Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

01.03.08, Pfarrer Rüdiger Schnurr

"Gott liebt diese Welt" (eg 409)

Manchmal ertappe ich mich beim Autofahren dass ich vor mich hinsumme. Das Summen wird zu einer Melodie, wird lauter und lauter und schließlich singe ich mit aller Kraft:

„Gott liebt diese Welt, und wir sind sein eigen, wohin er uns stellt, sollen wir es zeigen, Gott liebt diese Welt.“ Es ist immer das gleiche Lied. Meistens passiert mir das vor einer roten Ampel. Gut, das in solchen Momenten kein anderer dabei ist und mich hört. Darum lasse ich jetzt auch lieber andere singen:   

Choral: 1. Gott liebt diese Welt, und wir sind sein eigen. Wohin er uns stellt, sollen wir es zeigen: Gott liebt diese Welt!   

Autor: Wenn ich wieder losfahre, kann ich über mich selbst lachen, aber jedes Mal fällt mir ein, wann ich dieses einfache Lied kennen gelernt habe. Das war Ende der sechziger Jahre. Ich war vielleicht 13 oder 14 Jahre alt. Mit der Jungschar waren wir ins Zeltlager gefahren. Edgar, unser Jungscharleiter hatte – so sehe ich das im Rückblick – eine geniale Idee: an jedem Tag des Lagers hielt er zu den Strophen dieses Liedes eine Bibelarbeit. Morgens früh, noch vor dem Frühstück, versammelten wir uns unter dem großen Lagerkreuz  und sangen miteinander an jedem Tag eine weitere Strophe. Uns Jungscharlern kam dieses Lied sehr entgegen, denn obwohl viele von uns im Stimmbruch waren, und das Singen mehr Brummen und Krächzen war, konnte man die einfache Melodie immer noch erkennen. Und die Tonfolgen flogen gesungen oder gepfiffen immer wieder kreuz und quer über den Zeltplatz, sogar nachts konnten wir uns im Wald damit zu erkennen geben, wenn einer die erste Zeile pfiff  und der andere mit der letzten antwortete. 

Ich weiß nicht wie’s den anderen Jungen damals damit ergangen ist. Mir jedenfalls hat sich die Botschaft dieses Liedes tief eingeprägt: Gott liebt diese Welt. Und wenn sie mir noch heute vor einer roten Ampel wieder in den Sinn und über die Lippen kommt, dann wird das schon seine tiefere Bedeutung haben.                                                        

Choral: 1. Gott liebt diese Welt, und wir sind sein eigen. Wohin er uns stellt, sollen wir es zeigen: Gott liebt diese Welt! 

Autor: Das Lied gab es zu jener Zeit noch nicht lange. Bei uns im Westen war es erst seit  kurzem bekannt. 1962 wurde es zum ersten  Mal auf einem Evangelischen Jugendtag in Schwerin, in der damaligen DDR, gesungen. Walter Schulz war zu dieser Zeit Landesjugendpfarrer in der Mecklenburgischen Kirche. Er hat Text und Melodie geschaffen. Gerade mal ein knappes Jahr war es her, dass am 13. August 1961 mit dem Bau der Berliner Mauer begonnen worden war. Damit war ein Höhepunkt des kalten Krieges zwischen Ost und West erreicht. Im Leben der  jungen Menschen spielte seit einigen Jahren die von Staats wegen geförderte Jugendweihe eine besondere Rolle.  Der “Zentrale Ausschuss für Jugendweihen in der DDR“ erklärte dazu:

Sprecher: Die Jugendweihe ist eine feierliche Veranstaltung beim Übergang des Jugendlichen in das Leben der Erwachsenen mit vorausgehenden Zusammenkünften, Jugendstunden genannt, in denen unter Leitung von erfahrenen Persönlichkeiten über Fragen des Lebens, der Natur und der Gesellschaft gesprochen wird.     

Autor: In diesen Jugendstunden würde die marxistische Religionskritik verbreitet werden. Das war den Kirchen von Anfang an bewusst. Und so kam es auch: Der christliche Glaube wurde als “phantastisch“, als “ein reines Märchen“, als “völlig unwissenschaftlich“ abqualifiziert. Ein Schöpfergott wurde grundsätzlich verneint.  Für die Kirchen war klar: dagegen muss man Stellung beziehen. Und so wurde unmissverständlich erklärt:  

Sprecher: Kinder, die sich einer Handlung unterziehen, die im Gegensatz zur Konfirmation steht - Jugendweihe oder dergleichen -, können nicht konfirmiert werden.   

