Ich hätte nie mehr dieses schlechte Gewissen, dann müsste ich nicht immer ihre ständigen Vorwürfe hören: ‚Nie kommst du mich arme, alte, einsame Frau besuchen’. Ich hätte von alldem endlich meine Ruhe – keine Verpflichtungen mehr, keine Vorwürfe“ Manuela zögert, „Sie würde mir natürlich auch nichts mehr von meinem Vater erzählen.“

Manuelas Vater ist  gestorben, als sie noch ein Kind war. Alles was sie von ihm weiss, stammt aus den alten Fotoalben. Und von dem, was ihr ihre Mutter erzählt: Wie sich ihre Eltern kennengelernt haben, wie er lachte,  wie er sich so über die Geburt von Manuela gefreut hat; dass er ihr  tausendundeine Sache zum Spielen gebastelt hat.“

Nachdenklich blickt Manuela mich an.

„Weißt du was? Das nächste Mal, wenn ich meine Mutter besuche, dann sage ich ihr, dass mich ihre ständigen Vorwürfe verletzen und wir doch lieber die gemeinsame Zeit genießen sollen. Und wenn wir dann zusammen sitzen, dann können wir uns lieber die alten Fotoalben ansehen, uns  über Vater unterhalten und uns gemeinsam an ihn erinnern.“

Sprecher: Michael  Birgden

Audiobeitrag Das 6. Gebot: "Du sollst nicht töten"


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