Autor: Aber man kann ja nicht nur gegen etwas sein, nicht nur Verbote aussprechen. Man muss doch auch erklären, wofür man steht, wovon man überzeugt ist. Die Stärke einer Überzeugung liegt nicht im Verbot. Damit kann man keinen gewinnen, junge Menschen schon gar nicht.  Darum bezieht das Lied „Gott liebt diese Welt“, Position. Es ist im Grunde nichts anderes als ein gereimtes Glaubensbekenntnis. Die Melodie, die wie eine Fanfare anhebt, hilft auf ihre Weise, Stellung zu beziehen. Sie will Aufmerksamkeit wecken. Sie fordert auf: Hört euch an, wofür wir stehen:  

Choral: 2. Gott liebt diese Welt. Er rief sie ins Leben. Gott ist's, der erhält, was er selbst gegeben. Gott gehört die Welt!  

Autor: Wir glauben, dass diese Welt nach dem Willen Gottes existiert. Der Glaube, dass Gott die Welt erschaffen hat ist für uns kein Märchen. Wir glauben auch, dass diese Welt nicht sich selbst überlassen ist, sondern wir erfahren, Gott ist nach wie vor in ihr und für sie am Werk. Die Nähe Gottes erkennen wir, und wissen uns darin mit seinem Volk, das Gott in die Freiheit geführt hat, verbunden.

Sprecher: 3. Gott liebt diese Welt. Feuerschein und Wolke und das heilge Zelt sagen seinem Volke: Gott ist in der Welt!   

Autor: Seine Mitte findet das Lied in dem Bekenntnis zu Jesus Christus. In ihm kommt Gott zu den Menschen. Er ist das Licht der Welt. Sein Sterben am Kreuz wird zum Schlüssel für den Neuanfang, den Gott seiner Welt schenkt. Das Lied nimmt das auf, was im Johannesevangelium so formuliert wird:     

Sprecher: „Also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, damit alle, die an ihn glauben nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben.“   

Choral: 4. Gott liebt diese Welt. Ihre Dunkelheiten hat er selbst erhellt: im Zenit der Zeiten kam sein Sohn zur Welt! 5. Gott liebt diese Welt. Durch des Sohnes Sterben hat er uns bestellt sein Reich zu ererben. Gott erneut die Welt! 

Autor: Aufmerksam wurde damals in der ganzen Welt auf die Bürgerrechtsbewegung in den Vereinigten Staaten von Amerika geschaut. Der gewaltlose Widerstand gegen die Rassendiskriminierung bewegte die Menschen. Vor allem die Predigten von Martin Luther King fanden Widerhall in West und Ost. Er sprach mit Leidenschaft von der Kraft, die von Gottes Liebe ausgeht und die Kraft zum Lieben gibt. Unser Lied weiß auch warum: Es nimmt die Auferstehung Jesu in den Blick. Keine Macht kann ihn im Tod festhalten, und darum sind Christen mit Jesus unterwegs Sie eröffnen so den Menschen eine Zukunftsperspektive, die sie nicht unter Druck und Zwang übernehmen müssen. Sie wird sich ihnen durch die Kraft der Liebe erschließen.

Sprecher: 6. Gott liebt diese Welt. In den Todesbanden keine Macht ihn hält, Christus ist erstanden: Leben für die Welt! 

Autor: Wir Jungscharler im Zeltlager schauten damals ganz anders auf das Leben, als die Gleichaltrigen drüben in der DDR. Uns gehörte die Zukunft. Technischer Fortschritt war das Zauberwort. Bei uns schien das Leben um so vieles leichter zu sein. Der Glaube ist vielen auf dem Lebensweg suspekt geworden, auch ohne gezielte Indoktrination. Dass Gott die Welt liebt, ist – so schätze ich - bei vielen in Vergessenheit geraten.

40 Jahre später blicke ich zurück. Die jungen Menschen, damals die auf dem Jugendtag in der DDR und wir in unserem Zeltlager, sind mittlerweile zwischen 50 und 60  –  und wir leben in einem vereinten freien Land. Und Gott liebt die Welt immer noch. Manchmal denke ich, ich sollte das Autofenster herunterkurbeln und einfach vor der roten Ampel singen, damit es alle hören: Gott liebt diese Welt…

Choral: 8. Gott liebt diese Welt, und wir sind sein eigen. Wohin er uns stellt, sollen wir es zeigen: Gott liebt diese Welt!  

Das war Kirche in WDR 3 mit Pfarrer Rüdiger Schnurr aus Hilchenbach über den Choral “Gott liebt diese Welt“. Sie hörten die Kantorei der Christuskirche Herford unter der Leitung von Wilhelm Ehrmann.

Audiobeitrag "Gott liebt diese Welt" (eg 409)


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